Samstag, 30. Dezember 2017

Emotionale Explosion bei Überforderung - der Meltdown


Dieses Thema ist mir sehr unangenehm, denn es geht um eine meiner dunkelsten Schattenseiten. Von Zeit zu Zeit bekomme ich furchtbare Wutausbrüche, für die ich mich hinterher sehr schäme. Einerseits weil das für mein Umfeld sehr belastend und erschreckend ist, andererseits weil ich damit meinen Anspruch an mich, immer gelassen und souverän zu sein, nicht erfülle. Außerdem weiß ich in einem solchen Moment, dass mein Verhalten absolut nicht im Verhältnis zur Situation steht. Es wirkt nach außen hin völlig übertrieben, cholerisch oder hysterisch und verrückt. Ein voll und ganz ablehnenswertes Verhalten, das mich als Mensch hässlich und nicht liebenswert macht.

Schon als Kind habe ich bei solchen Ausrastern meinen Kopf auf den Boden geschlagen, Dinge durch die Gegend geworfen oder kaputt gemacht. Meine Familie hatte dafür kein Verständnis. Ich wurde ausgeschimpft und einige Zeit gemieden. Das war sehr schlimm für mich, denn es verstärkte die Scham und den inneren Emotionsstau. Ich versuchte, es zu kontrollieren, was mir zwar manchmal gelang, doch richtete die Wut sich dann nur noch mehr gegen mich selbst. Statt Gegenstände zu zerstören, tat ich mir selber weh. Das wurde natürlich auch nicht gern gesehen. Doch irgendwo musste diese unbändige Wut ja hin. Leider habe ich nicht gelernt, wie ich sie anders kanalisieren könnte. Was mich immer mehr verzweifeln ließ, war die Frage, warum ich überhaupt so heftig auf Kleinigkeiten reagiere. Und warum ich das nicht lassen konnte.

Meistens passiert es dann, wenn mir etwas nicht gelingt. Wenn ich also meinen Leistungsanspruch nicht erfülle. Trotzdem gibt es Momente, in denen ich darauf völlig gelassen reagieren kann. Es muss also noch etwas anderes sein, obwohl dieses Gefühl des Versagens und der drohenden Ablehnung dadurch schon sehr präsent ist. Ich bin mir nicht sicher, woran das liegt. Ich habe nur eine vage Vermutung. Doch abgesehen davon, muss es noch weitere Auslöser geben. Die Wutausbrüche treten nämlich auch in anderen Situationen auf. Zum Beispiel nach einer langen Reise (10 Stunden Autofahrt), bei sehr viel Menschenkontakt über einen langen Zeitraum, oder wenn mehrere Dinge gleichzeitig auf mich einstürmen (Telefon klingelt, es klopft an der Tür, jemand stellt mir eine Frage).

Als ich in den letzten Tagen aus aktuellem Anlass darüber nachgedacht und mir die betreffenden Situationen noch einmal vor Augen geführt habe, fielen mir weitere Auslöser auf. Zeitdruck und Hunger sind eine ganz tödliche Mischung für mich. Eigentlich reicht schon Hunger alleine. Überhaupt ist mir klar geworden, dass ich in solchen Momenten körperliche Bedürfnisse zu Gunsten irgend einer Pflicht oder Leistungsanforderung ignoriere. Und wenn mir dann auch noch nicht gelingt, was ich da tue, macht es innerlich Peng. Durch das Unterdrücken meiner körperlichen Bedürfnisse werde ich ungeduldig und unkonzentriert, so dass ein Misslingen im Grunde vorprogrammiert ist. Eine erste Schlussfolgerung lautet also: Köperliche Bedürfnisse first! Dazu gehören auch Ruhephasen für meinen Kopf oder schmerzenden Rücken. Das einzige, was ich dann "nur" noch lernen muss, ist, es auszuhalten, wenn Aufgaben halb fertig liegen bleiben und zu einem späteren Zeitpunkt beendet werden. Ich weiß auch nicht, warum mich das so beunruhigt. Immer meine ich, alles in einem Rutsch fertig machen zu müssen, bis ich vor Erschöpfung zusammenbreche. Der Magen knurrt, die Blase drückt - egal, zuerst muss ich dies oder jenes erledigen. Totaler Quatsch!

