Dienstag, 27. September 2016

Highway to Burn Out

"Du kannst dich auf niemanden verlassen außer auf dich selbst!" so rät Caroline Burnham ihrer Tochter im Film American Beauty. Mir kam das bekannt vor, denn meine Mutter gab mir denselben Rat. Gerne auch in abgewandelter Form: "Wenn du dich auf andere verlässt, bist du verlassen."

Wohin führt dieser Glaubenssatz? Geradewegs ins Burn Out. Und er zieht einen dicken Rattenschwanz ergänzender Glaubenssätze nach sich. Bei meinem ersten Klinikaufenthalt mussten wir uns in einer Partnerübung Fragen stellen. Ich weiß leider nicht mehr, worum es ging. Aber meine Partnerin folgerte aus meiner Antwort: "Du denkst also, du machst alles besser als die anderen." Ich war total schockiert, weil ich das bewusst überhaupt nicht so sah. Ich fand mich ja eher erfolglos.

Und doch, wer glaubt, er dürfe sich auf niemanden verlassen, macht folglich lieber alles selbst, sonst geht es schief. Ergo denkt man, dass man sämtliche Aufgaben besser erledigt als seine Mitmenschen. Dieses Phänomen ist sicherlich nicht nur auf der Arbeit zu beobachten (na, Mamas, erwischt?). Aber dieser Lebensbereich eignet sich hervorragend, die Teufelsspirale (denn ein Kreis ist es nicht), die im Burn Out endet, anschaulich darzulegen. Leider am eigenen Beispiel.

Ich war stets eine pflicht- und verantwortungsbewusste Mitarbeiterin. Delegieren gehörte für mich in die Chefetage. Als Alltagsautist hatte ich natürlich genaue Vorstellungen von Arbeitsabläufen. Zumindest was mich betreffende Aufgaben anging. Das ist ja auch schön, aber einige Aufgaben betrafen nunmal auch Kollegen. Teamarbeit nennt man das. Es war nicht so, dass ich meinen Kollegen gar nichts zutraute. Aber in einigen Situationen stellte mich das Ergebnis einfach nicht zufrieden, und ich hatte das Gefühl, hinterher die Scherben aufkehren zu müssen. Dann mache ich es doch lieber selbst. Dass ich mit dieser Haltung Dinge an mich gerissen habe, die ich vielleicht nicht hätte machen müssen, fiel mir nicht auf. In einem großen Team gibt es natürlich auch die Kollegen, die ganz froh sind, wenn man ihnen etwas abnimmt. "Machst du das? Du kannst das doch so gut!" Andere hingegen fühlen sich übergangen.

Aus "Ich machs lieber selbst, bevor es schief geht." wurde mit der Zeit "Immer muss ich alles selber machen!". Denn auch die Chefetage hatte mittlerweile verstanden, dass ich ein bisschen wichtig war. Das führte dazu, dass ich sogar zu Hause angerufen wurde, wenn ich krank auf dem Sofa lag. In mir entstand der nächste Glaubenssatz: Ohne mich bricht der Laden zusammen. Das nennt man Größenwahn. Da gibt es nichts zu Deuteln. Es gibt Menschen mit dieser Einstellung, die sterbenskrank mit Fieber zur Arbeit gehen, weil "ohne sie nichts läuft". Sie halten sich für verantwortungsbewusst, handeln aber im Gegenteil absolut verantwortungslos. Nicht nur ihren Kollegen gegenüber, die sie anstecken könnten, sondern vor allem sich selbst gegenüber. Keine Aufgabe der Welt ist wichtiger als die eigene Gesundheit! Es mag dramatisch klingen, entspricht jedoch der Wahrheit, wenn ich sage, dass sich Menschen schon zu Tode gearbeitet haben. Herzinfarkt. Was geschieht nach dem Tod des eifrigen Mitarbeiters mit der Firma oder Institution, bei der er angestellt war? Richtig. Sie läuft weiter. Wie ist das nur möglich?

Das Gefühl, für alles verantwortlich zu sein, ist eine starke Belastung. Und tatsächlich kostet es Überwindung, Aufgaben abzugeben, die dann anders erledigt werden, als man es selbst machen würde. Man muss von seinem hohen Ross runterkommen und aufhören, sich selbst als Maßstab für andere zu nehmen. Denn sonst darf man sich nicht wundern, wenn man eines Tages unter all den an sich gerissenen Aufgaben zusammenbricht - zu denen noch die delegierten Angelegenheiten hinzukommen, denn man arbeitet ja offensichtlich gern. Das Umfeld reagiert auf das, was man aussendet: Ich bin hier die einzige verlässliche Person. Das ist ganz schön arrogant. Und wer glaubt, sich nur auf sich selbst verlassen zu können, auf den verlassen sich irgendwann auch alle anderen.

"Sie müssen lernen, Nein zu sagen." raten Therapeuten. Ach so. Ja, dann: NEIN! Chef und Kollegen verstehen die Welt nicht mehr und werden unter Umständen sogar böse. Der nächste Glaubenssatz beginnt, mit Nachdruck zu wirken: Wenn ich nichts leiste und mich nicht um alles kümmere, hat mich keiner lieb. Also ist Nein sagen gefährlich. Die Spirale dreht sich weiter abwärts.

Wer als Kind emotionale Verantwortung für seine Eltern übernehmen musste, läuft Gefahr, im Erwachsenenalter so ein Mitarbeiter zu werden. Der Glaube, sich auf niemanden verlassen zu können, entsteht aus einer existenziellen Angst heraus. Deshalb ja auch die Überzeugung, ohne die eigene Anwesenheit würde der Arbeitsplatz versumpfen.

Die befreiende Erkenntnis lautet: Jeder ist ersätzlich! Das macht einen als Mensch nicht weniger wertvoll. Wenn man nicht alles selber macht... machen es halt andere. Davon geht die Welt nicht unter.

1 Kommentar:

  1. Hallo!

    Danke für diesen Beitrag, der mich sehr nachdenklich gemacht hat!

    lg
    Maria

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