Sonntag, 2. August 2015

Falsche Hilfe


Neulich lief ich im Supermarkt einer langjährigen Freundin in die Arme, von der ich mich seit meinem ersten Klinikaufenthalt zurückgezogen habe. Ich fühlte mich in ihrer Gegenwart nicht mehr wohl, traf mich nur aus Pflichtgefühl mit ihr und empfand die gemeinsame Zeit als sehr anstrengend. Parallelen mit meiner Mutter blieben da nicht aus.

Abgesehen von anderen Gründen nervte es mich, wie sie an mir zog und sich mir aufdrängte. Wir redeten eher aneinander vorbei, weil sie mir nicht richtig zuhörte und längst in ihrer überintellektuellen Welt abgehoben war. Sie glaubte zu wissen, was gut für mich sei und was ich machen müsse, um glücklich zu sein. Sie nagelte mich sofort mit einem Termin für ein Treffen fest, wenn wir uns zufällig über den Weg liefen. Ich fühlte mich jedesmal komplett überfahren und hatte das Gefühl, gar nicht Nein sagen oder sonst etwas wählen zu dürfen. Selbst nach langer Kontaktpause schrieb sie mir gelegentlich eine SMS mit Worten wie "Ich komme gleich für eine Stunde vorbei, wenn dir das recht ist." Ich antwortete gar nicht mehr, weil ich nicht wusste, wie ich damit umgehen sollte. Grenzen setzen bei Fremden ist schon nicht so einfach, bei Freunden ist es richtig heftig. Insbesondere bei so hartnäckigen Exemplaren.

Da ich nicht mehr flüchten will, weil mir das zu doof ist, ging ich also auf sie zu. Sie freute sich natürlich und wollte wissen, wie es mir geht. Wieder redeten wir aneinander vorbei. Dann erzählte sie mir, wie es ihr mit unserer Kontaktpause ergangen ist. Sie habe mehrmals überlegt, einfach vorbei zu kommen, mich ins Auto zu packen und zu einer guten Therapeutin zu fahren. Aber sie wisse ja, dass ich Überraschungsbesuche nicht mag. Ich sagte, ich hätte ja schließlich eine Therapeutin und es sei sehr gut gewesen, das zu lassen. Sie meinte, das habe sie nicht gewusst. Muss sie wohl vergessen haben. Sie redete noch eine Weile so weiter, und ich fühlte mich dermaßen entmündigt und klein gemacht. Glaubte sie wirklich, ich sitze total hilflos zu Hause rum? Und was heißt eine "gute" Therapeutin? Hat die einen Zauberstab? Meinem Mann hat sie also auch nicht zugetraut, dass er mir helfen kann. Ich bin schließlich nicht alleine und ausgerechnet auf ihre Hilfe angewiesen.

"Man möchte halt für seine Freunde da sein..." Punkt Nummer 2. Das verstehe ich. Es ist schwer, mit anzusehen, wie ein lieber Mensch leidet. Aber um wen geht es hier? Ging es ihr wirklich um mich oder in Wahrheit mehr um sich selbst? Das mag hart klingen, aber ich bin der Meinung, dass die meisten Hilfsangebote ungebetenerweise übergestülpt werden, damit der Helfer sich besser fühlt. Sei es, weil er sich von seinen eigenen Problemen ablenken will, weil er sich aufwerten will (ich bin ja so ein guter Mensch) oder weil er den angeblich Hilfebedürftigen wieder verfügbar haben will. Echte Hilfe sieht anders aus. Man kann sagen: "Es fällt mir schwer, dich so zu sehen. Ich habe Angst, dich zu verlieren. Kann ich etwas für dich tun?" Wenn dann ein Nein kommt, hat es sich! Das sollte man respektieren. Und darauf vertrauen, dass der andere seinen Weg finden wird - mit mir, ohne mich, heute, morgen, in 10 Jahren. Wenn er um Hilfe bittet, ist das etwas anderes. Aber dieses Aufdrängen nach dem Motto "Ich weiß, was du brauchst. Du schaffst das alleine ja nicht." geht gar nicht. Es überfordert den Depressiven nicht nur, sondern bestärkt ihn in seinem Gefühl der Unzulänglichkeit und Ohnmacht. Im Schlimmsten Fall entsteht ein Abhängigkeitsverhältnis (Stichwort Co-Abhängigkeit), unter dem am Ende beide leiden.

