Mittwoch, 5. Oktober 2016

Wie schlimm ist emotionaler Missbrauch? Und ist Vergebung die Lösung?

Wenn von Missbrauch und Gewalt die Rede ist, denkt jeder an sexuellen Missbrauch und körperliche Misshandlung. Denn darin sind sich alle einig: Wer das erfahren musste, hat Schlimmes erlebt und alles Mitgefühl verdient. Emotionaler Missbrauch war auch mir bis vor 4 Jahren kein geläufiger Begriff. Psychische Gewalt kennt man hingegen schon, wird aber häufig bagatellisiert, weil man keine blauen Flecken sieht. Die Frage, welche Erfahrung nun schlimmer ist, darf sich meiner Meinung nach gar nicht stellen. Opfer erleben immer Ohnmacht, Hilflosigkeit und Kontrollverlust sowie Scham, Schuldgefühle und die Angst, dass ihnen keiner glaubt und ihren Schmerz nicht ernst nimmt. Beim letzten Punkt möchte ich allerdings anmerken, dass emotionaler Missbrauch und emotionale Misshandlung etwas heikler sind. Ein Kind, das erzählt: "Ich musste gestern die Mama trösten, weil der Papa so geschrien hat." bekommt wahrscheinlich weniger betroffene Aufmerksamkeit als ein Kind mit folgender Geschichte: "Nachts legt sich der Papa zu mir ins Bett und streichelt mich da unten."

Um an dieser Stelle begriffliche Verwirrung zu vermeiden, möchte ich nochmal die verschiedenen Sachverhalte unterscheiden. Sexueller Missbrauch und körperliche Gewalt sind klar. Unter letzterem ist auch Vernachlässigung zu verstehen (mangelnde Ernährung, Hygiene, medizinische Versorgung). Hierfür gibt es Gesetze. Emotionaler Missbrauch geht mit Parentifizierung einher, d.h. Eltern und Kinder tauschen die Rollen, das Kind muss z.B. die Mutter emotional stabilisieren. Darunter ist jedoch auch die narzisstische Besetzung des Kindes zu verstehen, worüber ich in diesem Artikel geschrieben habe. Hier ist die Grenze zur emotionalen und psychischen Misshandlung sehr dünn. Ich glaube fast, dass sich beide kaum trennen lassen. Es mag Situationen geben, die eher missbräuchlichen Charakter haben (z.B. Kind vermittelt zwischen Eltern), während in anderen Momenten deutlich Gewalt ausgeübt wird (z.B. durch Abwertung und Beschimpfung). Da es bei solchen Erfahrungen aber nicht um ein einzelnes traumatisches Erlebnis geht sondern um eine stetige Mikrotraumatisierung, die sich durch die gesamte Kindheit und Jugend zieht, gehören für mich Missbrauch und Misshandlung zusammen. Wer einen Schwächeren misshandelt, missbraucht ihn gleichzeitig für seine Zwecke des Aggressionsabbaus und der Rache an eigene Täter. Und Missbrauch ist immer auch Misshandlung.

Der amerikanische Rechtsanwalt Andrew Vachss, dessen Klienten ausschließlich Kinder und Jugendliche sind, spricht sich zu diesem Thema sehr deutlich aus.

"Meine Antwort ist, dass von all den vielen Formen von Kindesmisshandlung, emotionale Misshandlung die grausamste und am längsten währende von allen sein mag. Emotionale Misshandlung ist die systematische Verkleinerung des anderen. Sie kann absichtlich oder unterbewusst (oder beides) sein, aber sie ist immer eine Verhaltensweise, nicht ein einzelner Vorfall. Sie ist darauf angelegt, das Selbstbild eines Kindes auf den Punkt zu reduzieren, wo das Opfer sich des natürlichen Geburtsrechts aller Kinder für unwert erachtet: Liebe und Schutz. (...)

Emotionale Misshandlung kann verbal oder im Verhalten, aktiv oder passiv, regelmäßig oder gelegentlich stattfinden. Ungeachtet dessen ist sie oft ebenso schmerzhaft wie ein körperlicher Angriff. Und, mit seltenen Ausnahmen, dauert der Schmerz viel länger an. Die Liebe eines Elternteils ist für ein Kind so wichtig, dass sie ihm vorzuenthalten einen Zustand des "Scheiterns in der Entwicklung" verursachen kann, ähnlich dem von Kindern, denen man eine angemessene Ernährung verweigert hat. (...)

Emotionale Misshandlung ist sowohl die verbreitetste als auch die am wenigsten verstandene Form von Kindesmisshandlung. Über ihre Opfer wird oft hinweggesehen, einfach, weil ihre Wunden nicht sichtbar sind. In einem Zeitalter, in welchem neue Enthüllungen von unaussprechlichen Kindesmisshandlungen tägliche Kost sind, werden Schmerz und Qual jener, die "nur" emotionale Misshandlung erfahren haben, oft trivialisiert. Wir verstehen und akzeptieren, dass die Opfer von körperlicher und sexueller Misshandlung gleichermaßen Zeit wie eine spezielle Behandlung brauchen, um zu gesunden. Doch wenn es zu emotionaler Misshandlung kommt, glauben wir anscheinend, dass die Opfer "einfach darüber hinwegkommen", wenn sie Erwachsene werden. Diese Annahme ist gefährlich falsch. Emotionale Misshandlung entstellt das Herz und schädigt die Seele. Wie Krebs verrichtet sie ihre tödlichste Arbeit im Inneren. Und, wie Krebs, kann sie, wenn sie unbehandelt bleibt, Metastasen bilden.

