Mittwoch, 14. Januar 2015

Bedingungsloses Grundeinkommen


Meine Invalidenrente hat immer noch kein grünes Licht von der Zentrale bekommen. Seit Ende Oktober warte ich nun schon darauf und schlage mich mit Ersparnissen und Ebay-Verkäufen durch. Da meiner Krankenkasse dieser Umstand ziemlich peinlich ist und ich nicht die einzige Kundin bin, der es so ergeht, wurde mir gestern ein Vorschuss ausgezahlt. Eigentlich müsste es Nachschuss heißen.

In den letzten Wochen gingen mir viele Gedanken durch den Kopf und Gefühle durch den Bauch. Es macht mich unheimlich wütend, dass der Staat mich so hängenlässt. Bin ich keinen Cent wert, weil ich krank bin? Da habe ich knapp 10 Jahre lang als Sozialarbeiterin u.a. Klienten beruflich orientiert, ihnen bei Bewerbungen geholfen und sie zum Arbeitsamt begleitet. Und jetzt, da ich arbeitsunfähig bin, setzt man mich Existenzängsten aus. In regelmäßigen Abständen werde ich kontrolliert, ob ich auch wirklich krank bin. Man versucht, mich in das Mühlrad des Arbeitsmarktes zurück zu drücken. Denn nur wer Leistung bringt, darf sich was zu Essen kaufen. Wer wirtschaftlich nichts beiträgt, wird der Armut überlassen. Dabei übersehen die Ämter, dass die meisten Menschen sehr gerne arbeiten würden. Sie möchten sich aber aussuchen, was sie machen wollen und in welchem Tempo. Erforderliche Umschulungen kosten Geld, was diese Menschen nicht haben. Und gewisse Richtlinien verdammen einen manchmal sogar zum Nichtstun bzw. ist der administrative Aufwand so hoch, dass es einen komplett entmutigt. Die Energie, die man in diesen Kampf reinstecken muss, fehlt für die wirklich wichtigen Dinge: heil werden, Ideen entwickeln und umsetzen, leben. Die Zahl der Depressiven und Ausgebrannten steigt nicht ohne Grund. Dieses System macht krank.

Durch einen Fernsehbeitrag lernte ich die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens kennen. Es geht darum, dass jeder (!) Mensch das Recht auf eine finanzielle Grundversorgung hat, die ihm ohne jegliche Bedingung zur Verfügung gestellt wird. D.h. es ist nicht ausschlaggebend, ob man alleine lebt oder mit Familie, ob man arbeitet oder nicht, wieviel man verdient oder ob man überhaupt bereit ist zu arbeiten. Jeder bekommt dasselbe Grundeinkommen zur Sicherung der Existenz. Viele sind davon überzeugt, dass dann niemand mehr arbeiten würde. Dieser Gedanke ist doch schon seltsam. Wir arbeiten also alle nur unter Druck und Zwang? Weil man das halt machen muss? Die Vertreter des bedingungslosen Grundeinkommens sind der Meinung, dass eine solche Grundabsicherung Energien freisetzt und kreativer macht. Wer nicht um sein Überleben kämpfen muss und keine ihm verhasste Arbeit verrichtet, nur um Miete, Rechnungen und Lebensmittel finanzieren zu können, bleibt erstens gesünder und kann sich zweitens selbstverwirklichen. Der Mensch ist von Natur aus neugierig, interessiert und aktiv. Ich kenne so einige Menschen, die sich gerne mit ihrem Hobby oder einer zündenden Idee selbständig machen würden. Doch sie scheuen das Risiko, weil sie eine Familie ernähren müssen und schon 50 sind. Das ist doch schade!

Das Grundeinkommen soll außerdem dazu führen, dass nicht erwerbstätige Menschen nicht mehr durch die Mühlen der Bürokratie zermürbt werden. Kontrollen sind bevormundend und erniedrigend. Die Ermittlung eines Anspruchs ist langwierig, kompliziert und wird dem Menschen meist nicht gerecht.

