Montag, 3. August 2015

Nochmal zum Thema "Falsche Hilfe" und die Kehrseite der Medaille


Punkt 2 in meinem letzten Post - "Man möchte halt für seine Freunde da sein." - bedarf noch einer weiteren Ausführung. Wie ich bereits schrieb, entmündigt das den Depressiven und macht ihn klein. Aggressive Helfer treiben ihren Schützling in eine Abhängigkeit. Es gibt Menschen, die auf diese Art ihre narzisstischen Bedürfnisse stillen. Sie werden gebraucht, als unentbehrlicher Retter angehimmelt und von den Mitmenschen für den selbstgebastelten Heiligenschein gelobt und bewundert. Ebenso werden sie bedauert wegen der depressiven Ehefrau oder dem schwachen Problemkind. So oder so bekommen sie eine Menge Aufmerksamkeit. Bis es ihnen zu viel wird. Dann lassen sie den Hilfsbedürftigen fallen wie eine heiße Kartoffel, der daraufhin einen heftigen Absturz erleidet. Es entsteht also mehr Schaden als Nutzen.

Bei meiner Mutter war es so, dass sie zwar immer wieder sagte, sie wolle mich glücklich sehen und dergleichen, mir aber gleichzeitig einredete, ich würde alleine nicht klar kommen, sei naiv und in Gefahr. Wie schon in Rapunzel beschrieben, dient dies dem Zweck, sich eine ewige Energiequelle zu erhalten. Das erwählte Opfer wird als hilfsbedürftig erklärt und narzisstisch missbraucht. Meine Mutter hat dies übrigens auch mit anderen Menschen gemacht. Sobald ihr aktueller Schützling nicht mehr "gehorchte", wurde er verbannt. "Der will sich nicht helfen lassen."

Bevor Co-Abhängige sich jedoch angegriffen oder verurteilt fühlen, möchte ich an dieser Stelle auf die Kehrseite der Medaille eingehen. Nicht nur die Angehörigen haben einiges zu beachten. Die Depressiven müssen ihr Verhalten in der Beziehung ebenfalls reflektieren.

Der Begriff Co-Abhängigkeit erscheint zumeist in Zusammenhang mit Suchterkrankungen. Auf diesem Gebiet bin ich nun kein Experte. Jedenfalls fühlen sich Co-Abhängige zu Unrecht beschuldigt, das süchtige Verhalten ihres Partners auszulösen. Ich denke, es sollte auch eher von begünstigendem Verhalten gesprochen werden, welches ich ja schon ausführlich dargestellt habe. Es gibt aber auch erkrankte Menschen, die ihren Angehörigen ganz schön aussaugen. Sie übertragen ihm alle Verantwortung, wollen nicht allein gelassen werden, und drohen mit Suizid. Das ist emotionale Erpressung und nicht in Ordnung! Der Partner hat kein eigenes Leben mehr und bricht am Ende selbst depressiv zusammen. Vielleicht sollte man hier von "co-depressiv" sprechen. Oder die Liebe schlägt in Hass um. Manche bleiben aus Angst und Mitleid bei ihrem depressiven Partner und gehen dann fremd. Das ist natürlich auch eine Möglichkeit auszubrechen, aber nicht gerade fair.

Ich kann nur nochmal in aller Deutlichkeit darauf verweisen, wie wichtig es ist, die psychischen Probleme aus der Beziehung hinaus in ein professionelles therapeutisches Setting zu verlagern. Als Partner ist man emotional verwickelt. Der Therapeut ist es nicht. Es ist sein Beruf, sich die Probleme anderer Menschen anzuhören. Nach Feierabend kann er entspannen. Der Angehörige kommt von einem langen und mitunter stressigen Arbeitstag nach Hause und soll sich in seiner Freizeit die Probleme des Partners anhören? Das ist eine Doppelbelastung. Das heißt natürlich nicht, dass man gar nicht darüber sprechen soll. Aber eben wohl dosiert und nur bis zu einem gewissen Punkt. Der Therapeut kennt verschiedene Techniken der Heilung. Der Angehörige für gewöhnlich nicht. Ich fände es auch sehr schräg, wenn mein Mann mich z.B. durch eine Atemsession leiten würde, wenn er das gelernt hätte. (Er kam allerdings oft von seiner Supervisorin damals nach Hause und meinte: "Sie hat dasselbe gesagt wie du. Die ist so super!" Und ich dachte: Schön, dass sie dafür 80€ kassiert hat und ich nur ein desinteressiertes "Hm". Aber so ist es halt. Gewisse Themen gehören außerhalb der Beziehung bearbeitet.) Merke: Selbst wenn beide Partner eine soziale Ausbildung genossen haben und darüber hinaus Therapeuten sind oder sich zumindest beruflich damit auskennen, spart das nicht den Gang zum Experten! Wie sagt man so schön? Die Kinder von Pädagogen sind am schlimmsten.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Dare to kommentär!