Freitag, 22. Dezember 2017

Mein merkwürdiges Verständnis von Leistung

Foto: Yvonne Reip

Einer meiner tiefsitzenden und störendsten Glaubenssätze betrifft das Thema Leistung. Es ist wohl mehr ein verschwurbelter Komplex an Glaubenssätzen, die ineinandergreifen und sich gegenseitig bekräftigen. Das Resultat ist die vollständige Lahmlegung meiner aktiven und kreativen Impulse. Das bedeutet aber nicht, dass ich mich entspannt zurücklehne und denke: Mach ich halt nix. Innerlich kommt es zu einer zerreissenden Spannung zwischen "Ich will" und "Hat eh keinen Zweck" bzw. "Ich könnte so viel, wenn ich die Kraft dazu hätte" und "Ich bin ein fauler Versager, der nie was auf die Reihe kriegt". Nach außen hin bin ich also passiv und kraftlos, während in meinem Inneren der dritte Weltkrieg tobt. Und wie das bei allen Kriegen so ist, gibt es am Ende nur Verlierer, und alles ist kaputt.

Mein merkwürdiges Verständnis von Leistung beinhaltet folgendes: Arbeit darf keinen Spaß machen. Denn es heißt ja "Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen". Leistung muss also anstrengend und ätzend sein. Daraus folgt, dass ich nichts leiste, wenn mir etwas Spaß macht. Spaß gehört in die Freizeit, und die soll im Verhältnis zur Arbeitszeit deutlich geringer ausfallen. Genau genommen muss ich 8 Stunden am Tag etwas machen, das ich total ätzend finde. Dann habe ich gearbeitet. Doch bevor ich das dann Leistung nennen darf, muss das Ganze noch benotet oder bezahlt werden. Sonst zählt es nicht. Und bevor ich nicht meine lästigen Pflichten erfüllt habe, darf ich keinen Spaß haben. Unterm Strich alles sehr freudlos.

Jetzt könnte man ja sagen: Gut, gehst du halt einer bezahlten Arbeit nach, dann erfüllt sich dein Leistungsempfinden, und du bist zufrieden. Abgesehen von der Freudlosigkeit, die ganz sicher nicht glücklich und zufrieden machen kann, wirken aber noch die anderen Glaubenssätze in diesem Komplex: Meine Leistungen sind bestenfalls langweiliges Mittelmaß und interessieren keinen. Ich habe keine besonderen Talente. Andere sind in allem tausend mal besser als ich. Meine Ideen sind unrealistischer Quatsch. Ich bin ein naiver Träumer. "Du kannst / schaffst das doch nicht." Es reicht nie, was ich mache. Es wird immer mehr von mir erwartet. Ich darf keine Erfolge feiern bzw. "mich auf ihnen ausruhen", sondern muss sofort das nächste Projekt angehen. Wenn ich etwas nach meinen eigenen Ideen mache, statt nach den Vorgaben anderer, werden sie mich in der Luft zerreissen.

Das alles führt dazu, dass ich meine Erfolge nicht erkenne und sich deshalb kein Gefühl von Stolz und Zufriedenheit einstellt. Lob und Anerkennung erscheinen mir suspekt. Ich bin nie sicher, ob ich das glauben darf. Das ist vielleicht nur nett daher gesagt oder hat die Absicht, mehr Leistung von mir zu fordern. Meine Kreativität ist nicht erwünscht, also unterdrücke ich sie. Ich halte mich an die Vorgaben, obwohl ich nicht dahinterstehen kann oder mich damit total langweile. Meine eigene Sicht der Dinge scheint falsch / gefährlich zu sein. Das führt zu einer tiefen Verunsicherung. Gleichzeitig soll ich aber auf den Punkt abliefern und alle Erwartungen (auch die gegensätzlichen) erfüllen. Ich vergleiche mich ständig mit anderen und komme dabei natürlich schlechter weg. Meine Ideen werden im Keim erstickt, weil ich sie für dumm halte. Meine ganze Energie wird den Abfluss runtergespült. Ich hüpfe wie Rumpelstilzchen auf der Startlinie herum und reiße mich an meinen eigenen Beinen entzwei.

