Sonntag, 26. April 2015

Opfergefühle

Am Mittwoch musste ich bei der lokalen Polizei eine Aussage machen. Es ging um einen Mann, mit dem ich vor 13 Jahren eine Weile befreundet war. Ihm wird aktuell die Vergewaltigung einer Minderjährigen vorgeworfen. Der Polizist wollte von mir wissen, wie ich diesen Mann damals erlebt habe. Schluck.

Es handelt sich hierbei um den Typ "charismatischer Guru" - spirituell / esoterisch denkend, alternativ lebend, in höchstem Maße emotional manipulativ, stets ein Grüppchen Anhänger um sich scharend, sich als Helfer verstehend, Opfer seiner selbst. Ich konnte damals nur an ihn geraten, weil ich durch meine Mutter bereits auf diese Schiene gesetzt worden war. In Ermangelung eines anwesenden und unterstützenden Vaters war dieser Mensch ein scheinbar guter Ersatz. Er half mir, von zu Hause auszuziehen und mir mein erstes Auto zu kaufen. Er hörte mir zu, nahm mich in den Arm und war für mich da. Allerdings irritierte er mich auch immer wieder mit seltsamen Ansichten und Beurteilungen meiner Person. Er konnte plötzlich sehr abweisend und verletzend sein. Seine einnehmende Ausstrahlung sorgte jedoch dafür, dass ich ihm gefallen wollte.

Eines Tages habe ich bei ihm übernachtet, weil ich Alkohol getrunken hatte und nicht mehr fahren wollte. Er schlief neben mir. Ich habe ihm wirklich vertraut. Am Morgen wurde er dann zudringlich. Zuerst war ich total erstarrt und ließ es teilweise geschehen. Meine gesamte Körpersprache sagte sehr deutlich, dass ich das nicht wollte. Er interpretierte das als Schüchternheit. Mein endlich herausgewürgtes Nein, bevor es zum Äußersten kommen konnte, akzeptierte er widerwillig. Ich habe diesen Vorfall in eine Kiste gepackt und das Etikett "komisch aber egal" draufgeklebt. Ich war zu der Zeit ja schon 22 und keine Jungfrau mehr. Die Freundschaft hielt ich noch einige Monate aufrecht. Keine Ahnung warum. Schließlich wurde es mir dann doch alles zu schräg, und ich brach den Kontakt ab.

Bei meinem ersten Klinikaufenthalt wurde mir klar, dass dieses Erlebnis unter Missbrauch fällt. Ich habe zwar häufiger unangenehme Erfahrungen mit Männern gemacht, weil sie unsensible Trottel waren. Aber ich war grundsätzlich an ihnen interessiert. An diesem "Guru" war ich es nicht! Er war für mich ein väterlicher Freund. Das schließt jegliche sexuelle Begegnung aus. Ich schimpfe mich heute noch naiv. Andererseits glaube ich, dass dies nur geschehen konnte, weil ich bereits früher Opfer gewesen bin. Sei es "nur" der emotionale Missbrauch gewesen oder ein sexueller, an den ich mich nicht erinnere. Was die Folgeschäden betrifft, weisen beide Arten mehr Übereinstimmungen als Unterschiede auf. Und nur weil keine Gewalt angewendet wurde, heißt es nicht, dass es nicht schlimm war. Wer sich nicht wehrt, ist trotzdem nicht einverstanden, sondern einfach nur erstarrt. Bei Gewaltanwendung durch einen Fremden ist der Fall sofort klar. Die perfide Manipulation der Gefühle und Gedanken durch einen Freund oder Verwandten ist weniger eindeutig. Ich verstehe mittlerweile sehr gut, warum Aussagen von Opfern häufig widersprüchlich sind. Sie lügen nicht. Sie sind völlig verwirrt. Schließlich mögen sie ihren Täter. Und sie sind sich nicht sicher, ob sie "es" nicht doch auch irgendwie gewollt haben.

Ich fühlte mich nach der Vernehmung total elendig. Mir war richtig übel. Ich halte den Mann für schuldig, denn er hatte damals schon eine Beziehung zu einer Minderjährigen. Und trotzdem habe ich unbewusst versucht, diesen Mistkerl zu verteidigen! Wann kapiere ich endlich, dass Täter genau wissen, was sie tun?

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