Mittwoch, 21. Februar 2018

Ein Beweisstück, um die Depression und den inneren Richter zum Schweigen zu bringen

Foto: Yvonne Reip
Auf dem Blog von Blütenstille las ich heute ihren Artikel Hundert gute Eigenschaften, in dem es darum geht, all seine guten Eigenschaften und Fähigkeiten in eine Liste zu packen. Zu dieser Übung wurde ich schon mehrmals an den verschiedensten Stellen aufgefordert, sehr beliebt natürlich in der Psychotherapie. Gerade fällt mir ein, dass ich das als Sozialarbeiterin auch schon mit Klienten gemacht habe.

Ich finde diese Übung sehr gut. Allerdings brauchen manche Menschen, die ein extrem geringes Selbstvertrauen haben oder tief in einer Depression stecken, Unterstützung dabei. Sonst endet das mal schnell wieder in einem Selbsthassanfall. Denn wir denken immer, dass man schon was ganz Besonderes können muss, um etwas zum Aufschreiben zu haben, und übersehen dabei Fähigkeiten, die uns völlig selbstverständlich erscheinen.

Auto fahren zum Beispiel. Meine beiden Tanten und meine Schwiegermutter können das nicht. Zu viel Angst. Ich hatte auch anfangs einen großen Respekt vor dem Straßenverkehr und dachte schon, ich würde es niemals lernen. Heute bin ich froh über diese Freiheit und fahre mit Navi überall hin.

Wir haben unsere Fähigkeiten nicht immer präsent vor Augen. Die Frage nach den Schwächen können wir meist schneller beantworten. In Vorstellungsgesprächen war es immer der Horror für mich, wenn ich nach meinen Stärken gefragt wurde. "Eigenlob stinkt." Nee, da stinkt eher dieser blöde Spruch. Wir sollen uns verkaufen, Performance abliefern (man denke an all die Selbstdarsteller in TV und auf Youtube, Instagram...), sollen dabei aber natürlich rüberkommen und bescheiden bleiben, sonst gilt man als Narzisst.

Aber es geht ja gar nicht um diese Scheinwelt. Was ich in Vorstellungsgesprächen erzählt habe, war größtenteils das, wovon ich wusste, dass man es hören will (zuverlässig, pünktlich, pflichtbewusst, blah, blah). Eine meiner ausgeprägtesten und zweifelhaftesten Fähigkeiten: mich auf den anderen einstellen und seine Bedürfnisse erspüren.

Worum es wirklich geht, sind die Eigenschaften und Fähigkeiten, die mich als Person tatsächlich und wahrhaftig ausmachen, die ich selbst an mir mag und auf die ich vielleicht sogar stolz bin, ohne mir dessen bewusst zu sein. Ich habe diese Liste immer wieder neu angefangen und jedesmal nach einer Weile weggeworfen. Es ist schön, das so für sich zu machen. Aber es ist nochmal was anderes, es öffentlich zu tun, wo jeder es lesen kann. Sozusagen als bezeugtes Beweisstück, das ich dem inneren Richter unter die Nase wedeln kann, wenn er mich mal wieder runterputzt. Oder der Depression, wenn sie mir zum millionsten Mal weismachen will, was für eine Niete ich bin.

Und hier ist meine persönliche Liste von meinen guten Eigenschaften und Fähigkeiten, die sicher noch ausbaufähig ist:
  • Ich kann meinen Pferden die Hufe selber schneiden und raspeln.
  • Ich bin kreativ und stelle mich dabei recht gut an (schreiben, fotografieren, malen, zeichnen, Lösungsfindung, Upcycling).
  • Ich kann kochen.
  • Ich kann rückwärts einparken (außer wenn ich meine Tage habe).
  • Ich bin sehr wissbegierig, lese mich schnell in neue Themen ein und eigne mir innerhalb kürzester Zeit neues, umfassendes Wissen an.
  • Ich kann eine Stereoanlage inklusive TV, Receiver... aufbauen und zusammenstecken. Ebenso PC, Drucker, Bildschirm...
  • Ich verfüge über diplomatisches Geschick und kann bei Konflikten vermitteln.
  • Ich finde meinen Körper schön.
  • Ich kann mich absolut lautlos bewegen und unsichtbar machen.
  • Ich bin ein Autodidakt und lerne durch zuschauen und nachahmen.
  • Mir fallen Details auf, die andere übersehen.
  • Ich bin empathisch und kann gut zuhören.
  • Ich verliere fast nie meinen Humor. Er wechselt höchstens die Farbe.
  • Ich kenne keine Langeweile. Mir fällt immer was ein. Oder ich praktiziere bewusstes Nichtstun.
  • Ich kann gut allein sein.
  • Obwohl ich es hasse, beherrsche ich Small-Talk.
  • Ich bringe andere Menschen zum lachen.
  • Ich habe einen analytischen Verstand.
  • Ich bin selbstreflektiert.
  • Ich ziehe mich immer wieder an den eigenen Haaren aus dem Depressionssumpf.
  • Ich verwandle Scheiße in Gold (Depression => Buch) - ich muss Alchimistin sein. :D
  • To be continued...

Und ihr so?

1 Kommentar:

  1. Moin :-)
    ich lese schon lange hier mit und es wird mal Zeit auch ein paar Worte hier bei dir zu lassen.
    Diese Liste mit dem was ich gut kann fällt mir extrem schwer zu
    erstellen :-( wie du auch schreibst, man denkt immer nur die
    ganz besonderen Dinge wären erwähnenswert.
    Das es aber auch die vielen Dinge die wir selbstverständlich finden,
    wert sind sie einmal aufzuschreiben um sie vor Augen zu haben, hab
    ich mir durch deinen Artikel hier jetzt noch mal ganz fest vorgenommen.
    Daher vielen Dank fürs aufschreiben :-)
    Lg Aurelia

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