Montag, 13. Juni 2016

Unsere Wahrnehmung gestaltet unsere Realität Teil 1


Schon seit meiner Studentenzeit beschäftige ich mich mit den eng miteinander verknüpften Themen Wahrnehmung und Realität. In meinem Elternhaus erlebte ich übersinnliche und paranormale Phänomene wie Hellsichtigkeit, Visionen und Geistheilung. Irgendwann zweifelte ich an meinem Verstand - oder an dem meiner Mutter. Gibt es sowas oder gehört das in den Bereich der Psychopathologie? Wieviel Spiritualität ist gesund? Sind spirituelle Menschen mit übersinnlichen Fähigkeiten automatisch Heilige oder können sie damit auch Schaden anrichten?

Um diese großen Fragen ganz kurz zu beantworten: Ich habe zuviel gesehen, um solche Fähigkeiten als bloße Einbildung oder psychische Erkrankung abzustempeln. Die Grenze zum Wahnsinn ist allerdings schnell überschritten. Und leider missbrauchen viele hellfühlige Menschen ihre Talente, um andere zu manipulieren. Es erfordert ein hohes Maß an Persönlichkeitsentwicklung und Bescheidenheit, um verantwortungsbewusst damit umzugehen.

Von diesem Thema ausgehend, stellte ich mir häufiger die Frage, warum wir Menschen so unterschiedlich wahrnehmen und ob wir darauf Einfluss nehmen können, so dass sich unsere erlebte Realität verändert. Stichwort Positives Denken. Oft höre ich Sätze wie: Total realitätsfern! Die hat eine kranke / verdrehte Wahrnehmung. Da muss man schon realistisch bleiben. - Was bedeutet das? Gibt es nur eine allgemeine Realität und eine Art der Wahrnehmung? Müssten wir dann nicht alle dasselbe wahrnehmen und diesselbe Realität erleben? Ich möchte zunächst die Begriffe Wahrnehmung und Realität definieren.

Im Lexikon der Gestalttherapie heißt es zur Wahrnehmung: „Der umfangreiche Wortstamm »wa(h)r« hat die z.T. widersprüchlichen Bedeutungen von Sein (Wahrheit), Glauben (Wahn, Wahnsinn), schützen (bewahren, verwahren) und zugestehen (gewähren) sowie erinnern. Das Verb »wa(h)ren« hat zusätzlich die Bedeutungen von sehen (gewahren, wahrnehmen) und in Acht nehmen (warnen).“ Wahrnehmen ist das Berühren oder Berührtwerden der Sinnesorgane (tasten, riechen, schmecken, hören, sehen) des Objekts bzw. durch das Objekt. „Auf der einen Seite ist es der individuelle Mensch, der etwas wahrnimmt. Seine Interessen wählen das aus, was wichtig ist. Aus den Sinnesdaten werden sinnvolle Zusammenhänge geschaffen. Auf der anderen Seite ist das, was wahrgenommen wird, nicht ein beliebiges Fantasieprodukt des Wahrnehmenden, sondern hat eine Wirklichkeit außerhalb des Wahrnehmenden. Denn andernfalls gäbe es nichts wahrzunehmen, und alles wäre bloß eine Projektion.“ Nun verhält es sich aber so, dass es keine absolute Objektivität gibt. Der Mensch sieht die Dinge nur auf die Art und Weise, wie seine Wahrnehmung und sein Denken es zulassen. Dennoch muss er davon ausgehen, dass er nicht nur fantasiert. (Blankertz, Stefan; Doubrawa Erhard: Lexikon der Gestalttherapie, Hammer Verlag, 2005, S. 320-321)

