Sonntag, 18. Oktober 2015

Erwachsen werden

Offiziell gilt man mit 18 als volljährig und somit als Erwachsener. Viele haben sicher schon von Eltern oder anderen Mitmenschen die Aufforderung zu hören bekommen: "Werd endlich mal erwachsen!" - und das lange nach dem 18ten Geburtstag. Wann ist man denn nun genau erwachsen? Und wie muss man dann sein? Ist das überhaupt erstrebenswert?

Mit Erwachsensein werden zumeist folgende Attribute verbunden: ernsthaft, verantwortungsbewußt, angepasst, vernünftig, selbständig, regelkonform, pflichtbewußt, anständig. Klingt jetzt nicht so spannend. Deshalb wird Erwachsensein oft als negativ empfunden. Wer glücklich sein will, soll sich sein kindliches Herz bewahren. Trotzdem sind die erwachsenen Eigenschaften nicht per se schlecht und letzten Endes auch notwendig, um im Leben zurecht zu kommen. Das Problem ist die dualistische Sichtweise - auf der einen Seite ein erwachsenes Verhalten zeigen, und auf der anderen Seite kindliche Lebensfreude ausleben. Ein ganz schöner Spagat.

Erwachsen werden ist ein lebenslanger Reifeprozess. Er-wachsen bedeutet, aus etwas hinaus zu wachsen. Aus der Abhängigkeit in die Selbständigkeit. Nach außen hin schließen wir alle diese Entwicklung erfolgreich ab. Wir ziehen aus dem Elternhaus aus, verdienen unser eigenes Geld, gründen eine Familie und werden somit selbst zu Eltern. Aber wie sieht es im Inneren aus? Was ist mit emotionalen Abhängigkeiten und Glaubenssätzen, die uns fremdbestimmen? Haben wir uns von den Erwartungen anderer befreit, oder versuchen wir immer noch, diese in Abhängigkeit von Anerkennung zu erfüllen?

Wenn die gesunde psychische Entwicklung durch Traumata u.ä. gestört wurde, entstehen seelische Wunden, die das Er-wachsen behindern. Um diese zu heilen, ist es manchmal nötig, einen Teil der Kindheit nachzuholen. In der Psychotherapie bezeichnet man das Zurückfallen in kindliche Verhaltensweisen als Regression. Das ist nun ein größeres Thema, welches ich hier nicht komplett behandeln will. Ich denke außerdem, dass es hilfreiche und weniger hilfreiche Regressionen gibt. Oder anders ausgedrückt: zu regredieren kann helfen, nicht gelebte Entwicklungsschritte der Kindheit im therapeutischen Setting nachzuholen. Wenn man aber auf diesem Trip hängen bleibt, ohne die inneren Vorgänge zu reflektieren und die damit verbundenen Gefühle zu integrieren, ist Regression eher kontraproduktiv. Dann erlebt man die erfahrenen Verletzungen in Dauerschleife und fühlt sich nicht mehr lebensfähig.

Dieses Phänomen zeigt sich in der Therapie dadurch, dass der Patient sich in den Therapeuten verliebt (wie kleine Kinder sich in den andersgeschlechtlichen Elternteil verlieben, nur jetzt als Erwachsener in den Retter) oder in ihm einen Mutter- bzw. Vaterersatz sieht - mit allen dazugehörigen Emotionen, Verhaltensweisen und Abhängigkeiten (in der Psychoanalyse Übertragung genannt). Ein guter Therapeut durchlebt mit seinem Patienten diese Regressionsphase, indem er, ohne Grenzen zu überschreiten, das verletzte innere Kind nachnährt, die emotionalen Vorgänge bewusst macht und einen Zusammenhang mit der Gegenwart herstellt, so dass der Patient seinen festgefahrenen, leidenschaffenden Mustern er-wachsen kann. Er verhält sich dann nicht mehr kindlich abhängig, sondern kann seinen Mitmenschen und Lebenssituationen auf der Erwachsenenebene begegnen.

Demnach bedeutet Erwachsensein für mich heil sein. Es bedeutet, frei zu sein von krankmachenden Abhängigkeiten und einengenden Erwartungen (in beide Richtungen), meine Grenzen zu kennen und die der anderen zu respektieren. So kann man gemeinsam in er-wachsener Freiheit kindliche Lebensfreude ausleben. Ohne Spagat.

P.S.: Mein persönliches Erwachsenwerden geht gerade in die nächste Stufe. Wir haben endlich ein Haus gefunden. Das heißt, ich werde ab Dezember nach langer Zeit wieder in einem Haus statt in einem Appartement wohnen, und zum ersten Mal ohne Vermieter (Eltern) unter demselben Dach. Und ich werde nach 37 Jahren meine Heimatstadt verlassen. Es sind zwar nur ein paar Dörfer weiter, aber für so einen verwurzelten Menschen und Alltagsautisten wie mich ist das ein Riesenschritt. Ich bin gespannt, wie sich das auf meine Psyche auswirken wird.

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