Freitag, 30. September 2016

Würdigung des verletzten inneren Kindes in der Therapie

Bildquelle: Pixabay

Menschen, die emotionalen Missbrauch und psychische Gewalt in der Kindheit erfahren haben, leiden Zeit ihres Lebens an den Folgen. Das Urvertrauen konnte sich nicht ausreichend entwickeln, was sich in Ängsten, mangelndem Selbstvertrauen und Hoffnungslosigkeit äußert. Die Welt und die Mitmenschen werden als bedrohlich oder zumindest verdächtig empfunden. Negative Glaubenssätze wie "Das schaffe ich sowieso nicht", "Es wird bestimmt wieder etwas Schlimmes passieren" oder "Die werden mich alle doof finden" setzen sich fest. Durch Doublebinds (Doppelbotschaften) und Missachtung oder Umdeutung der Bedürfnisse und Emotionen des Kindes entsteht außerdem ein Misstrauen in die eigene Wahrnehmung sowie das Gefühl, falsch zu sein.

In der Therapie wurde mir oft gesagt: "Wenn Sie immer Katastrophen erwarten, ist es logisch, dass das auch passiert!" Denn dies ist der Teufelskreis der sich selbst erfüllenden Prophezeiung: Das Selbstbild und sämtliche Einstellungen den anderen Menschen und der Welt gegenüber werden unbewusst durch das eigene Verhalten nach außen übertragen. Von dort wird das alles wie durch Spiegel zurück reflektiert. Man erhält die Bestätigung seiner Befürchtungen und Glaubenssätze, was eine Umwandlung dieser sehr erschwert.

Die Lösung des Problems lautet deshalb, die eigenen Glaubenssätze und das Verhalten zu verändern. Zum Beispiel wenn ich davon überzeugt bin, liebenswert zu sein und in einer neuen Gruppe positiv aufgenommen zu werden, wird das auch so ablaufen. Das klingt so einfach. Wie mein Psychiater gestern noch sagte: "Sie können zwar an sich arbeiten, aber ihre Persönlichkeit ändern Sie nicht." Das Ganze hat also seine Grenzen.

Die Verhaltenstherapie setzt genau da an. Das eigene Verhalten in schwierig empfundenen Situationen wird erörtert, auf Resonanzen von außen überprüft und alternative Verhaltensweisen eingeübt. Denn man kann nur sich selbst ändern, wodurch sich interessanterweise dann auch die Umwelt ändert. Wenn ich in Konflikten lerne, rechtzeitig deutliche Grenzen zu setzen, werde ich wahrscheinlich mehr Respekt erfahren und weniger verletzt, als wenn ich unsicher den Mund halte aus Angst, man könnte mich nicht mehr mögen.

Das ist alles gut und schön. Mir fehlt da nur etwas sehr Entscheidendes: Die Würdigung des verletzten inneren Kindes. Was läuft innerlich bei mir ab, wenn mir ein Therapeut sagt: "Wenn Sie immer Katastrophen erwarten, ist es logisch, dass das auch passiert! Denken Sie mal positiv!" Ich fühle mich angegriffen, in meiner Wahrnehmung nicht ernstgenommen, die schließlich auf jahrelanger Erfahrung beruht, und habe wiedermal das Gefühl, falsch zu sein. Es ist meine Schuld, dass es mir schlecht geht! Darauf reagiere ich regredierend mit Trotz. Die Arme werden verschränkt, der Blick wird hart, innerlich geht der schützende Rolladen runter. Der Typ versteht mich nicht!

Das ist äußerst schade, denn im Grunde genommen ist es ja richtig, was er sagt. Hilfreicher wäre aber als erster Schritt auf das innere Kind einzugehen, das verwirrt in der Ecke sitzt. "Es ist normal, dass du das alles so empfindest, denn das hast du so gelernt. Man hat dir Lügen erzählt über dich und die Welt, und deshalb geht es dir heute schlecht. Das war ganz schön gemein! Damals konntest du nicht anders, als das anzunehmen. Das macht dich wütend und traurig. Und das ist gut so! Als Erwachsene kannst du heute Stück für Stück deine Glaubenssätze umwandeln..." Darauf würde ich ganz anders reagieren. Ich würde mich gehört und gesehen fühlen. Das würde mir helfen, mich selbst mit meinen Emotionen und Wahrnehmungen ernst zu nehmen. Ich würde den Hinweis auf meine Eigenverantwortung nicht als Angriff empfinden sondern als Entdeckung meiner Selbstwirksamkeit. Erst dann wäre ich in der Lage, einen Blick auf meine Verhaltensweisen zu werfen und Neues auszuprobieren.

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