Freitag, 20. Mai 2016

Zurück ins Mühlrad? Ich will frei sein!

Nächsten Monat wird mich die Krankenkasse wieder zur Vertrauensärztin vorladen. Wie sie mir schon beim letzten Mal angekündigt hatte, sieht sie vor, meinen Krankenstand zu beenden, weil sie mich für arbeitsfähig hält. Auch mein Psychiater sagte mir im letzten Gespräch: "Sie werden irgendwann keine Wahl haben und arbeiten müssen." Dieser Satz liegt mir wie ein Stein im Magen.

Schon als Kleinkind boykottierte ich den Kindergarten. Für mich war das die reinste Zeitverschwendung. Ich brauchte die als unsinnig empfundene Animation nicht und brachte mir Zuhause selber Zählen und Rechnen bei, wenn ich nicht gerade kreativ beschäftigt war. Nach meinem ersten Grundschuljahr freute ich mich sehr erleichtert über meine Ferien. Die gesamte Schulzeit erlebte ich als notwendiges Übel und eher belastend. Ich hangelte mich von Wochenende zu Wochenende und fertigte Abstrichkalender vor größeren Ferien an. Oft sorgte mein Körper mit Krankheiten für schulfreie Zeit. Es war nicht der Leistungsdruck, der mir so zusetzte. Es nervte mich, Dinge lernen zu müssen, die mich weder interessierten noch sinnvoll erschienen. Ich hätte wirklich Besseres zu tun gehabt. Außerdem fiel mir die Integration in die Gruppen schwer. Ich war häufig Mobbingopfer.

Nach dem Abitur hatte ich erstmal keine Idee, was ich machen wollte. Die Zeit der Berufswahl war äußerst quälend und mit Versagensgefühlen erfüllt. Das Sozialarbeitsstudium war ganz okay. Schließlich hatte ich mir diesen Weg selbst ausgesucht und fand die meisten Unterrichte (außer Recht) interessant. Dann ging es hinein in die Arbeitswelt. Wieder empfand ich das Arbeitenmüssen als notwendiges Übel. Meine Erfahrungen in der beruflichen Welt waren größtenteils negativ. Sonntagabends kroch meine Laune in den Keller. Morgens beim Aufwachen sehnte ich mir den Feierabend herbei. Für meine Interessen hatte ich bald keine Kraft mehr. Meine Kreativität trocknete ein. Irgendwann hatte ich mich selbst völlig verloren.

Nach 4 Jahren Arbeitsunfähigkeit habe ich mich von all dem recht gut erholt, auch wenn noch offene Baustellen vorhanden sind. Bei dem Gedanken, nun wieder zurück in dieses Mühlrad zu steigen, wieder "mehr vom Selben" zu machen, dreht sich mir der Magen um. Ich lese die Stellenanzeigen durch und fühle mich plötzlich nur noch ganz entfernt. Mir wird schwindelig, mein Rücken verspannt sich, Selbtshass steigt auf - und Angst. Angst, dass ich wieder dort lande, wo ich vor 4 Jahren war. Angst vor Mobbing, Grenzüberschreitung, Überforderung, Langeweile, übermäßiger Kritik und Selbstverlust. Und dann kommt die Wut. Warum muss ich das machen? Warum kann man mich nicht einfach in Ruhe lassen? Weil ich leider ein Einkommen brauche.

Tatsächlich gibt es die Ergophobie - Angst vor Arbeit. Nun kann ich versuchen, das durchzusetzen und ewig Geld vom Sozialstaat beziehen. Dabei will ich doch frei sein! Das heißt für mich, wählen zu dürfen, was ich mache / arbeite, und finanziell unabhängig zu sein. Alles andere würde bedeuten, dass ich in der Opferrolle stecken bleibe, statt Verantwortung für mein Leben zu übernehmen. Leider habe ich absolut keine Idee, was die Lösung für dieses Dilemma sein könnte. Eine neue Ausbildung habe ich schon versucht. Ich wollte es wirklich! Und das alles hat nichts mit Faulheit zu tun! Meine Tage sind ziemlich ausgefüllt. Langeweile kenne ich nicht. Ich erledige den Haushalt, arbeite im Garten und im Stall. Dann beschäftige ich mein Pferd. Ich taste mich wieder an meine Kreativität heran. Ich lese Bücher und Artikel im Internet über Themen, die mich interessieren (zu viele, um sie hier alle aufzuzählen). Ich glaube, ich wiederhole mich.