Wenn ich es doch mal schaffe, etwas zu kreieren, kommen sofort Gedanken wie: Naja, so toll ist das jetzt nicht. Andere können das besser. Ich bekomme bestimmt schlechte Kritik, falls es überhaupt jemandem auffällt. Ganz schlimm ist die Angst vor Zerstörung, dass mich jemand anschreit, verleumdet oder bedroht. Diese Angst kommt leider nicht von ungefähr. Lächerlich gemacht zu werden, ist ebenso eine tiefe Befürchtung. Oft habe ich das Gefühl, dass man nahezu mein Scheitern erwartet. Und ich sehe sie alle vor mir, wie sie den Kopf schütteln und sich verächtlich grinsend von mir abwenden.

Eine weitere Wirkung dieses Glaubenssatzkomplexes ist, dass ich ein schlechtes Gewissen bekomme, wenn ich etwas tue, das mir Spaß macht. Denn dann arbeite ich ja gerade nicht und liefere keine Leistung ab. Kurz: Ich trage nichts Brauchbares zur Allgemeinheit bei und bin damit überflüssig oder störend.

Puh. Jetzt muss ich mal kurz tief durchatmen. Kein Wunder, dass ich depressiv geworden bin. Die Aussicht auf ein Leben, in dem ich mich abstrample, um auf die Mütze zu kriegen oder gar nicht beachtet zu werden, in dem ich hauptsächlich Dinge tun muss, die ich total scheiße finde, ein Leben ohne jegliches Erfolgsempfinden, ein Fass ohne Boden, ein Schattendasein ohne Sinn... nein, das ist nicht verlockend. Manchmal frage ich mich, wo das alles herkommt. Im Grunde weiß ich das, dennoch bin ich immer wieder erschüttert über die Heftigkeit dieser inneren Überzeugungen und deren Wirkung. Da haben verschiedene Personen in meinem Leben ganze Arbeit geleistet!

Bei meiner Internetrecherche über alternative Lebensmodelle stieß ich auf die Webseite einer Gruppe junger Leute, die das Wort "arbeiten" für sich gestrichen und durch "wirken" ersetzt haben. Das fand ich sehr inspirierend. Es ist schade, dass das Wort Arbeit so negativ besetzt ist, denn eigentlich möchte doch jeder Mensch eine Aufgabe haben und etwas bewirken. Ich habe gerade mal bei Wikipedia die Etymologie dieses Wortes herausgesucht:
 
Das Wort Arbeit ist gemeingermanischen Ursprungs (*arbējiðiz, got. arbaiþs); die Etymologie ist unsicher; evtl. verwandt mit indoeurop. *orbh- „verwaist“, „Waise“, „ein zu schwerer körperlicher Tätigkeit verdungenes Kind“ (vgl. Erbe); evtl. auch verwandt mit aslaw. robota („Knechtschaft“, „Sklaverei“, vgl. Roboter).
Im Alt- und Mittelhochdeutschen überwiegt die Wortbedeutung „Mühsal“, „Strapaze“, „Not“; redensartlich noch heute Mühe und Arbeit (vgl. Psalm 90, lateinisch labor et dolor).
Das französische Wort travail hat eine ähnliche, sogar noch extremere Wortgeschichte hinter sich: es leitet sich von einem frühmittelalterlichen Folterinstrument ab.
Das italienische lavoro und englische labour (amerikanisch labor) gehen auf das lateinische labor zurück, das ebenfalls primär „Mühe“ bedeutet.
Viele Redensarten sind mit ihr verbunden. So wurde harte körperliche Arbeit früher als Kärrnerarbeit bezeichnet, und eine Schweinearbeit bedeutet unangenehm viel Arbeit: Wer die Arbeit kennt und sich nicht drückt, | der ist verrückt.
 
Ok, jetzt verstehe ich, woran das liegt. Da klingt Wirken tatsächlich viel schöner - nach Kreativität, etwas erschaffen und bewirken, freiwillig und aus der inneren Quelle heraus.

Nun sind Arbeit und Leistung zwar unterschiedliche Begriffe, doch hängen sie untrennbar zusammen. Allerdings wird beim Sport auch gerne von Leistung gesprochen. Das Training von Leistungssportlern ist sicher auch alles andere als lustig. Leistung bedeutet laut Wikipedia übrigens

etymologisch: von spätmittelhochdeutsch leistunge; zu mittelhochdeutsch, althochdeutsch leisten "(etwas) folgen, einer Pflicht nachkommen" ursprünglich "einer Spur folgen"

Naja, haut mich jetzt auch nicht so vom Hocker. Google sagt

Le̱i̱s·tung
Ergebnis einer Arbeit.
"eine hervorragende/mäßige Leistung"

der Prozess, bei dem jmd. etwas mit viel Arbeit erreicht.
"eine wissenschaftliche/intellektuelle Leistung vollbringen"

die Leistung eines Organismus oder einer Maschine o. Ä.
"die Leistung des Gehirns"