Wenn es zur Schädigung kommt, gibt es keinen wirklichen Unterschied zwischen körperlicher, sexueller und emotionaler Misshandlung. Alles, was das eine vom anderen unterscheidet, ist die Wahl der Waffen des Misshandlers. " (Andrew Vachss, "Du trägst das Heilmittel in deinem Herzen", 1994)

Ich habe selbst lange gebraucht, um sagen zu können: Ich bin ein Missbrauchsopfer! Und ich zweifle regelmäßig an dieser Tatsache und rede mir ein, meine Vergangenheit zu dramatisieren. Hinzu kommt diese tiefe Empathie, die Kinder von psychisch kranken Eltern entwickeln, um ihr Überleben zu sichern. Es passiert mir heute noch, dass ich meine Eltern entschuldige und ihr Verhalten verständnisvoll erkläre. Meine Therapeutin rastet dann zum Glück immer aus und tritt vehement für mein inneres Kind ein.

Wer seine seelischen Wunden heilen will, stößt früher oder später auf das Thema Vergebung. Man will ja seinen Frieden schließen, die Vergangenheit loslassen und sein Leben eigenverantwortlich und selbstbestimmt gestalten. Susan Forward hat in ihrem Buch "Vergiftete Kindheit" über die "Vergebungsfalle" geschrieben. Auch Andrew Vachss hält von diesem Konzept nicht viel.


"(...), das emotional misshandelte Kind kämpft zwangsläufig darum, das Verhalten seiner Misshandler zu "erklären" - und endet, um sein Überleben kämpfend, in einem Treibsand der Selbstbeschuldigung. (...)

Ein besonders schädlicher Mythos ist der, dass Heilung "Vergebung" für den Misshandler erfordere. (...)

Die Schäden von emotionaler Misshandlung können nicht an sichtbaren Narben gemessen werden, aber jedes Opfer verliert einen Prozentsatz seiner Leistungsfähigkeit. Und diese Leistungsfähigkeit bleibt so lange verloren, wie das Opfer in dem Kreislauf von "Verstehen" und "Vergebung" feststeckt. Der Misshandler hat kein "Recht" auf Vergebung - solche Wohltaten können nur verdient werden. Und obwohl der Schaden mit Worten angerichtet wurde, kann echte Vergebung nur mit Taten verdient werden."(Andrew Vachss, "Du trägst das Heilmittel in deinem Herzen", 1994)

Ich neige immer noch dazu, die verletzten inneren Kinder meiner Eltern zu sehen und Mitgefühl für sie zu empfinden. Als Erwachsene wäre es ihre Verantwortung gewesen, das so aufzuarbeiten, dass sie ihre Narben nicht ungefiltert auf mich übertragen. Ich zögere nach wie vor, ihnen daraus einen handfesten Vorwurf zu machen. Fakt ist: Ich habe als Kind durch meine Eltern Leid und Unrecht erfahren. Punkt.

Andrew Vachss sieht die Heilung folgendermaßen:
"Wenn du ein Opfer von emotionaler Misshandlung bist, kann es keine Selbst-Hilfe geben, bis du Selbst-Bezüglichkeit lernst. Das bedeutet, deine eigenen Maßstäbe zu entwickeln, für dich selbst zu entscheiden, was "Güte" wirklich ist. Die kalkulierten Bezeichnungen des Misshandlers zu übernehmen - "Du bist verrückt. Du bist undankbar. Es ist nicht so passiert, wie du sagst" - setzt nur den Kreislauf fort. (...)
Opfer von emotionaler Misshandlung tragen das Heilmittel selbst in ihren Herzen und Seelen. Rettung heißt Selbst-Respekt lernen, den Respekt anderer verdienen, und diesen Respekt zu dem absolut unreduzierbaren erforderlichen Minimum für alle intimen Beziehungen zu machen. Für das emotional misshandelte Kind ergibt sich aus Heilung "Vergebung" - Vergebung für dich selbst." (Andrew Vachss, "Du trägst das Heilmittel in deinem Herzen", 1994)
Klingt jetzt fast so, als wäre man doch selbst Schuld, ist aber nicht so gemeint. Als Opfer glaubt man ja nur, man sei schuldig. Deshalb kann man sich nur selbst ent-schuldigen, indem man erkennt, was einem angetan wurde, und dass man angelogen wurde. Es ist wichtig, den Täter als Täter zu identifizieren. Auch wenn es noch so schwer fällt, weil man seine Eltern trotzdem liebt. Das eine muss das andere nicht zwangsläufig ausschließen. Klingt jetzt schizophren. Aber Schwarz-Weiß-Denken halte ich nicht für hilfreich. Meine Eltern haben auch Vieles gut gemacht, wofür ich dankbar bin. Als Mama und Papa bleiben sie in meinem Herzen. Trotzdem muss ich sie nicht so oft sehen. Und manchmal bin ich sehr wütend auf sie.

Wer zum Thema Vergebung noch mehr lesen möchte, den verweise ich auf die Seite netzwerB (Netzwerk Betroffener von sexualisierter Gewalt e.V) mit ihrem Artikel Mythos der Vergebung.

Zum Schluss noch eine kleine Geschichte: Mein Mann arbeitete vor Jahren in einem Kinderheim. Dort gab es ein Mädchen, das sich nur wohl fühlte, wenn es den Arm verbunden hatte. Tatsächlich war der Arm völlig gesund. Die Seele aber nicht. Mein Mann hat dies verstanden und dem Mädchen regelmäßig den Verband gewechselt, der die seelischen Wunden sichtbar machen sollte.

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