Montag, 2. März 2015

Pränatales Trauma

Als meine Therapeutin mir sagte, dass bei mir ein pränatales Trauma vorliege, dachte ich zuerst: Naja, das ist jetzt aber weit hergeholt! Es stimmt zwar, dass ich im dritten Schwangerschaftsmonat beinah gestorben wäre aufgrund mangelnder Hormonversorgung und dass ich daraufhin gemeinsam mit meiner Mutter viel Ruhe verordnet bekam. Zum Geburtstermin hielt ich immer noch still und musste "geholt" werden. Aber was hat das alles mit meinen heutigen Schwierigkeiten im Leben zu tun?

Wann immer ich in der Therapie nach der Herkunft meiner Existenz- und Versorgungsängste fragte oder mich über mangelnden Antrieb bis hin zur Bewegungslosigkeit beklagte, wies meine Therapeutin auf dieses pränatale Trauma hin. Eines Tages begann ich, mich mit diesem Thema zu beschäftigen. Denn so langsam wollte mir auch keine andere Erklärung mehr einfallen. Bei Geldnot erscheinen Versorgungsängste noch einleuchtend. Dass ich aber bei der letzten Shampooflasche nervös werde und überlege, wann ich Zeit habe, zum DM zu fahren, bringt viele Menschen zum Lachen, wenn ich das zugebe. Tatsächlich bin ich einen Großteil des Tages damit beschäftigt zu überlegen, ob ich "alles" habe und mir nicht noch irgendwas fehlt und wo ich das dann herbekomme. Klingt total verrückt. Die Bewegungslosigkeit erlebe ich oft als inneres Erstarrtsein verbunden mit der Angst vor einer Katastrophe, wenn ich es doch wage, mich zu bewegen. Damit sind Schritte und Entscheidungen im Leben gemeint. Körperlich bewege ich mich natürlich schon.

Die Forschung hat mittlerweile festgestellt, dass ungeborene Kinder von Anfang an Einiges mitbekommen. Ich bin wissenschaftlich (immer noch) nicht so versiert, dass ich das hier so schön erklären könnte, deshalb empfehle ich Interessierten folgenden Link, der zu einem Buchauszug zu diesem Thema, geschrieben von Renate Hochauf, führt. Soweit ich das richtig verstanden habe, kann das sich entwickelnde Gehirn des ungeborenen Kindes bereits Erlebnisse speichern, allerdings nicht in der Form der uns bekannten Erinnerungen, da ein Embryo noch nicht symbolisch denken kann. Die Erlebnisse werden nicht als Bilder gespeichert, sondern als Eindrücke. Spätere Erlebnisse werden von diesen Urerfahrungen "gefärbt". Ich stelle mir das so vor, dass ich im Mutterleib einen Kohlestift in die Hand gedrückt bekam. Wenn ich nun heute mit Buntstiften male, wird jeder Strich von einem schwarzen Schatten begleitet, weil dieser Kohlestift mit meiner Hand verwachsen ist und ich ihn nicht weglegen kann wie die Buntstifte. Als pränatale Traumata werden als erstes biologische Mangelversorgung im Uterus und drohende Fehlgeburt genannt. Die emotionale Auswirkung der frühen Existenzbedrohung ist eine Erschütterung des Grundvertrauens und der Grundbindung zur Welt. Diese Erlebnisse können zwar nicht erinnert werden - nicht zuletzt auch wegen des Abspaltungsvorgangs, der bei Traumata üblich ist - aber sie können reaktiviert werden.

Viele sprechen von einem Geburtstrauma. Für jemanden, dem eine Fehlgeburt drohte, ist die Geburt bereits eine Retraumatisierung. Insbesondere dann, wenn die Geburt eingeleitet und das Kind somit gezwungen wird, den sicheren Mutterleib zu verlassen. Denn es hat vorher gelernt, dass das lebensgefährlich ist. Wenn Geburt und Tod denselben Vorgang bezeichnen - nämlich das Verlassen der gewohnten Umgebung und den Eintritt in eine unbekannte Welt - kann ich mir gut vorstellen, dass ein Ungeborenes es ordentlich mit der Angst zu tun bekommt. Es sei denn, es fand ein positiver Kontakt mit dieser anderen Welt statt. Dann kann man es vielleicht gar nicht erwarten, dort hinzukommen. Ich für meinen Teil bleibe wohl am liebsten da, wo ich gerade bin, weil sich das am sichersten anfühlt. Alles andere wirkt gefährlich. Die Angst, durch eine Entscheidung zur Veränderung vom Regen in die Traufe zu kommen, ist bei mir sehr groß. Weil ich das leider auch schon öfter erlebt habe. Ich habe zwar auch schon häufig die Erfahrung gemacht, dass sich meine Situation verbessert hat, aber sowas vergesse ich schneller als die Katastrophen.

All diese Theorien erscheinen mir recht einleuchtend als Erklärung für meine Ängste, was Versorgung, Existenz und Veränderung (also Bewegung) betrifft. Da in meiner Kindheit nicht unterstützend und fördernd darauf eingegangen wurde, hat sich das alles schön verfestigt. Meine Ängste wurden nicht ernst genommen, stattdessen wurde ich immer wieder zu irgendwas gedrängt. So habe ich zu glauben gelernt, dass ich mich anstelle und wahrscheinlich einfach nur faul bin. Jetzt weiß ich, dass meine Angst zwar nicht im Verhältnis zu einer aktuellen Situation steht, ihren Ursprung jedoch in einer sehr ernsten traumatischen Erfahrung findet. Diese Erkenntnis ermöglicht es mir, mein inneres Kind an die Hand zu nehmen und für den positiven Kontakt mit der Welt zu sorgen, der damals zu kurz kam.

Im nächsten Post werde ich über die pränatale Metamorphosetherapie berichten.


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