Natürlich fällt mir auf, dass ich schneller gestresst bin als andere Menschen. Das allein ärgert mich schon sehr. Dass ich nicht so belastbar bin, wie ich gerne wäre. Wie all die anderen. Ich erinnere mich, wie mir Kolleginnen sagten, sie hätten den ganzen Tag noch nichts gegessen oder wären noch nicht einmal auf Toilette gewesen, weil sie einen Termin nach dem anderen hatten. Ich solle mich also nicht so anstellen, wenn meine Mittagspause aufgrund einer Verspätung ausfallen würde. Ging es meinen Kolleginnen gut damit? Auf keinen Fall! Magengeschwüre, Rückenprobleme und andere Beschwerden wurden jedoch mit harten Medikamenten unterdrückt, um genauso weitermachen zu können. Und dann kommt so ein Hippie wie ich daher und besteht auf seine Mittagspause. Dennoch weiß ich, dass ich heftiger auf Stress reagiere und die Grenze bei mir schneller erreicht ist. Ich kriege das schon mit, dass ich anders bin.

Hochsensible Menschen kennen das als Overload. Zu viele Reize auf einmal lassen die inneren Sicherungen rausfliegen. Schmerz und Hunger habe ich bisher nie als Reize angesehen, doch sie gehören definitiv dazu. Ebenso wie anhaltender Lärm im Hintergrund (heute wieder sehr schön die Motorsäge gegenüber), Hitze oder Kälte, Stimmungen anderer Menschen, Informationsflut, eine fremde Umgebung und sicher noch vieles mehr. Je nach Tagesform bin ich empfindlicher oder resistenter, aber ich werde immer sensibler als die meisten Menschen sein.

Zu diesen Ausbrüchen kann aber auch emotionale Überforderung führen, wie Angst... äh, ja, also hauptsächlich Angst. Die liegt irgendwie allem zugrunde. Auch wenn ich vorrangig so etwas wie Frustration oder ähnliches empfinde, ist das primäre Gefühl Angst, die sich in Wut äußert. Betrifft die Frustration nicht meine Existenz, und sind alle meine körperlichen Bedürfnisse gestillt, kann ich sie problemlos wegstecken.

Beim Thema Autismus stieß ich auf den Begriff "Meltdown" und erkannte darin meine Wutausbrüche. Tatsächlich frage ich mich häufig, ob ich vielleicht Autistin sein könnte, doch es spricht zu viel dagegen, obwohl ich eigentlich auch nicht viel Ahnung davon habe. Ich kann erschreckend vieles nachvollziehen von dem, was Autisten zum Beispiel auf Twitter schreiben. Aber einiges eben auch nicht. Hochsensibilität soll sich in seinen "Symptomen" (zwischen Anführungszeichen, weil es ja keine Diagnose ist) mit Autismus überschneiden. Oder mit ADHS. Wahrscheinlich gibt es auch eine Mischung von allem. Aber im Erscheinungsbild von ADHS finde ich mich überhaupt nicht wieder. Ich bin auch nicht unbedingt scharf auf eine weitere Diagnose. Mein Psychiater glaubt nicht, dass Autismus bei mir vorliegt. Und so ein Meltdown kann eben auch Menschen mit Hochsensibilität oder psychischer Erkrankung heimsuchen. Abgesehen von der Depression / Dysthymie habe ich einige Symptome, die sich nicht eindeutig zuordnen lassen. Für PTBS erfülle ich nicht alle Kriterien. Es fehlen vor allem die Flashbacks. Eine Anpassungsstörung könnte eher zu mir passen. Panikattacken habe ich keine, obwohl mir bei großen Menschenansammlungen (Weihnachtsmarkt vor kurzem) gerne schlecht wird inklusive Schweißausbruch. Ansonsten habe ich eher diffuse, unterschwellige Ängste, aber eben auch keine richtige Angststörung. Von vielem ein bisschen und nichts so richtig.

Letzten Endes ist es ja auch egal. Fakt ist, dass ich schnell überreizt bin (tagesformabhängig), und ein Overload zu einem Meltdown führen kann, wenn ich nicht rechtzeitig Reize reduziere oder den Wutausbruch anders kanalisiere. Es gilt also, die Auslöser zu erkennen und zu beseitigen, soweit das möglich ist, und eine andere (angenehmere) Art des Druckabbaus zu finden und zu installieren.

Bild: Pixabay / Fotografenprofil

Kommentare:

  1. Vielen Dank für diesen Einblick!
    Es tut gut, zu wissen, dass ich nicht die Einzige bin, die mit diesem Widerspruch zwischen dem eigenen Perfektionsanspruch und dem traurigen Zeugnis des eigenen 'Versagens', das von diesen Meltdowns abgelegt wird, zu kämpfen hat - auch wenn ich natürlich gleichzeitig niemandem diesen Kampf wünsche!
    Alles Gute für 2018!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Dir auch viel Glück, Liebe und Gesundheit für das neue Jahr!

      Löschen
  2. Liebe Yvonne,

    ich finde mich in ganz, ganz vielen Punkten wieder - zum Glück weiß ich um meine Hochsensibilität und was ich mittlerweile brauche, so dass diese Situationen immer weniger auftreten - und wenn, dann versuche ich mich in Selbstmitgefühl.