Punkt 3. "Ich hab mir nämlich echt Sorgen gemacht!" Da bin ich dann mal kurz geplatzt. Natürlich ist Suizid ein Thema. Aber ich habe ihr nie gesagt, dass ich von der Brücke springe, mich am nächsten Baum aufhänge und anschließend erschieße. Das war ganz allein ihr eigener Film. Auch wenn es mir leid tut, dass sie solche Phantasien hatte, die haben mit mir direkt nichts zu tun. Ich kenne das von mir selbst, dass ich solche Filme fahre. Da hilft nur eins: hinterfragen, wo das herkommt, und notfalls überprüfen, ob die Phantasie mit der Realität übereinstimmt. Meine Freundin hätte mir gerne eine SMS schicken können mit den Worten "Habe gerade Angst, dass du dir was antust. Gib mir bitte einfach nur ein Lebenszeichen." Darauf hätte ich mit Sicherheit reagiert. Denn ich lasse niemanden derart im Regen stehen. Ich wies sie darauf hin, dass ich mich um mich selbst kümmern musste und nicht dafür da bin, mich um andere zu sorgen, damit die keine Angst haben müssen, während es mir schlecht geht. Klingt wieder hart. Ist aber so.

Fazit: Depressive haben das Bedürfnis nach Rückzug. Phasenweise köcheln sie in ihrem eigenen Sud. Das gehört zum Prozess und sollte man nicht stören. Hilfsangebote sind ok. Sich aufzudrängen ist übergriffig. Es reicht, wenn man seine Bereitschaft signalisiert, auf die der Depressive zurückgreifen kann, wann und wie er will. Das heißt, man denkt vielleicht, der depressive Freund braucht ein beratendes Gespräch. Der Depressive will aber einfach nur schweigend spazieren gehen. Dann sollte man das respektieren. Das ist für einen Depressiven nämlich schon ein großer Schritt. Ungebetene Ratschläge führen nur wieder zum Rückzug. Man sollte offen und ehrlich sein und dem depressiven Freund sagen, wie man sich fühlt mit dieser Situation. Denn die angeblich starken Helfer sind zumeist selber hilflos. Es ist ok zu sagen "Ich weiß gerade nicht, wie ich mit dir umgehen soll." Das ist authentischer als zu sagen "Mach dieses und jenes."

Ein Patentrezept gibt es nicht. Bevor sich beide Seiten in Hilflosigkeit, Verzweiflung und Ärger verstricken, sollte man sich professionelle Hilfe holen. Es gibt Anlaufstellen für Angehörige. Freunde gehören meiner Meinung nach dazu.

Bild: Pixabay

Kommentare:

  1. Liebe Yvonne,

    erstmal lieben Dank für deinen Kommentar auf meiner Palme ;-)

    Dein Beitrag hier ist so wunderbar selbstreflektierend und wahrheitsgemäß, dass ich das so nur unterstreichen kann. Genau das ist es: wenn die Beteiligten reflektieren würden, was sie genau in diesem Moment fühlen und dies auch kommunizieren, dann würden sehr viele Missverständnisse und falsche Annahmen erst gar nicht passieren bzw. gleich aus dem Weg geräumt werden. Und vor allem: Das so zu akzeptieren, wie der andere das sagt - und auch darauf vertrauen, dass es so ist, wie er es sagt.

    Bei deiner "Freundin" hilft wohl nur eins - Abstand halten... Manche Menschen manövrieren uns in Gedankenkonstrukte ein, in denen wir gar nicht sind und gar nicht sein wollen. Menschen, die sich nicht abgrenzen können, können nichts dagegen tun und sind in solchen Momenten hilflos - und können sich nicht wehren - schrecklich!

    Lieben Dank nochmal für deinen wunderbaren Beitrag - ich finde, jeder Depressive und Depressionsangehörige sollte ihn lesen. Hier steckt enorm viel Wahrheit drin...

    Liebe Grüße und dir noch einen schönen Sonntag,
    Julia

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    1. Wow! Vielen Dank, liebe Julia! Ich hatte etwas Bedenken bei diesem Beitrag, dass sich Angehörige vielleicht angegriffen fühlen könnten. Sowas geschieht bestimmt in bester Absicht, aber eben ohne ein Bewußtsein darüber, was solch ein Verhalten auslöst. Aus der Ecke "gut gemeint" kommen selten brauchbare Dinge.

      Liebe Grüße zurück!

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