Mittwoch, 25. Oktober 2017

Zwischen Hingabe und Abgrenzung


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Vorgestern habe ich den Film "Short Term 12 - Stille Helden" gesehen. Es geht um eine junge Frau, die in einem Heim für schwererziehbare Jugendliche arbeitet und dabei an ihre eigene Geschichte erinnert wird. Der Film ist schwere Kost und nichts für schwache Nerven. Deshalb möchte ich ihn hier nicht uneingeschränkt empfehlen, auch wenn er wirklich gut ist. Die Figuren werden authentisch und ohne übertriebenes Drama oder Sozialkitsch dargestellt. Wer mehr über die Handlung und den Film erfahren möchte, folge diesem Link.

Mich hat der Film ziemlich aufgewühlt und von zwei Seiten getriggert. Was nämlich abgesehen von den Schicksalen sehr realitätsnah gezeigt wurde, war die soziale Arbeit, wie auch ich sie erlebt habe, auch wenn ich nie in einem Heim tätig war. Die "dummen, kleinen Sozialfuzzies", die im Alltag viel Zeit mit den Jugendlichen verbringen und dadurch eine deutlich nähere Beziehung aufbauen können inklusive Machtkämpfe und Konflikte, werden mit ihrer Einschätzung nicht ernst genommen. Stattdessen hören die Vorgesetzten lieber auf "wichtigere" Personen wie Psychologen, die den Jugendlichen vielleicht einmal gesehen haben oder - noch besser - nur aus der Akte kennen und darauf basierend Entscheidungen treffen, die der Sozialfuzzie dann bitte dem Jugendlichen mitteilen bzw. im Alltag durchsetzen soll. Egal, ob er dahintersteht oder nicht. Was diese wichtigen Leute nicht einsehen, ist, dass sie damit oft nicht nur dem Jugendlichen schaden, sondern auch die Vertrauensbeziehung zwischen dem Jugendlichen und seinem Betreuer zerstören, was jegliche weitere Hilfe unmöglich macht. Der Jugendliche fühlt sich ebenfalls nicht ernstgenommen und wird sich nicht mehr öffnen. Er kann den Unterschied nicht machen zwischen seinem Betreuer und denen, die diese Entscheidung getroffen haben. Und der Sozialarbeiter muss sich auch noch seinem Verein gegenüber loyal verhalten und dessen Entscheidung vertreten und mittragen. Das hat mich letzten Endes an der Sinnhaftigkeit meiner Arbeit zweifeln lassen. Irgendwelche Sesselpupser, die warm und bequem weit ab vom Schuß in ihrem Büro sitzen, treffen Entscheidungen mit weit reichenden Konsequenzen, während der Sozialarbeiter oder Erzieher an der Front ausharrt und die Scherben zusammenkehrt.

Was mich besonders berührt und mit beklemmenden Gefühlen zurückgelassen hat, war die selbstgeschriebene Kindergeschichte von Jayden, die von ihrem Vater misshandelt wird. Sie beschreibt für mich sehr gut narzisstischen Missbrauch in einer Beziehung. Obwohl es in dem Film nicht darum ging. Ich habe mir die Mühe gemacht, sie von einem englischsprachigen Youtube-Video nachzuschreiben.


Der Oktopus und der Hai


Es war einmal tief unter der Oberfläche des Ozeans. Dort lebte ein junges Oktopusmädchen namens Nina. Nina verbrachte die meiste Zeit ihres Lebens allein mit dem Bauen merkwürdiger Konstruktionen aus Steinen und Muscheln. Sie war sehr glücklich. Doch eines Tages tauchte ein Hai auf. „Wie ist dein Name?“ fragte der Hai. „Nina“, antwortete sie. „Möchtest du mein Freund sein?“ fragte der Hai. „Ok. Was muss ich dafür tun?“ fragte Nina. „Nicht viel“, entgegnete der Hai, „lass mich nur einen deiner Arme essen.“ Nina hatte noch nie zuvor einen Freund gehabt, also glaubte sie, dies tun zu müssen, um einen zu bekommen. Sie schaute hinunter zu ihren acht Armen und dachte sich: Es wird nicht so schlimm sein, einen davon abzugeben. Also schenkte sie ihrem wunderbaren neuen Freund einen ihrer Arme.

Jeden Tag in dieser Woche spielten Nina und der Hai zusammen. Sie erforschten Höhlen, bauten Sandburgen und schwammen um die Wette. Und jeden Abend wurde der Hai hungrig, und Nina gab ihm einen ihrer Arme zu essen.

Am Sonntag, nachdem sie den ganzen Tag miteinander gespielt hatten, sagte der Hai zu Nina, dass er sehr hungrig sei. „Das verstehe ich nicht“, sagte sie, „ich habe dir bereits sechs meiner Arme gegeben, und nun willst du wieder einen?“ Der Hai sah sie mit einem freundlichen Lächeln an und sagte: „Nicht einen weiteren Arm. Dieses Mal will ich dich ganz.“ „Aber warum?“ fragte Nina. Und der Hai antwortete: „Weil Freunde dafür da sind.“

Als der Hai seine Mahlzeit beendet hatte, fühlte er sich sehr traurig und einsam. Er vermisste jemanden, mit dem er Höhlen erforschen, Sandburgen bauen und um die Wette schwimmen konnte. Er vermisste Nina wirklich sehr. Und so schwamm er davon, um einen neuen Freund zu finden.


Wie es der Teufel will, durfte ich gestern wieder einmal erfahren, wie es ist, sich herzugeben und auf Abgrenzung zu verzichten. Und es war allein meine Verantwortung. Denn ich bin nun erwachsen und nicht mehr hilflos ausgeliefert. Ich muss einfach nur Nein sagen. Ich muss mich nicht zuständig fühlen, nur weil ich Zeit habe, da ich nicht arbeite. Ich darf es trotzdem scheiße finden, wenn sich jemand seiner Verantwortung entzieht mit dem Vertrauen darauf, dass schon irgendein Tuppes da sein und sich kümmern wird. Mich hat das gestern echt fertig und traurig gemacht. Weil ich erkannt habe, dass ich aus dem Schuldgefühl heraus, nicht zu arbeiten, oft Ja sage, ohne weiter darüber nachzudenken, wie ich das finde und ob mir das gut tut bzw. wirklich nichts ausmacht und für mich in Ordnung ist. Und weil ich mich immer noch dafür zuständig fühle, Scherben aufzukehren, die andere hinterlassen haben, weil sonst jemand darunter leidet, der nicht für sich einstehen kann. Damit alles wieder gut ist. Ist es aber nicht. Besonders nicht in mir.

Bild: Pinterest

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