Mittwoch, 30. September 2015

Pat, Fritz und das taoistische Prinzip des Nichtstuns

Über Widerstände und den natürlichen Fluss der Dinge

Der Sandplatz in unserem Reitstall wird durch einen Holzbalken verschlossen. Will man ihn betreten oder verlassen, wird dieser Balken an einer Seite auf den Boden gelegt. Die Pferde müssen also an der tiefsten Stelle über den Balken steigen, was mein Pferd lange Zeit nur sehr ungern tat. Als ich mit meiner Stute Lia vor 3 Jahren zum ersten Mal auf den Platz ging, hatte ich mit den gewohnten Schwierigkeiten gerechnet. Da sie mir aber zu Beginn beim Betreten willig folgte, hatte ich die Angelegenheit bis zum Verlassen des Platzes schon wieder vergessen - bis mir plötzlich die Longe schmerzhaft durch die Hände schrammte. Lia zog rückwärts und stieg. Von der anderen Seite sah der Balken wohl doch gruselig aus. An dem Tag musste ich den Balken zur Seite schieben, da Lia sich komplett in ihre Hysterie hineingesteigert hatte. Panik blockiert das Denken. Und ich hatte den fatalen Fehler begangen zu ziehen. Druck erzeugt Gegendruck.

Pat Parelli (berühmter Horseman oder "Pferdeflüsterer") sagt: "Take the time it takes, so it takes less time." Denn, will ich etwas schneller vorantreiben - respektiere ich also nicht das natürliche Tempo der Dinge - mache ich sozusagen einen Knoten rein, weil ich mich in der Hektik verheddere. Und diesen Knoten wieder zu lösen, dauert länger, als wenn ich eine Sache mit Ruhe angehe.

Alles braucht seine Zeit. Vertrauen zum Beispiel. Auch Widerstände können sich auflösen. Versuche ich, sie zu brechen, zerstöre ich das Vertrauen. Und manche Widerstände sind so überlebenswichtig, dass ich sie stehen lassen sollte. Es gibt auch Kompromisse.

Fritz Perls (Begründer der Gestalttherapie) sagt: "Don't push the river. It flows by itself." Flüsse finden ihre Wege von allein. Und sie kommen 100%ig an. Da brauche ich gar nichts für zu tun. Ein aktives Eingreifen führt eher zum Stillstand.

Der Taoist sagt: "Tue nichts und nichts bleibt ungetan." Aha. Ich lehne mich also bequem zurück, und dann putzt sich die Wohnung von allein oder wie? Es hat ein bisschen gedauert, bis ich das verstanden habe. Natürlich muss ich selbst aktiv werden. Aber vor einer Aktion kurz innezuhalten, zu atmen, aus dem Fenster zu schauen... gibt mir die innere Ruhe, die ich brauche, um wichtig von nebensächlich zu unterscheiden und die Dinge unter Berücksichtigung ihres natürlichen Flusses zu erledigen. Und es gibt Dinge, die ich getrost lassen kann - nach dem Motto "weniger ist mehr". Denn je mehr ich in die Natur der Dinge eingreife, desto mehr störe ich ihren Fluss.

Mit soviel angelesener Weisheit im Hinterkopf bin ich den Platzausgang beim nächsten Mal anders angegangen. Als ich über den Holzbalken stieg, ließ ich die Longe länger, um nicht aus Versehen zu ziehen, falls Lia wieder stehen bleiben sollte. Das tat sie auch. Ich blieb auf der anderen Seite stehen und wartete. Verbunden durch die Longe war klar, was ich von meinem Pferd erwartete. Ich habe Lia auch gar nicht großartig beachtet und ihr nur gesagt: "Dann lös mal dein Problem!" Es hat keine 2 Minuten gedauert, da stieg sie völlig entspannt und unspektulär über den Balken. Faszinierend, was Nichtstun bewirkt!

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