Montag, 14. November 2016

Gastartikel: Meine Frau, die Depression und ich

von meinem Mann Jochen 


Einige Menschen fragen mich, wie ich es mit jemandem aushalte, der depressiv ist. Ich habe mir ehrlich gesagt auch sehr oft diese Frage gestellt und sehr lange nach einer Antwort gesucht. Ich denke, dass es nicht so einfach ist, direkt darauf zu antworten. Es hat etwas mit Liebe zu tun, aber auch Liebe kann nicht alles retten. Selbstreflektion ist auch wichtig, Selbstkritik und die Tatsache, dass man es nicht alleine schaffen kann.

Die Gefahr, wenn man mit einem Depressiven zusammenlebt, ist, dass man auch depressiv wird. Man gerät in eine Co-Abhängigkeit. Noch schlimmer - man lässt unbewusst zu, dass der andere depressiv bleibt. Es hört sich vielleicht schräg an, aber als Partner gerät man in Versuchung, den Depressiven mit seinem Verhalten klein zu halten. Das tut man, weil man selbst groß bleiben will. Auch ich habe dies getan und tue es immer noch ab und zu. Es ist falsch, den Depressiven mit Samthandschuhen anzufassen. Er braucht nicht euer Mitleid und nicht eure Hilfe. Er braucht eure Liebe. Glaubt mir eins, ich habe ein sehr großes Helfersyndrom, und das hat meiner Frau nicht immer gefallen. Sie war im Gegenteil oft stinkig. Was mich dann auch stinkig machte, weil ich dachte, ihr doch etwas Gutes zu tun. Ich wollte helfen.

Ich habe mir damals therapeutische Hilfe geholt. Oft habe ich in der Therapie festgestellt, dass ich nicht immer richtig gehandelt habe. Aber ich konnte nicht anders handeln, da ich nicht wusste, was richtig und falsch ist. Es ist ein Gang auf dem Drahtseil: Einerseits soll man den Depressiven nicht unter Druck setzen, anderseits soll er den Beistand erhalten, den er braucht, um aus diesem Loch zu steigen. Die Tatsache, dass die Depression keine Grippe ist, wurde mir schnell und schmerzhaft bewusst. Denn bei einer Grippe wird man irgendwann wieder gesund. Die Depression aber begleitet einen sein ganzes Leben lang. Das war für mich eine schmerzhafte Erkenntnis. Es war schwer für mich einzugestehen, dass der Mensch, den ich geheiratet habe, immer depressiv bleiben wird. Beide müssen lernen, mit der Depression zu leben. Ich glaube, ab dem Moment, als ich gespürt habe, dass die Depression immer ein Teil von uns sein wird, habe ich den Schritt gewagt, das zu akzeptieren. Das ist der zweite wichtigste Schritt. Der erste ist zu akzeptieren, dass der andere akut depressiv ist.

Es hat ein paar Therapiestunden gedauert, bis ich das verstanden habe. Und oft ist es so, dass ich traurig werde bei dem Gedanken, dass meine Frau depressiv ist und nicht mehr die Alte wird. Aber vielleicht ist es auch besser so. Wenn ich akzeptiere, dass meine Frau nicht mehr die von früher sein wird, erlaube ich ihr, sich zu verändern. Und das ist ein Teil der Genesung, den ich als Partner unterstützen kann. Ich kann von mir sagen, dass ich empathisch bin. Aber ich kann mich nicht in die Haut meiner Frau versetzen und nachempfinden, wie sie sich fühlt. Ich schaffe es zwar manchmal, aber es ist nur die Spitze des Eisbergs, die ich da erfahre und entdecke. Oft will ich es auch nicht, weil alles so dunkel und erdrückend ist und ich Angst habe, den Ausgang nicht wieder zu finden.

Ich habe oft meine Frau beobachtet und mir vorgestellt, dass sie zwei Mäntel besitzt. Den Mantel der Depression und den Mantel der neuen Yvonne. Wenn sie depressiv ist, fiel es mir oft schwer, sie zu lieben, und ich spürte, dass meine Frau darunter litt. Also versuche ich, sie in diesen Momenten zu lieben, so gut es geht. Und ich schaffe es, dass die graue Wolke mit dem Namen Depression nicht mein und unser Leben einhüllt und verhindert, dass die Sonne scheint. Es gibt da einen Spruch, der Folgendes sagt: „Wenn der Himmel bewölkt ist, heißt es nicht, dass die Sonne verschwunden ist.“ Wenn meine Frau ihren depressiven Mantel trägt und die graue Wolke erscheint, dann ist die Sonne auf den ersten Blick weg, aber sie ist immer noch da. Und das gibt mir Halt und die Kraft, keine zu emotionalen Entscheidungen zu treffen.