Möge sich bitte eine neue Idee entfalten!
Immer wieder lese ich von Menschen, die "ihren Traum leben", die ausgestiegen sind aus dem Hamsterrad und aus einer zunächst verrückt erscheinenden Idee ihr Einkommen beziehen. Freunde sagen mir dann: "Naja, das ist aber sehr unwahrscheinlich. Da solltest du realistisch bleiben. Soll ich auch mal nach Arbeit für dich schauen?" Irgendwie hätte ich das Gefühl, verloren zu haben und mich selbst zu verraten, wenn ich wieder in ein Angestelltenverhältnis schlüpfen würde. Klingt vielleicht etwas dramatisch. Ich weiß auch nicht. Ich weiß nur, dass mir die Zukunfts- und Existenzsorgen wieder mal meine ganze Energie rauben, und dass ich beim bloßen Gedanken ans Arbeitengehen Panik kriege. "Da musst du dann halt durch." Wieder eine Grenzüberschreitung. Wieder nicht auf mich hören und so tun, als wäre nichts. Weil alle es so machen. Welchen Sinn haben meine Gefühle, wenn ich sie ignoriere? Ja, Gefühle können auch trügerische Wegweiser sein. Ich bin nicht doof. Aber es ist ja nicht so, als wäre ich in meinem ganzen Leben nur einen Tag arbeiten gegangen und würde daraus meine ganze Erfahrung beziehen. Ich habe verschiedene Möglichkeiten ausprobiert. Nichts davon hat für mich funktioniert.

"Bringt Ihnen die Therapie denn überhaupt was?" Oh, Entschuldigung! Meine Therapeutin hat es sich nicht zum Ziel gesetzt, mich normpassend zurecht zu stutzen. Sie nimmt mich ernst mit meinen Gefühlen und Bedürfnissen. Ernster als ich. Und sie ermutigt mich dazu, meinen eigenen Weg zu finden. Nur scheint irgend etwas in mir noch zu blockieren. Ist meine Perspektive falsch? Liegt es an meinen Glaubenssätzen? Irgendwo hakt's. Und die Zeit sitzt mir im Nacken und verfliegt so verdammt schnell. Das ist nicht gerade hilfreich. Welche Verdienstmöglichkeiten gibt es denn noch? Und was davon passt zu mir und traue ich mir zu? Warum stehe ich mir dermaßen selbst im Weg? Es ist zum Mäusemelken!

Liebes Universum! Ich bin offen für deine Vorschläge! Bitte schick mir eine für mich passende Lösung für mein monatliches Einkommen! Jetzt!

Kommentare:

  1. Hallo!

    Ich kann Dich sehr gut verstehen. Mir geht es da sehr ähnlich, nur dass ich schon wieder arbeite, weil ich auch Kinder zu versorgen habe und es nicht nur um mich selbst geht.

    Mir würde genug einfallen, was ich gerne machen würde, nur werde ich nie davon leben können befürchte ich.

    Ich drück Dir die Daumen, dass Du einen guten Weg für Dich findest!

    lg
    Maria

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    1. Hallo, Maria!

      Vielen Dank für deinen lieben Kommentar. Klar, wenn man Kinder zu versorgen hat... Bei mir sind es die Pferde. Und dennoch sind meine Ängste zu groß, als dass dies zur Motivation ausreichen würde. Es ist ja auch kein Mangel an Motivation. Es ist dieses "keine Wahl haben", gezwungen zu werden zu etwas, das mir nicht gut tut. viele verstehen das nicht und halten mich für eine unrealistische Träumerin oder einen Drückeberger. Es ist auch sehr schwer zu erklären, was genau in mir diesbezüglich vorgeht. Druck bewirkt bei mir nur noch mehr Widerstand und Angst.

      Und trotzdem bleibe ich nach meinen Möglichkeiten dran und warte nicht nur auf ein Wunder.

      LG Yvonne

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  2. Hallo Yvonne,
    mensch danke für Deinen Blog und Deine Offenheit! GENAUSO geht es mir auch, gerade spezielle im Arbeitsleben! Nur dass Du es endlich verständlich in Worten schreibst.
    Wenn mir einer sagt ich muss pünktlich bei der Arbeit sein, bin ich beleidigt, weil ich eh immer ultrapünktlich bei der Arbeit bin. Mir ging es immer am besten wenn ich Chefs hatte die mir freie Hand ließen, dann laufe ich zur Höchstform auf und kann mein Bestes geben :) Am schönsten war mal eine Stelle als Fahrerin, die Chefin sah ich nur 4x im Monat den Rest machten wir per Telefon.
    Aber auch sonst sind wir uns sehr ähnlich, also so vom denken meine ich :)
    Auch ich hab mich viel mit emotionalem Mißbrauch ect. auseinandergesetzt und finde den Sachse einfach toll ;)
    Ach ich könnt Dir jetzt noch soviel schreiben...
    was ich noch loswerden möchte ist ein Buchtip: Kluge Körpfe, krumme Wege.
    Ich schick Dir ganz viele liebe Grüße :)

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    1. Vielen Dank! Es ist immer schön bzw. erleichternd, Menschen zu treffen, denen es ähnlich geht! Obwohl ich es natürlich niemandem wünsche, solche Probleme mit der Arbeitswelt zu haben. Aber es gibt mir das Gefühl, kein durchgeknallter Freak zu sein. Danke für den Buchtipp! Das schaue ich mir mal an.
      Liebe Grüße!

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