    Weißt du, was meine Theorie ist? Hochsensible, die keinen oder nur einen sehr geringen Selbstwert haben, suchen Halt - den sie in sich selbst nicht finden und auch nicht finden können, woher denn auch? Und der Halt gibt einem das Außen, sofern man sich anpasst - und so auch seine eigenen Bedürfnisse mal so hoppladihopp übergeht.

    Was denkst du? Wie spielt der Selbstwert hier eine Rolle?

    Die Punkte Zeitdruck und Hunger sind bei mir auch sehr kritische Faktoren.

    Meiner Meinung nach hat all das mit dem Thema der Reizüberflutung zu tun und dass wir Hochsensible einfach alles aufsaugen wie ein Schwamm. Diejenigen Hochsensiblen, die sich nicht akzeptieren und nicht gut für sich sorgen, werden dann "umgehauen" und wissen u.U. nicht, dass es "einfach" nur an einem zuviel an Reizen liegt und man sich "nur" entreizen müsste.

    Ja - man tickt anders als die anderen - aber es hat doch auch seine guten Seiten :-)

    Alles Liebe & Gute dir,
    Julia

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo, Julia!

      Der Selbstwert spielt mit Sicherheit eine große Rolle! Und das akzeptieren können des eigenen Seins. Beides hängt für mich zusammen. Ein hohes Maß an Selbstreflexion und Bewusstheit ist ebenfalls wichtig, um zu erkennen wann es zu viel wird und was genau. Ohne Selbstwertgefühl nutzt das dann aber nur wenig. Dann denke ich wieder nur: Quatsch! Das muss jetzt gehen! Andere schaffen das auch!

      Ich habe Reizüberflutung bisher nur als ein zu viel von äußeren Reizen wie Lärm, zu viele Menschen... verstanden. Die inneren Reize habe ich nie beachtet. Schmerzen, Sorgen, Müdigkeit... beanspruchen mich ja genauso. Wenn dann noch was von außen hinzukommt, wirkt das wie Dynamit.

      Den Umgang mit alldem muss ich immer noch lernen. Ich bin ja auch sehr lange ständig über meine Grenzen gegangen. Das braucht dann einfach Zeit. Und ich merke, dass ich mich tatsächlich noch nicht ganz ausgesöhnt habe damit, dass ich anders bin, auch wenn es seine Vorteile hat. Dieses mithalten wollen ist bei mir noch sehr stark ausgeprägt. Aber es wird besser.

      Liebe Grüße
      Yvonne

      Löschen
  3. Hallo Yvonne!

    Ich bin hochsensibel und habe das Problem mit dem Hunger auch. Wenn ich hungrig bin, darf mir wirklich nichts dazwischen kommen sonst werde ich voll wütend und ungerecht.

    Auf einem Blog fand ich den Text in einer Grafik "es tut mir leid, was ich gesagt habe, als ich hungrig war."

    Es geht scheinbar vielen Menschen so. Vermutlich ist das sogar eine genetische Sache, die das Überleben sichert :-D

    Mittlerweile achte ich sehr genau darauf, dass ich vorkoche, wenn ich am nächsten Tag keine Zeit habe zu kochen oder sehr knapp zur Essenszeit nach Hause komme. Das hilft. Essen auf den Herd zum Aufwärme und während dessen in Ruhe umziehen und alles erledigen. Nicht 2 Dinge auf einmal machen müssen. Und dann zum Essen setzen :-) Geht doch!

    lg
    Maria

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Hallo, Maria!

      Ja, zu Hause gibt es gute Möglichkeiten, für sofortige (und trotzdem gesunde) Nahrungszufuhr zu sorgen. Mir passiert es meistens, wenn ich unterwegs bin, dass ich plötzlich Hunger kriege. Ich müsste eigentlich immer irgendwas dabei haben.

      Den Spruch hab ich auch schon irgendwo gelesen. :D

      Liebe Grüße
      Yvonne

      Löschen
  4. Hi,
    Danke für diesen Post. Ich finde mich in vielen deiner Schilderungen wieder und sie haben mich irgendwie beruhigt. Ich kannte einen Meltdown nur aus dem Kontext Autismus und habe mich aber gefragt, ob das auch bei nicht Autisten vorkommen kann. Mach weiter so :)

    AntwortenLöschen

Um die Übersicht über Kommentare zu behalten und Missbrauch zu verhindern, speichert Google Blogger über diesen Blog anonymisiert deine Daten wie Nutzername, E-Mail-Adresse und Webseiten-URL (wenn ausgewählt), Kommentartext sowie IP-Adresse und Zeitstempel deines Kommentars.
Mit dem Absenden deines Kommentars bestätigst du, dass du meine Datenschutzerklärung sowie die Datenschutzerklärung von Google gelesen hast und akzeptierst.