Sonntag, 6. November 2016

Mythos Sport gegen Depression und Burnout


Immer wieder wird depressiven Menschen zu sportlicher Betätigung geraten. Weil das Gehirn dadurch Endorphine ausschüttet. Und die machen bekanntlich glücklich. Krankenkassen empfehlen Sport zur Vorbeugung gegen Burnout. Tägliche Bewegung macht also immun gegen Niedergeschlagenheit und Erschöpfung. So klingt das jedenfalls für mich. Wäre es doch nur so einfach!

Als depressiver Mensch fühle ich mich äußerst unverstanden - um nicht zu sagen verarscht - wenn ich sowas höre. Der Patient wird auf sich selbst zurück geworfen. "Machen Sie Sport, dann geht es Ihnen wieder gut!" Wer diesen Ratschlag nicht beherzigt, ist dann wohl selber schuld, weil er den Hintern nicht hochkriegt. Zwischen den Zeilen höre ich: Du bist einfach nur faul. Reiß dich mal ein bisschen zusammen!

Bewegung ist gesund. Keine Frage. Nicht nur für Depressive, sondern für ausnahmslos alle Menschen. Da psychisch erschöpften Menschen der Antrieb fehlt, bewegen sie sich weniger bis gar nicht. Das hat einen Grund. Bis zum Ausbruch der Krankheit haben sie sich nämlich sehr wohl bewegt. Und zwar so viel, dass sie eines Tages zusammengebrochen sind. Jetzt ist Innehalten angesagt. Gerade Burnout-Patienten haben ihren Zustand durch extremen Stress erreicht. Zu viel Arbeit, zu viel Verantwortung, zu viele Sorgen. Ich glaube kaum, dass da genügend Energie übrig blieb für Sport. Es war zwar eine negative Art von Bewegung, die zur Erschöpfung geführt hat, dennoch ist gesunde Bewegung zunächst ebenso mit Stress verknüpft. Weil man sich Ruhe und Entspannung wünscht.

In der Fachklinik Heiligenfeld wurde gerade Patienten mit Depressionen Frühsport aufgebrummt. Ich habe mich bei beiden Aufenthalten dran vorbei mogeln können. Meine morgendlichen Rituale waren mir wichtiger. Auf leerem Magen geht bei mir schonmal gar nichts. Das macht mein Kreislauf nicht mit. Und dann in aller Hetze duschen und frühstücken, um pünktlich beim ersten Termin zu sein. Das hätte mir nicht gut getan. Dann lieber die Bewegungstherapie nach dem Frühstück. Hat man mir so durchgehen lassen. In meiner Gruppe gab es dann immer wieder Diskussionen, weil Patienten den Frühsport geschwänzt hatten. "Es ging mir nicht gut. Ich habe es einfach nicht geschafft." - "Aber genau deshalb sollen Sie es ja machen." - "Mir geht es aber morgens zu schlecht." Ja, ja. Das depressive Morgentief. Irgendwie beißt sich die Katze da in den Schwanz.

Depression ist keine bloße chemische Fehlfunktion des Gehirns. Burnout heißt nicht nur, dass man urlaubsreif ist. Beides entsteht durch angelernte destruktive Denkmuster und Glaubenssätze, die negative Emotionen auslösen (plus ganz viel belastender Mist, den das Leben einem so präsentiert und das Fass regelmäßig zum Überlaufen bringt). Nur Sport wäre ein Pflaster auf eine eiternde Wunde geklebt, Symptombehandlung ohne Ergründung der Ursachen. Bewegung kann nur ein kleiner (durchaus hilfreicher) Teil der Therapie sein. Sie macht weder immun, noch löst sie etwas auf. Denn auch sportlich aktive Menschen bekommen Depressionen oder Burnout. Ich kenne ein paar von denen. Deshalb weiß ich das. Einen dürftet auch ihr kennen: Fußballtorwart Robert Enke. Der war sogar Berufssportler, bis er wegen Depressionen den Freitod wählte. Außerdem kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass Bewegung längst nicht so wirkungsvoll ist, wie gerne behauptet wird. Mir ist es oft passiert, dass ich mich währenddessen ein klein wenig besser gefühlt habe, nur um direkt danach wieder ins Loch zu fallen. Ich hätte dafür ununterbrochen laufen müssen.

Zur Vorbeugung gegen Burnout gehören für mich ganz viele andere Dinge. Und zwar: Leistungsdruck senken in Schulen und in der Arbeitswelt, Mobbing ernst nehmen und dagegen vorgehen - am besten präventiv, Selbstwert von Leistung abkoppeln, den Menschen in seinem Sosein wertschätzen, statt ihn ständig anders haben zu wollen... All das lässt sich leider nicht ohne Weiteres umsetzen. Denn dafür müssten alle mitmachen. Am Ende ist zwar jeder für sich selbst verantwortlich, aber wir tragen auch die Verantwortung für unsere Mitmenschen und darüber hinaus für die Gesellschaft. Wenn jeder einfach weitermacht, weil "man allein ja nichts ausrichten kann" und es halt alle so machen, weil es nunmal so ist, wird sich nie etwas ändern. Jetzt werde ich wieder idealistisch. Aber warum steigen denn immer mehr Menschen aus dem Hamsterrad aus und wählen eine alternative Lebensweise? Oft haben solche Menschen einen langen Leidensweg hinter sich.

Was nun die Depression betrifft, würde eine Vorbeugung wohl eher woanders ansetzen, falls diese überhaupt möglich ist. Nämlich von Geburt an dem Kind soviel Sicherheit, Freiheit zur individuellen Persönlichkeitsentwicklung, Stabilität, Vertrauen ins Leben und Selbstwertbestätigung mitzugeben, wie es nur geht, sowie erlittene Traumata rechtzeitig auffangen, bevor sie das Kind mit sich in den Abgrund reißen. Und natürlich Sport...

Bildquelle: Pixabay

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