Donnerstag, 6. August 2015

Mit Minimalismus Versorgungsängste loswerden

Letztes Jahr im Oktober schrieb ich darüber, wie ein geringeres Einkommen zuerst Existenzängste und dann ein Umdenken bei mir auslöste. Nach einigen Monaten bewussten Konsums kann ich heute von einer deutlichen Minderung meiner Sorgen berichten.

Meine Versorgungsängste sind pränatalen Ursprungs. Zu wenig Geld ist also nicht die Ursache, sondern vielmehr der Auslöser einer akuten Existenzangsterfahrung. Will sagen, diese Ängste waren unterschwellig schon immer vorhanden, zeigten sich aber deutlicher nach der Einkommenskürzung. Belastende Gefühle will man ganz schnell wieder loswerden. Natürlich kann man sich einen Vollzeitjob suchen, damit wieder mehr Geld einfließt. Da gibt man dann weiterhin fröhlich viel Kohle aus, um der Angst zu entgehen, es könnte etwas fehlen, ohne sich darüber Gedanken zu machen, ob man das alles wirklich braucht. Denn die Befreiung liegt nicht in der Anhäufung von Konsumgütern. Das verdeckt nur das Symptom. Der Kern liegt in der Frage "Was sind meine wirklichen Bedürfnisse? Geht es ausschließlich um materielle Dinge?" und "Wieviel brauche ich tatsächlich zum Leben?". Wenn man gesundheitlich nicht in der Lage ist, vollzeit zu arbeiten, setzt man sich auch noch unter Druck und gibt sich selbst die Schuld an der Misere. Ein Teufelskreis.

Wieviele Schuhe braucht eine Frau? Oder: Lässt mich ein voller Kleiderschrank gut fühlen? Ich habe festgestellt, dass durch Quantität die Qualität leidet. Wenn ich unbedacht einkaufe, landet mehr Schrott in meiner Wohnung, als mir lieb ist. Zunächst habe ich nachgesehen, was ich so alles habe. Dann habe ich überlegt, wieviel ich davon tatsächlich nutze. 7 verschiedene Bodylotions? Im Ernst? So viel Haut habe ich gar nicht zur Verfügung. Und wie oft muss ich was wegwerfen, weil es schlecht wird? Dann all diese Schrankleichen. Und trotzdem glaube ich, zu wenig T-Shirts zu haben. Dabei trage ich die Hälfte davon gar nicht mehr sondern immer nur dieselben 4 Exemplare, die offensichtlich reichen. Also habe ich aussortiert. Und zwar nicht, um danach Ersatz zu shoppen! Viele Menschen erzielen beim Ausmisten keine Erfolge, weil sie sofort danach neues Zeug anschleppen.

Um es kurz zusammen zu fassen: Mein Kleiderschrank ist immer noch recht voll, aber das Meiste davon trage ich tatsächlich. Sämtliche Stücke wurden ersatzlos entfernt. Wenn etwas fehlen sollte weil kaputtgetragen, kaufe ich entweder faire Biokleidung (die gibt es auch günstig) oder gebraucht. Letzte Woche habe ich einen fast neuen Wintermantel für 50 € ergattert. Von dieser Marke kriegt man nichts unter 170€. Nach 2 Jahren Suche und Abwarten bin ich nun sehr froh, keinen überstürtzten Kauf getätigt zu haben. Und ich habe trotzdem nicht gefroren in der Zwischenzeit. Im Badezimmer gähnen mich mittlerweile leere Schränke an. Shampoo und Duschgel werden aufgebraucht, bevor ich Nachschub besorge. Dasselbe gilt für den Kühlschrank.

Und hier liegt der Trainingserfolg! Was habe ich mich nicht vor leeren Schränken gefürchtet! Es war anfangs wirklich schwer und ohne ein gewisses Maß an Disziplin nicht zu schaffen. Im DM mit Scheuklappen an den Regalen vorbeigehen und wirklich nur das eine Shampoo einpacken. Oder im Supermarkt nur das kaufen, was auf dem Einkaufszettel steht und nicht wie sonst hier noch Nüsschen, da noch die dritte Käsepackung... Ich habe festgestellt, dass ich nicht sterbe, wenn nichts mehr im Haus ist. Klingt bekloppt. Aber bei Existenzängsten geht es um nichts anderes als um Leben und Tod. Der Anblick leerer Schränke wurde mit der Zeit immer weniger bedrohlich. Ich stellte eine deutliche innere Entspannung fest bei der Erkenntnis: Das brauche ich ja alles gar nicht! Es fehlt mir nichts. Und ich verfüge über die nötige Selbstwirksamkeit, mir meine Bedürfnisse zu erfüllen. Positiver Nebeneffekt: viel weniger Müll!

Es geht nur um Kram, meint ihr? Oberflächlich betrachtet ja. Aber das Unterbewusstsein registriert solche Lernerfahrungen. Ich kann mit weniger Geld ein erfülltes Leben führen. Ich besitze zwar weniger, dafür ist die Qualität gestiegen. Ich messe mir selbst einen höheren Wert bei. Ich bin nicht mein Besitz. Und ich bin nicht mein leeres Bankkonto. Diesbezüglich stellte sich nämlich ebenfalls eine zunehmende Entspannung ein. Nicht mehr viel drauf? Egal, ich hab ja alles, was ich brauche. Bisher sind wir noch immer ausgekommen. Kleiner Tipp: Nicht zu lange auf die mickrigen Zahlen starren und das Rechnen anfangen! Ein bisschen planen ist schon richtig, aber nicht verrückt machen!

Je leerer es im Außen wird, desto mehr füllt es sich im Inneren. Die Kreativität steigt. Man besinnt sich wieder auf die wesentlichen Dinge im Leben. Das bringt Freude und Zufriedenheit. Jetzt da ich weiß, dass ich mit weniger Geld auskomme, mache ich mir auch nicht mehr den Druck, vollzeit arbeiten zu müssen. Denn ich bin nicht meine Leistung.

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