In Deutschland geht man davon aus, dass 1000€ monatlich schon reichen würden. Also, ich wäre damit verdammt glücklich! Ich würde mich frei und sicher fühlen. Ich könnte mir den Psychiater sparen, zu dem ich nur der Krankenkasse zuliebe hingehe und dem ich jedes Mal 18€ Eigenanteil zahlen muss. Ich müsste niemanden um Erlaubnis bitten, eine Umschulung machen zu dürfen und brauchte im Falle, dass ich darauf sch... , nichts zu verheimlichen.

Einige Menschen würden höchstwahrscheinlich ihren Job kündigen oder die Arbeitszeit reduzieren. Aber würden sie dafür faulenzen? Und wäre das so schlimm? Viele wollen sich ehrenamtlich für eine gute Sache engagieren, ihre Träume verwirklichen, die durchaus mit Arbeit zu tun haben. Es würden Arbeitsplätze frei für andere, die auf der Suche sind. Und einige würden sich endlich den wesentlichen Dingen in ihrem Leben widmen - was immer dies für jeden Einzelnen bedeuten mag.

Ich glaube, es ist längst überfällig, dass wir Abschied nehmen von dieser Leistungsorientierung. Das System gibt der Gesellschaft zu verstehen, dass nur leistungbringende Menschen etwas wert sind. Daran zerbrechende Menschen müssen dann in einer Therapie mühsam erlernen, dass sie auch ohne Leistung wertvoll sind. Um in der "Realität" wieder das Gegenteil zu erfahren. Realität schaffen wir uns aber selbst. Sie wird nicht von außen gegeben und ist nicht unveränderlich. Wir haben uns die Realität der Leistungsorientierung und der Geldmacht geschaffen. Wir können uns ebenso eine Realität des (wahrhaft) solidarischen Miteinanders, der Wertschätzung der Menschen für ihr bloßes Sein und der zwangsfreien Beschäftigung erfinden. Klingt utopisch? Es wurde auch mal geglaubt, die Erde sei eine Scheibe. Wer etwas anderes behauptete, verbrannte als Ketzer auf dem Scheiterhaufen. Ein Umdenken ist längst im Gange. Es wird darüber diskutiert, wie sich ein Grundeinkommen auf Lebenszeit für alle Europäer finanzieren lässt. Ich bin dafür! Auf dass der Teufelskreis von Krankheit und Armut ein Ende nehme!

Bild: Pixabay

Kommentare:

  1. hey yvonne,
    danke für deinen kommentar! ich habe dir zwar schon auf meinem blog geantwortet, aber falls du es dort nicht liest: hast du dir schonmal die "grünen listen" auf kirstenbrodde.de angeschaut? dort kann man auch shops in seiner umgebung finden :)

    ich bin auch eine befürworterin des bedingungslosen grundeinkommens. viele argumentieren dagegen, weil sie denken, dass bestimmte arbeit dann nicht mehr verrichtet werden würde, die aber sehr wichtig ist: müllmann, beispielsweise. aber so wie ich es verstanden habe, richtet sich die vergütung der arbeit dann ja auch nach angebot und nachfrage. unbeliebte jobs würden also besser bezahlt werden als andere und als heute.

    viele grüße
    leni

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    1. ps: ich habe deine motivationsgeschichte übrigens nicht vergessen!! ich werde sie im februar veröffentlichen :)

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    2. Danke für den Tipp! Da werde ich mal reinschauen.

      Ja, ich habe das auch so verstanden, dass solche Jobs besser bezahlt werden sollen, eben weil sie so wichtig sind. Deshalb sollten sie auch entsprechend gewertschätzt werden. Übrigens kenne ich Menschen, die ihren unbeliebten Job tatsächlich gerne machen. Ich finde es schade, dass die Gesellschaft und der Staat immer noch glauben, man müsse uns zur Arbeit zwingen. Da denken wir viel zu schlecht von uns selbst.

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