Freitag, 30. Juni 2017

Chronische Erschöpfung


Man nennt es auch Neurasthenie, und ich dachte nur: Hui, noch eine Diagnose! Was mein Psychodoc nicht alles aus dem Fachärmel zaubert! Die Liste wird immer länger.

Dienstag hatte ich wieder mein Rechtfertigungsgespräch bei der Vertrauensärztin der Krankenkasse. Ich weiß, dass ich großes Glück habe und mich eigentlich nicht beklagen darf. Ich muss nur alle 6 Monate dort hin, und letztes Mal hat sie mir sogar ein ganzes Jahr Zeit gegeben. Uneigentlich stressen mich diese Termine enorm. Das geht schon einige Wochen vorher los. Die innere Unruhe wächst. Mir wird bewusst, wie wahnsinnig schnell die Zeit vergeht. Und dass sich bei mir immer noch nichts geändert hat. Mein Psychiater ist der Meinung, dass eine "normale Arbeitsstelle" (im festen Angestelltenverhältnis unter einem Chef und in einem Team) für mich nicht mehr möglich sein wird. Da sind wir uns ja schon mal einig. Ich brauche viele Pausen und die Freiheit, mir meine Arbeit selbstbestimmt einzuteilen. Um mit einer Selbständigkeit durchzustarten, fehlt mir aber die Kraft. Da ist dieses mysteriöse Energieleck, das sich einfach nicht auffinden lässt. Mir dämmert, dass meine ganze Energie in die Existenzangst geht, die zwar schon deutlich kleiner geworden ist, jedoch jedes Mal aufs Neue zum Leben erwacht, wenn es auf den Vertrauensarzttermin zugeht. Zu der Existenzangst gesellt sich die immerwährende Frage: Wo ist mein Platz in der Welt? Was ist mein Weg? Nicht-mehr-arbeiten-können-wie-früher hin, Energieleck her - natürlich möchte auch ich etwas machen, etwas zu dieser Welt beitragen. Mit chronischer Erschöpfung wird das wohl lustig.

Da ich schon Tage zuvor am Rad drehte und die Depression wieder vehement an die Hintertür klopfte, begleitete mein Mann mich zu dem Termin, was er übrigens schon vor einem Jahr getan hatte. Und das war eine gute Idee! Durch seine Schilderung, wie er mich im Alltag erlebt, konnte sich die Vertrauensärztin ein besseres Bild von mir machen. Ich wirke ja immer so stabil außerhalb des Hauses. Dieses Mal hatte ich den Eindruck, dass sie mich für alle Zeiten auf Krankengeld setzen will.

Freue ich mich jetzt darüber? War das nicht das, was ich wollte? Seit Dienstag plagt mich eine Magenschleimhautentzündung. Mir tut der ganze Körper weh, und ich bin einfach nur platt. Als wäre ich von einem Schlachtfeld nach Hause gekommen. Einerseits bin ich erleichtert, dass sie mich nicht zum Arbeitsamt geschickt hat. Andererseits will sich keine rechte Freude einstellen. Für den Rest meines Lebens krankgeschrieben. Da wäre es, mein Grundeinkommen, wenn auch nicht ganz so bedingungslos. Kein Druck mehr, zurück ins Hamsterrad zu müssen. Aber auf ewig krank. Das wird mir jetzt erst so richtig bewusst. Und es fühlt sich scheiße an! Wie versagen.

Und ich schimpfe mal wieder mit mir selber, weil ich offensichtlich nicht weiß, was ich will. Obwohl das so nicht stimmt. Ich weiß sehr wohl, dass ich am liebsten durch meine Kreativität mit selbst Geschaffenem auf eigenen Beinen stehen würde. Ich sehe nur einfach noch nicht den Weg und die Möglichkeit dazu. Und mir fehlt oft die Kraft. Sie war mal kurzzeitig zurück, aber jetzt ist sie wieder weg. Hat wohl Hummeln im Hintern. Und meine Seele kriecht weiter im Schneckentempo Richtung Heilung oder sowas in der Art.

Mein Buch schreibe ich allerdings weiter. Nur noch 3-4 Kapitel, dann muss ich Opfer zum Durchlesen finden. Ende August würde ich es gerne veröffentlichen. Ich dachte, so eine Deadline könnte vielleicht hilfreich sein. Mal sehen, ob ich Ende August tatsächlich veröffentliche oder mich kaputt lache. Im Moment hänge ich im Kapitel "Suizidgedanken" fest, was mir gerade nicht so gut tut. Dieses Schreiben ist echt anstrengend, so sehr es auch Spaß macht. Aber ich bleibe dran!

Bild: Pixabay

1 Kommentar:

  1. Okay, jetzt wird mir langsam klar wie das heißt, was auch ich tagtäglich immer wieder erlebe. Danke für deinen Text.

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