Dienstag, 26. Juli 2016

Unsere Wahrnehmung gestaltet unsere Realität - Teil 2

Vom Positiven Denken oder Law of Attraction hat sicher jeder schonmal gehört. Die einen schwören darauf, andere halten das für naiven Humbug. Die Psychologin Alice Miller hält positives Denken als Angebot für Traumapatienten für kontraindiziert, da dies die kindlichen Schuldgefühle untermauert und die für die Heilung notwendige Wut unterdrückt. So hatte auch ich lange Zeit meine Probleme mit diesen Konzepten, da sie mir das Gefühl gaben, selbst Schuld zu sein an meiner Depression. So als hätte ich mich dafür entschieden, in einem Loch zu sitzen. In dieser Art hatte mir meine Mutter es nämlich vermittelt. Dadurch rutschte ich nur noch tiefer in die Depression, weil ich mich für zu blöd hielt, mich des Lebens zu freuen. Mein Selbstwert sank immer tiefer - und schließlich sind Depressionen eine Störung des Selbstwertgefühls. Das steigert sich dann bis zum Selbsthass, was nun alles andere als positiv ist.

Deshalb möchte ich an dieser Stelle ganz deutlich darauf hinweisen, dass das Umprogrammieren der eigenen Denkstrukturen Richtung positiver Inhalte erst möglich wird, wenn die seelischen Wunden einen gewissen Grad an Heilung erreicht haben. Jedenfalls erlebe ich das selbst so. Vor 3-4 Jahren machten mich diese Konzepte wütend. Meine Wunden mussten zuerst ausreichend beachtet werden. Sowas wie positives Denken hätte mein Leiden nicht ernst genommen. Heute spüre ich, dass es mir möglich geworden ist, mit neuen Denkstrukturen zu experimentieren. Es ist sogar notwendig geworden, wenn ich aus der Depression raus will. Nachdem meine Verletzungen über einen angemessenen Zeitraum gepflegt wurden, drängt es mich nahezu von selbst dahin, meine Denkmuster, den Fokus meiner Wahrnehmung und damit meine Realität positiv zu verändern. Ich würde ansonsten in einer depressiven Dauerschleife feststecken. Wann der richtige Moment dafür gekommen ist, kann jeder nur für sich selbst erspüren. Und wenn ihr fühlt, dass es (noch) nicht geht, seid bitte liebevoll zu euch! Denn es ist okay! Mit einem noch nicht vollständig ausgeheilten Beinbruch kann man keinen Marathon laufen. Das bedeutet nicht, dass man keine Heilung will, zu doof oder faul ist. Ihr braucht einfach noch Zeit. Es ist mir sehr wichtig, das deutlich zu betonen, bevor es weiter geht.

Kann man denn nun seine Realität durch das Verschieben der Wahrnehmung verändern? Ich bin mittlerweile davon überzeugt! Und es beeinflusst mein psychisches Wohlbefinden. Im Prinzip ist es ganz simpel. Wenn ich mich mit negativen Dingen beschäftige und mir ständig Sorgen mache, fühle ich mich schlecht und ausgelaugt. Lenke ich meinen Wahrnehmungsfokus auf positive Dinge, kehrt meine Energie zurück, und ich fühle mich inspiriert.

Im ersten Schritt wurde ich mir meiner Denkstrukturen bewusst. Konto leer - ich bin arm - Angst. Der nächste Schritt war, dem etwas Positives entgegen zu setzen. Ich sitze in einem schönen Haus, in dem ich mich geborgen und frei fühle, habe genug zu essen und muss nicht frieren - Entspannung. Anschließend kam für mich der schwerste Schritt, mein Katastrophendenken mit dem Vertrauen darauf auszuhebeln, dass sich für alles eine Lösung findet. Denn so ist es bisher immer gewesen. Bleibe ich in meinem Mangeldenken verhaftet, ziehe ich nur noch mehr Mangel in meine erlebte Realität und nähre meine Existenzangst. Alles wird gefühlt weniger. Erkenne ich jedoch die Fülle in meinem Leben, mache ich Platz für Wachstum, mein Blick wird offener, es ergeben sich neue Möglichkeiten.

So einfach dies klingt, so schwer ist es, das in die tägliche Praxis umzusetzen. Da hilft nur üben, üben, üben. So wie ich mir das negative Denken über Jahre hinweg antrainiert habe, kann ich mir auch das positive Denken antrainieren. Mir persönlich hilft es dabei, mich mit schönen Dingen zu beschäftigen wie Kunst, Musik, andere positiv orientierte Menschen, Natur... Ich schaue keine Nachrichten mehr. Das heißt nicht, dass ich die schlimmen Geschehnisse in der Welt verneine oder ignoriere. Irgendwie kriege ich sie ja doch mit. Und ich weiß, dass sie da sind. Aber es passieren auch so viele großartige Dinge! Leider wird davon äußerst selten berichtet. Ich möchte mich nur einfach nicht permanent mit diesem ganzen Mist auseinandersetzen, indem ich im Internet darüber lese, auf Facebook poste und kommentiere und mit meinen Mitmenschen darüber diskutiere, wie schrecklich das alles ist. Dann bekomme ich nur Angst. Und das ist nicht hilfreich. Denn ich glaube, dass mindestens 90% meiner Ängste völlig unbegründet sind. Sie belasten mich nur und halten mich vom Leben ab. Wenn ich mich also kraftvoll fühlen will, beschäftige ich mich lieber mit nährenden Themen und inspirierenden Menschen. Das sind in meinem Fall zum Beispiel, wie man Augen realistisch zeichnet und unsere Pferdetrainerin, die mir eine ganz neue Sicht auf Pferde eröffnet, die ich als äußerst hilfreich empfinde.

Klingt alles ein bisschen nach Pippi Langstrumpfs "Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt". "Das geht doch nicht!" empören sich jetzt wieder die alten Stimmen in meinem Kopf. Wohl! Das Leben besteht aus Gegensätzen: Krankheit - Gesundheit, Licht - Schatten, mal mehr - mal weniger Geld, Glück - Pech. Das hat schon seinen Sinn. Aber erstens ist es meine Entscheidung, worauf ich mich konzentriere, und zweitens liegt es an mir, wie ich das alles bewerte. Ich habe nicht immer Einfluss darauf, was außerhalb von mir passiert, aber ich kann beeinflussen, wie ich das erlebe und mich infolgedessen dabei fühle. Interessanterweise ist es nämlich tatsächlich so, dass sich die positiven Dinge in meinem Leben vermehren, je mehr ich meinen Fokus darauf lege. Wie eine universelle Verlinkung. Zum Beispiel treffe ich immer häufiger Menschen, die ähnlich denken und sich für die gleichen Dinge interessieren. Oder mir fällt ein Heft in die Hand, das über ein Thema berichtet, mit dem ich mich gerade beschäftige.

War das alles vorher nicht da? Doch, ich habe es nur aus meiner negativen Realität ausgeschlossen. Und so schien es, als würde es wahrhaftig nicht existieren. Es ist wie die Entdeckung einer neuen Welt. Und ich darf sie mitgestalten.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Dare to kommentär!