Man beachte die Bewertung im ersten Abschnitt. Letzten Endes mag es nichts Verwerfliches sein, eine Leistung oder ein Werk zu bewerten. Es dient ja auch der eigenen Entwicklung, wenn ich z.B. feststelle, dass ein Foto nicht so gut geworden ist, und ich anschließend herausfinde, wie ich es besser machen kann. Leider wird aber oft der Mensch, der hinter seinem Werk steht, gleich mit bewertet. Wenn man dies als Kind verinnerlicht hat, macht es später im Erwachsenenleben keinen Unterschied, ob mich jemand bei der Bewertung von meinem Werk trennen kann oder nicht. Ich werde mich immer als Person bewertet fühlen. Und ehrlich gesagt, finde ich das auch sehr schwer zu trennen. Was ich mache, kommt ja aus meiner Idee oder meinem Verständnis von etwas heraus - also aus meiner Persönlichkeit.

Es fällt mir sehr schwer, mir selbst zu sagen: Das habe ich gut gemacht! Und wenn es mir gelingt, dauert es nicht lange, bis ich wieder daran zweifle. Die Veröffentlichung meines Buches war mit einer Achterbahnfahrt der Gefühle verbunden. Bisher hat es noch niemand verrissen. 23 verkaufte Bücher seit Ende September sind doch auch schonmal nicht so schlecht. Zack - kommt der innere Richter: Najaaa... Jedenfalls kommt es mir nicht in den Sinn, das als Leistung zu sehen. Oder die Umgestaltung des Gartens diesen Sommer. Oder diverse kreative Werke. Dass ich mir überhaupt endlich eine Spiegelreflexkamera gekauft habe, geht auf das Konto meines lieben Mannes. Er hatte mir zum Geburtstag ein Fotografie-Lehrbuch geschenkt. Ohne vernünftige Kamera war das dann doof. Seit knapp 2 Jahren tanzte ich um diesen Gedanken herum. Da ich nicht arbeite und kein Geld verdiene, darf ich mir nicht so etwas Teures kaufen. Egal, wie sehr ich es mir wünsche. Jetzt hängen zwei meiner Fotos als große Poster im Zimmer meines Mannes. Und auf YouPic bekomme ich viel positive Kritik.

Dieser ganze Leistungskack kann einem das Leben echt versauen. Denn es befällt jeden noch so kleinen Lebensbereich. Dann lese ich so psychotherapeutische, lebensbejahende... Sätze wie "Einfach sein!". Und ich denke: Ok, was muss ich dafür tun???
Atmen.

Kommentare:

  1. Hallo!

    Wenn ich meinem Vater erzählt habe, dass ich beispielsweise schon Mathematik für die Schule gearbeitet habe kam von ihm "Das macht Dir ja Spaß, das ist eine Arbeit!"

    So kam es, dass es mir mit dem Thema ganz ähnlich geht wie Dir. Es gibt Tage, da geht mir alles leicht von der Hand und ich habe das Gefühl, den ganzen Tag nichts gemacht zu haben.

    Wenn ich mir dann vor Augen halte, was ich alles geschafft habe, merke ich, dass ich ganz schön viel gearbeitet habe. Aber es fühlt sich nicht danach an und ich bin am Abend unzufrieden, dass ich nichts geschafft habe.

    Wie kann man nur so eine verrückte Wahrnehmung haben frage ich mich manchmal. "verrückt" im ursprünglichen Sinne des Wortes. ver-rückt, verschoben, unrichtig im Grunde.

    In den letzten Jahren arbeite ich dafür, dass ich auch Tage, an denen ich es mir einfach nur gut gehen lasse, gut finde. Im Gegenteil - genau diese Tage als meine besten Tage bezeichne. Leistung und ein guter Tag hänge nicht mehr zusammen. Das halte ich für ganz wichtig!

    Ich bin genug - ganz ohne Leistung!

    lg
    Maria

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    1. Hallo, nochmal! :)

      Das ist eine sehr wichtige Erkenntnis! Es dauert leider, bis sich das in der Wahrnehmung bemerkbar macht. Ich sage mir das auch ganz oft, dass ich genug bin, aber dieser kleine, gemeine Mann im Ohr stichelt dann hinterrücks, und es bleiben nur gut gemeinte Worte in meinem Kopf. Es ist ein langer Weg. Aber einer, der sich lohnt.

      Liebe Grüße
      Yvonne

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