Freitag, 4. Mai 2018

Dhysthymie: Die unsichtbare Eisenkugel am Bein

Foto: Yvonne Reip
Ich hatte nie eine schwere depressive Episode und musste keine Medikamente nehmen. Die mittelgradigen haben mir, ehrlich gesagt, auch gereicht. Ich kam zwar aus dem Bett, habe es geschafft, etwas zu essen - wenn auch ohne Appetit - , und mich sogar geduscht, aber ansonsten saß ich auf dem Sofa und starrte den Couchtisch an. Ohne ihn wirklich zu sehen.

Dhysthymie - die chronische depressive Verstimmung leichten Grades oder auch depressive Neurose genannt. Klingt gar nicht so schlimm. "Damit kann man gut leben", wurde mir gesagt. Definiere gut! Das ist ein dehnbarer Begriff. Ja, man kann damit leben. Manchmal sogar "gut", also fast so, als wäre nichts.

Und trotzdem ist da diese unsichtbare Eisenkugel am Bein, die man immer und überall mit sich herumschleppt. Gerade noch leicht genug, dass man vorwärts kommt, aber doch so schwer, dass von leicht eben keine Rede sein kann.

Ja, ich kann Freudensprünge machen. Aber nur so hoch, wie die Kette es erlaubt. Ich kann gehen und laufen, aber nicht so schnell. Und ich brauche Pausen, weil ich schneller außer Atem bin. Es ist nämlich anstrengend, so eine Eisenkugel mit sich herumzuschleppen. Mit jedem Schritt.

Wenn mir auf meinem Lebensweg Hindernisse begegnen, freue ich mich nicht über die Gelegenheit, an dieser Herausforderung zu wachsen. Ich kann nicht grazil wie eine Gazelle darüber hinwegschweben. Ich muss die Eisenkugel hochheben und mühsam hinüberklettern. Manchmal verkeilt sich das blöde Ding dabei. Dann brauche ich meine ganze Kraft, es freizuschaufeln. Inklusive Nervenzusammenbrüche, weil sich einfach nichts bewegt. Danach bin ich platt. Nicht stolz sondern platt.

"Nicht immer gleich die Flinte ins Korn werfen", "mehr Biss", "Du hältst auch nichts aus"... Wenn ihr wüsstet, was ich alles aushalte und wieviel Biss ich habe! Macht ihr das mal mit so einer Eisenkugel am Bein!

Mit der Zeit setzt die Seele ein paar Muskeln an, um die Eisenkugel besser stemmen und ziehen zu können. Aber auch das hat seine Grenzen. Ich kann damit leben und Herausforderungen meistern. Aber eben nicht so schnell, souverän und ohne Pausen. Bei allem, was schnell gehen muss, bleib ich auf der Strecke. Bei höher und weiter komme ich nicht mehr mit. Ich muss meine Kräfte einteilen. Dauerhaft. Sonst schleicht die nächste mittelgradige Episode um die Ecke. Das ist keine Faulheit oder fehlender Biss und auch keine Vermeidungsstrategie, das ist Selbstfürsorge.

Was ihr abgesehen von diesem ständigen Ballast aber auch nicht sehen könnt, ist die schicke Deko, mit der ich meine Eisenkugel gelegentlich schmücke. Lichterkette an Weihnachten, Gänseblümchen im Sommer... Manchmal steht auch nur der Aschenbecher drauf.

Kommentare:

  1. Danke für diesen Text. Das Bild mit der Eisenkugel haut mich fast aus den Socken. Es ist soo zutreffend. Ich habe dein Blog jetzt abonniert. Und ich werde weiter hier lesen.

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    1. Vielen Dank und Willkommen!
      Ich hatte ein Problem mit dem Beantworten von Kommentaren hier, deshalb hab ich dir noch einen Tweet geschickt. Ich konnte das Problem aber gerade zum Glück beheben. Technik, ey!

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