Mittwoch, 31. Mai 2017

Gedächtnis adé!


Zu den Symptomen einer Depression gehört neben Konzentrationsstörungen auch Vergesslichkeit. Das fiel mir schon bei meiner ersten depressiven Episode mit 20 auf. Damals brachte ich das allerdings noch nicht in Verbindung mit einer möglichen Depression. "Wenn du häufig etwas vergisst, ist es einfach zu viel. Und vielleicht auch nicht so wichtig", sagte mir ein Gastdozent während meines Studiums. Naja, nicht so wichtig... Es war mir doch sehr unangenehm, wenn Kommilitonen und Freunde sich über meine mangelnde Zuverlässigkeit ärgerten.

Besonders auffällig wurde der Gedächtnisschwund bei der zweiten Episode Anfang 30. Gespräche mit Kollegen löschte mein Hirn nicht nur inhaltlich. Ich konnte mich nicht einmal daran erinnern, überhaupt mit jemandem gesprochen zu haben. Als würde mir hinter jeder Ecke Will Smith mit diesem Blitzdings-Gerät aus "Men in Black" auflauern. Aufgaben, die mir gerade noch in den Sinn gekommen waren, verabschiedeten sich auf Nimmerwiedersehen während der paar Sekunden, die es dauerte, meine To-do-Liste auf Outlook zu öffnen. Der verzweifelte Versuch, meinem Denkapparat mit Lecithin-Tabletten unter die schlaffen Arme zu greifen, scheiterte an dem Grund, weswegen ich sie in der Apotheke gekauft hatte: Ich vergaß jeden Morgen, sie einzunehmen.

Meine guten Schulnoten verdankte ich meiner unschlagbaren Merkfähigkeit. Denn eine ehrgeizige Streberin war ich ganz sicher nicht. Ich verwendete sehr viel weniger Zeit mit Lernen als meine Mitschüler. Und das schreibe ich jetzt nicht zum Angeben. Es war einfach so. Ich war froh über diese Gabe und auch ein bisschen stolz darauf. Sie erleichterte mir das Leben.

Und jetzt... komme ich mir manchmal vor wie eine demente Omma. Mit 38. Was wird das in 30 Jahren? Ich vermisse mein gutes Gedächtnis sehr schmerzlich. Es ist mir so peinlich, wenn ich etwas vergesse. Und ich ärgere mich über mich selbst. Zuverlässigkeit ist mir äußerst wichtig. Nicht nur bei mir sondern auch bei anderen. Allerdings bin ich da natürlich nachsichtiger. Ich möchte nicht als unzuverlässig, schusselig und unaufmerksam oder desinteressiert gelten. Ich gebe mir wirklich alle Mühe, die Bedingungen so zu gestalten, dass ich so wenig wie möglich vergesse. Leider macht mir mein Umfeld oft einen Strich durch die Rechnung.

In dem Stall, in dem unsere Pferde stehen, gibt es eine Stallgemeinschaft. Wir müssen unsere Pferde selbst versorgen und teilen die Dienste gerecht untereinander auf. Dafür gibt es Dienstpläne. Die ändern sich hin und wieder. In der Boxenzeit sind andere Dienste zu verrichten als zur Sommerzeit, wenn die Pferde auf der Wiese stehen. Soweit komme ich noch mit. Da Pferde und Menschen aber verschiedene Vorstellungen und Bedürfnisse haben, kann jeder individuell für sein Pferd entscheiden, ab wann er es draußen lässt, oder ob es durchgehend auf der Wiese bleibt oder über Nacht auf ein Paddock gestellt wird. Das finde ich gut. Aber es bringt auch einiges durcheinander. Also mich. Die Entscheidungen wechseln teils täglich, teils innerhalb weniger Wochen. Und jedesmal müssen neue Absprachen wegen der Dienste getroffen werden. Mir meine Dienste auf den Kalender zu schreiben, nutzt also herzlich wenig. Und wann welches Pferd wohin kommt, kann ich mir auch nicht merken. Ich hasse es! Weil ich Angst davor habe, etwas zu vergessen oder falsch zu machen und deswegen Ärger zu bekommen. Ist einmal passiert. Der Stallkollege hat sich zwar entschuldigt für seine heftige Reaktion, aber die Nacht davor war schlaflos. Ich habe schon mehrmals gesagt, dass ich mit dem häufigen Wechsel nicht zurecht komme. Wahrscheinlich wirke ich dadurch unflexibel. Dabei will ich doch einfach nur, dass es nicht auffällt, wie vergesslich ich bin. Das kostet mich sehr viel Kraft. Und wenn ich dann in verständnislose Augen blicke, fühle ich mich... behindert. Und das meine ich nicht als diskriminierendes Schimpfwort sondern wörtlich.

Es fällt mir unheimlich schwer zu akzeptieren, dass mein Gedächtnis nachhaltig gelitten hat. Auch wenn es nicht mehr so schlimm ist wie während der akuten Episoden. Es hat sich nicht vollständig erholt. Und nein, Zettel schreiben hilft nichts. Entweder die Zettel verschwinden, oder ich vergesse, dass ich Zettel geschrieben habe und schaue deshalb nicht drauf. Außerdem hasse ich Zettelwirtschaft. Mir ist das zu chaotisch. Lieber baue ich Eselsbrücken. Da ich aber kein Ingenieur bin, stürzen die regelmäßig ein. Mangelhafte Statik.

Bildquelle: Pixabay

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