Samstag, 27. Dezember 2014

Das Märchen vom Sollen

Die Feiertage und das trübe, nasskalte Wetter schlagen mir unerwartet heftig aufs Gemüt. Mir ist wieder mal alles zu viel. Ich sehe, was ich tun müsste und spüre, dass ich gerne aktiv wäre und Spaß hätte. Doch mir fehlt die Kraft. Jeden Tag bemühe ich mich, das zu verbergen und mich zu überwinden, was den letzten Rest Energie kostet.

Heute habe ich mich nach dem Frühstück nochmal ins Bett gelegt. Und dabei über Erwartungen und das Sollen nachgedacht.

Depressive stellen früher oder später fest, dass sie ihr Leben lang fremde Erwartungen erfüllt haben - oder das zumindest versuchten. Dann beginnen sie, sich von all diesen Erwartungshaltungen zu befreien und stellen fest, dass sie ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse nicht mehr spüren. Also gilt es, sich auf Entdeckungsreise zu begeben. Was wollte ich noch gleich vom Leben? Irgendwann in grauer Vorzeit? Und plötzlich steht man vor einer neuen Erwartungswand. Der eigenen. Oder übernommenen?

Ich wage zu behaupten, dass es mir schon ein gutes Stück gelungen ist, mich von fremden Erwartungen zu befreien. Ein gutes Mantra ist folgender Ausspruch von Osho: Was andere von mir denken, geht mich nichts an. Warum kann ich dann immer noch nicht frei mein Leben gestalten und genießen? Mich entspannen? Weil ich selbst Erwartungen an mich stelle. Und die sind nicht ohne!

Ich soll glücklich sein. Ich soll strahlend aus dem dunklen Tal hervorschreiten, die depressive Phase überwinden und ein neues, erfülltes Leben in emotionaler und geistiger Freiheit gestalten. Am besten mit passendem Soundtrack im Hintergrund. Ich denke da an die pathetische Hymne "Rise like a Phoenix" von Conchita Wurst. Warum? Einmal kurz im Fernsehen gehört und nun als nervige Dauerschleife im Hirn. Klammer auf - Klammer zu. Ich soll aktiv sein und Spaß am Leben haben, was unternehmen und einen Freundeskreis pflegen. Ich soll meinem Pferd eine gute Besitzerin und Reiterin sein, die perfekten Haltungs- und Trainingsbedingungen schaffen. Ich soll erfolgreich im Beruf sein - in welchem auch immer. Ich soll finanziell unabhängig sein. Ich soll eine begehrenswerste Ehefrau mit einem erfüllten Sexleben sein. Ich soll stark, intelligent, flexibel und gelassen sein. Souverän in jeder Situation. Ich soll meine Träume leben. Ich soll die Vergangenheit loslassen und in der Gegenwart leben. Ich soll angstfrei sein. Ich soll wollen. Fragt sich nur was. Manchmal denke ich, es zu wissen. Dann entwischt es mir wieder wie ein glitschiger Fisch, der sich augenblicklich in unerreichbare Tiefen flüchtet. Kann ich bei so viel Sollen überhaupt noch wollen? Und was soll das mit der ganzen Sollerei?

In den letzten Tagen wünsche ich mich oft in ein anderes Leben. Ich bin enttäuscht von mir, dass ich immer noch in meiner piefigen Heimatstadt lebe, finanziell abhängig bin, "nichts" aus mir und meinem Leben mache. Bei so hohen Erwartungen kann ich ja auch nur enttäuscht sein. Damit mache ich mich selbst zum Opfer. Wenn dann noch Ratschläge kommen wie "Zieh doch um. Mach doch einfach mal... Lass es doch."... Genau. Lass es doch. Aus irgend einem Grund ist halt alles noch so, wie es ist. Veränderungen auf Teufel komm raus, nur um was zu verändern, sind in meinen Augen nicht die Lösung. Es geht ja auch vielmehr um die innere Haltung, aus der solche Unzufriedenheiten entstehen. Ich kann im Außen noch so viel bewegen. Wenn das Innere nicht mitzieht und irgendwo hakt, verändert das in Wahrheit nichts. Man nimmt sich selbst immer mit.

Also wandere ich noch ein bisschen durch dieses graue Jahresendtal, bis sich der nächste grüne Hügel erhebt.

Kommentare:

  1. Hallo,
    durch Zufall habe ich Dein blog entdeckt und gerade viel gelesen, danke. Wie Du schreibst, puh ich finde mich in vielen Gedanken wieder, danke am Teilhaben lassen! Ich kann es im Moment gar nicht in Worte fassen, wollte nur kurz einen lieben Gruß dalassen.
    Hab ein schönes Wochenende und grüße die Pferdenasen von mir ;-)
    S.

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    1. Danke! Ich freue mich immer wieder über solche Kommentare. Es ist also gut, sich mitzuteilen und offen zu sein. Wir sind nicht allein. Alles Gute dir!

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