Wikipedia sagt zur Realität: Ein genaues Verständnis davon, was unter der Realität zu verstehen ist, beruht zum einen auf philosophischen Voraussetzungen. Für die Naturwissenschaften ist Realität das, was der wissenschaftlichen Betrachtung und Erforschung zugänglich ist. Dabei geht es vor allem um methodisch feststellbare Wechselwirkungen. Inhalte von Vorstellungen, Gefühlen, Wünschen, Wahrnehmungen und ähnlichem gelten zunächst einmal als nicht der Realität zugehörig. Die Identifizierung von Realität und Wirklichkeit ist jedoch nicht unproblematisch. Von Positionen, die sich um eine Unterscheidung bemühen, ist mit dem Begriff „Wirklichkeit“ eine Realität gemeint, die auf Dinge eingeschränkt ist, die in Wechselwirkung zu anderen bereits als real erkannten Dingen stehen. Als Realität wird darüber hinaus alles begriffen, was als Gegenstand des individuellen Bewusstseins aufgefasst werden kann, gerade eben auch soziale Tatbestände, angenommene spirituelle Gegenstände und sowohl fremde wie eigene Gefühle und Einstellungen, insofern diese nicht auf bloße Willkür zurückgeführt werden können. Dieser weite Realitätsbegriff, der auch von bestimmten Positionen der Sozialwissenschaften geteilt wird, wird für gewöhnlich jedoch auf verschiedene soziale Kontexte beschränkt: was bspw. in der Logik, vor einem Gericht, bei einem Streitgespräch unter Partnern oder in einer Kirche als real gilt, sind jeweils sehr verschiedene Entitäten (Dasein eines Dinges), die nur bedingt zur gleichen Zeit für gleichermaßen real gehalten werden können. (Quelle: Wikipedia - Realität)

Mir schwirrt schon wieder der Kopf. Was ich verstanden habe, ist, dass es nicht ganz so einfach ist mit dem Wahrheitsgehalt der eigenen Wahrnehmung. Wenn es keine absolute Objektivität gibt, dann existiert auch keine absolute Realität. Was ich wahrnehme, hängt von meinem Hintergrund ab, d.h. von meiner Erziehung, meiner Erfahrung, meiner Bildung, meinen Interessen, meiner Stimmung, meinen Überzeugungen... Oder besser gesagt, worauf ich den Fokus meiner Wahrnehmung lege. Und daraus entsteht meine eigene Realität, die sich natürlich im Großen und Ganzen mit der anderer Menschen überschneidet. Ausschlaggebend für die von mir erlebte Realität ist dabei meine persönliche Bewertung meiner Wahrnehmung.

Ich versuche mal, das alles anhand einfacher Beispiele zu verdeutlichen. Frauen kennen sicher das Phänomen, ständig und überall Kinderwagen zu sehen und schreiende Babys zu hören, wenn sie befürchten, ungewollt schwanger zu sein. Ist es tatsächlich so, dass plötzlich mehr Babys existieren? Waren die vorher nicht da? Doch, man hat sie nur nicht wahrgenommen oder eher beiläufig registriert, weil es nicht wichtig war. Aber nun, da man Angst hat, schwanger zu sein, drängen sie sich einem nahezu auf. Der Wahrnehmungsfokus hat sich von der Angst gesteuert auf Säuglinge eingestellt.

In der letzten Adventszeit lief im TV das Weihnachtskonzert der Sendung "Sing meinen Song - Das Tauschkonzert". Die Künstler erzählten u.a., wie sie persönlich die Weihnachtszeit erleben und was sie ihnen bedeutet. Yvonne Catterfeld sagte: "An Weihnachten sind die Menschen viel entspannter." Und ich dachte: Interessant! Ich nehme das Gegenteil wahr.

Welche der beiden Yvonnes hat nun Recht? Um es mit zenbuddhistischen Worten zu sagen: Beide und keine. Das heißt, es gibt in der Vorweihnachtszeit sowohl entspanntere als auch gestresstere Menschen. Die Frage ist, warum ich nur eine dieser Gruppen wahrnehme. In meinem Post Alle Jahre wieder habe ich von meinen Erfahrungen mit diesem Fest berichtet. Als Kind erlebte ich meine Eltern äußerst gestresst und missmutig zu dieser Zeit. Das hat mich derart geprägt, dass mir noch heute Menschen mit dieser Weihnachtsstimmung deutlicher ins Auge stechen als andere. Und das vermiest mir immer noch meine Adventszeit, die ich als Kind doch mal so sehr genossen habe.

Im nächsten Teil werde ich darauf eingehen, ob und wie es möglich ist, meine Wahrnehmung bewusst zu lenken und dadurch meine Realität und mein psychisches Wohlbefinden zu beeinflussen.

Bild: Pixabay

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