Mittwoch, 7. Februar 2018

Das mit den inneren Anteilen - Wer sind die? Was wollen die?

Ich schreibe hier öfter ganz selbstverständlich von verschiedenen inneren Anteilen und inneren Kindern. Dabei vergesse ich immer wieder, dass diese psychologischen Begriffe nicht jedem geläufig sind. Was hat es mit dem Konzept der inneren Anteile auf sich? Hat sich unsere Seele gespalten wie die von Voldemort bei der Herstellung seiner Horkruxe? Bestehen wir aus mehreren, verschiedenen Persönlichkeiten?

Das Wort Seelenanteil hat leider einen esoterischen Hauch, und wenn man es in seine Suchmaschine eingibt, bekommt man tatsächlich Ergebnisse wie "Verlorene Seelenanteile durch Schamanismus zurückholen" oder irgendwas mit Engeln. Wer möchte, kann das gerne machen. Ich persönlich bevorzuge eine fundierte psychotherapeutische Methode zur Integration abgespaltener innerer Anteile.

Auf den ersten Blick gibt es verschiedene Theorien, die das Ich in mehrere Anteile unterteilen, wie z.B. die Transaktionsanalyse von Eric Berne, der das Ich in Eltern-Ich, Erwachsenen-Ich und Kind-Ich unterteilt. Das tat auch schon Sigmund Freud, der das aber Über-Ich, Ich und Es nannte. Dies sind Persönlichkeitsstrukturmodelle und meint etwas anderes. Über diese Struktur verfügt jeder Mensch. Es meint den inneren Dialog zwischen Vernunft und Wunsch, Moral und Trieb, der sich in der Reaktion des dazwischen vermittelnden (Erwachsenen-) Ichs nach außen zeigt.

In meinem Artikel "Nervige Schutzmechanismen würdigen" habe ich die verschiedenen Anteile, die bei einer Traumatisierung entstehen, schon einmal erklärt. Es handelt sich also um eine Theorie aus der Traumatherapie. Man muss nicht unbedingt die Diagnose PTBS erhalten haben, um daraus seinen Nutzen zu ziehen. Viele Menschen (darunter auch ich) leiden an den Folgen von Traumatisierungen, ohne die Kriterien einer Posttraumatischen Belastungsstörung zu erfüllen, was eine Diagnose rechtfertigen würde. Es zeigen sich trotzdem vereinzelte Symptome, und die Psyche hat ebenso verletzte Anteile abgespalten.

Die verschiedenen Anteile werden verletzter, abgespaltener oder traumatisierter Anteil, ungesunder oder Überlebensanteil und gesunder Anteil genannt. Dies bedeutet jedoch nicht, dass wir es nur mit drei klar voneinander getrennten Ich-Anteilen zu tun haben. Sie alle bringen gleich mehrere Anteile mit, die miteinander verknüpft sind, Kontakt untereinander pflegen, bewusst zugänglich sind oder komplett abgespalten und damit unerreichbar gemacht wurden. Manche arbeiten Hand in Hand, andere behindern einander, was aber dem Schutz der allgemeinen Stabilität dient.

Bei einem Trauma spaltet die Psyche den verletzten Anteil mit all seinen Gefühlen und Gedanken ab. Dies kann zu Erinnerungslücken führen. Oft wirkt der Betroffene beim Erzählen der Geschehnisse völlig gefühlskalt. Es scheint ihn nicht zu berühren.

Der Überlebensanteil sorgt für das Abspalten und ermöglicht so das Weiterleben des gesunden Anteils. Er erfindet all die kreativen Abwehrmechanismen, die zwar eine Stabilität garantieren, aber eine "Heilung" durch Integration verhindern. Der Überlebensanteil will funktionieren und den Status Quo erhalten. Er verharmlost, verdrängt und hält eine Auflösung des Traumas für unnötig weil unmöglich. Im Überlebensanteil zeigen sich alle Störungen, die zu einem einzigen Zweck enstanden sind: Das Ich-System aufrecht zu erhalten. Dies kann sich in Suchtverhalten, Zwängen, Vermeidung, übermäßige Kontrolle, Widerstand in der Therapie, körperlichen Symptomen... zeigen.

Der gesunde Ich-Anteil setzt sich aus mehreren Anteilen zusammen, die bewusst zugänglich und steuerbar sind. Schulz von Thun nennt sie das Innere Team. Dieses Team bewältigt den Alltag und kann das Leben gestalten und genießen. Diese Anteile können z.B. der/die Praktische sein, der/die Gewissenhafte, der/die Perfektionist/in... Wie in jedem Team kann es natürlich auch in dem inneren zu Konflikten kommen. Solche Konflikte sind aber meist selbständig oder mittels Coaching zu lösen. Sie bedürfen keiner Psychotherapie.
Der gesunde Anteil hat ein Interesse an der Integration der abgespaltenen Anteile. Er möchte verstehen und sich die Traumata und Probleme anschauen. Er kann auch erkennen, welcher Anteil gerade in ihm wirkt, auch wenn das alles erst einmal sehr verwirrend ist. "Ich weiß, dass mir dieses Verhalten schadet, aber ich kann es nicht lassen. Irgend etwas treibt mich dazu."

Dieses irgend etwas ist der abgespaltene Anteil. Er ist nicht bewusst steuerbar und wirkt aus dem Untergrund, in den er vom Überlebensanteil verbannt wurde. Er leidet darunter, nicht gesehen und gehört zu werden, wodurch sich das ursprüngliche Trauma immer wieder aufs Neue wiederholt, bis es endlich angeschaut wird. Es sind diese abgespaltenen Anteile, die sich der Kontrolle des Ichs entziehen und uns so ärgern mit ihren zerstörerischen Einflüssen, dass der Überlebensanteil zu drastischen Maßnahmen greifen muss, um die quälenden Schatten in Schach zu halten. Manche Anteile sind uns bekannt. Wir kennen die Zusammenhänge zwischen unserem heutigen Tun und den damaligen Erlebnissen, auch wenn wir sie noch nicht steuern können. Manche Anteile sind jedoch so sehr abgetaucht, dass wir uns nicht erklären können, warum wir dieses oder jenes Verhalten an den Tag legen oder woher unsere Symptome kommen.

Das Ziel einer Traumatherapie ist die Integration der abgespaltenen Anteile bzw. ein harmonischeres Abstimmen der verschiedenen Anteile, um ein symptomfreies Leben führen zu können. Dafür gibt es verschiedene Methoden.


Das innere Kind ist nun wiederum ein Modell zur Veranschaulichung aller zur Kindheit gehörigen Gefühle, Erlebnisse und Erinnerungen, die im Gehirn gespeichert sind. Diese Betrachtungsweise hat ihren Ursprung in der Tiefenpsychologie und der Psychoanalyse mit dem Zweck, "eine verständliche, nachvollziehbare und handhabbare Beschreibung innerer Prozesse (anzubieten), welche dem (Patienten) ermöglicht, tiefenpsychologische Erkenntnisse in gewissem Maße für sich selbst zu nutzen." Quelle: Wikipedia

Insofern ist das innere Kind also nicht mit dem abgespaltenen Anteil zu verwechseln, obwohl sie sich sicherlich überschneiden, da die meisten Traumata mit Langzeitfolgen in der Kindheit stattfinden. Ich denke aber, dass sich das innere Kind auch nochmal in gesund, ungesund und verletzt aufteilen lässt.

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