Ich habe meine Frau ein zweites Mal geheiratet und zwar zu dem Zeitpunkt, als die Depression schon Teil unseres Lebens war. Viele hielten das für verrückt. Ich ebenso, denn der Hochzeitstag war recht chaotisch und voller Tretminen. Aber wir haben daran geglaubt und es getan. Es war und ist wichtig für unsere Beziehung.

Meine Frau hat einmal Medikamente genommen. Ich habe ihr nach zwei Tagen gesagt, dass sie es sein lassen sollte. Mit den Medikamenten war es schlimmer als ohne. Ohne ist es schon schwer, aber mit war es zu schwer. Zu schwer für mich. Die Wahl zwischen einer Frau, die wie eine Pflanze auf dem Sofa vor sich hin vegetiert, oder einer Frau, die ein wenig im Alltag schafft (einkaufen, spülen, wandern, lesen,...), ist für mich keine schwere Entscheidung. Man entscheidet nicht zwischen gesund und krank, sondern zwischen krank und kränker.

Beim ersten Therapiegespräch wurde mir gesagt, dass ich meine Frau nicht unter Druck setzen darf. Und das ist nicht einfach. Denn man braucht nicht immer Worte, um jemanden unter Druck zu setzen. Sein eigenes Verhalten, ein Blick, eine Geste oder ein Gefühl kann auch Druck bei dem anderen auslösen.

Ich habe oft das Gefühl, allein kämpfen zu müssen. Die Gesellschaft, die Familie, die Freunde, die Medien und Ämter sagen dem Depressiven, dass er sich zusammen reißen muss, dass er aufstehen soll, Medikamente nehmen muss und so weiter. Auch Therapeuten neigen dazu. Es ist richtig, dass der Depressive sich nicht aufgeben darf. Aber was heißt das? Soll er aufspringen und arbeiten gehen? Oder soll er den Weg zum Therapeuten suchen, um sich helfen zu lassen? Allein schafft der Depressive es nicht aus dem Loch heraus. Ohne seine Hilfe wird es aber auch nicht gehen. Oft denken die Ehepartner, dass die Einnahme von Medikamenten hilft. Ja, vielleicht ist das so, aber es wird nicht genügen. Auch nicht, dass der Kranke es alleine machen soll. Die Depression ist etwas, das alle betrifft. Den Kranken, den Partner und die Gesellschaft. Oft fragen die Menschen mich, warum meine Frau immer noch nicht arbeitet. Und warum sie es noch nicht geschafft hat, die Depression zu überwinden. Dann werde ich innerlich böse. Aber ich wünsche diesen Menschen, dass sie diese Erfahrung niemals machen müssen.

Wenn ich Partnern, Kindern, Kollegen... etwas mitgeben wollte, dann sage ich nur eins: Wenn ihr dem Depressiven helfen wollt, dann helft euch selbst. Ihr könnt den Depressiven nur unterstützen, Verständnis zeigen, da sein, bei euch selbst nachschauen, was ihr noch verändern könnt. Ja, habt den Mut zu einer Therapie, schreibt Tagebuch, seid kritisch mit euch, aber ohne euch fertig zu machen.

Es gibt keine Patentlösung. Ich lerne jeden Tag. Aber eins weiß ich mit Sicherheit: Wenn ich mich ändere, hat das auch einen Einfluss auf meine Frau. Und vielleicht, wenn ich mich mit dem Thema Depression beschäftige, sie in meinem Leben akzeptiere und Wege finde, wie ich mit ihr umgehen kann, werde ich es schaffen, dass diese dunkle Wolke immer kleiner wird. Aber ich allein kann auch keine Wunder vollbringen. Der Depressive muss auch etwas tun. Auch er muss an sich arbeiten und Hilfe in Anspruch nehmen.

Kurz zusammengefasst würde ich Partnern von depressiv erkrankten Menschen Folgendes auf ihren Wegen mitgeben:

  • sich selbst lieben: Ich bin der Wichtigste, nicht der Depressive.
  • Selbstkritik und -reflektion
  • professionelle Hilfe suchen
  • Geduld und Liebe
  • Humor

Viel Glück und glaubt an euch.

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