Sonntag, 21. Dezember 2014

Berufsmöglichkeiten für Hochsensible

Immer wieder lese ich, dass Hochsensible geradezu prädestiniert sein sollen für soziale Berufe. Und zwar wegen ihrer empathischen Fähigkeiten, der feinfühligen Veranlagung und ihrer Begabung, zwischen den Zeilen zu lesen und Stimmungen zu erspüren. Immerhin wird darauf hingewiesen, dass hochsensible Sozialarbeiter allerdings zuerst lernen sollten, sich abzugrenzen. Guter Witz!

Aus meiner 10 Jahre langen Erfahrung als Sozialarbeiterin kann ich nur sagen: es nervt mich ungemein, dass Hochsensiblen immer wieder soziale Berufe ans Herz gelegt werden! Empathie hin, Feinfühligkeit her. Mir haben diese Fähigkeiten nur bedingt bei der Arbeit geholfen. Abgrenzung fällt schon normal sensiblen Menschen in dieser Branche schwer. Man wird regelrecht überrrannt und aufgefressen. Es wird nämlich vergessen, dass man nicht nur mit Klienten zu tun hat, sondern auch mit Kollegen und Vorgesetzten. Der Unterschied ist manchmal minimal. Vergessen werden auch belastende Faktoren wie Lärm, Hektik und interne Konflikte. Alles zusammen ist einfach zu viel zu verwalten für die zartbesaitete Seele bzw. das für sämtliche Wahrnehmungen offenere Gehirn.

Außerdem musste ich oft erfahren, dass meine erspürten Einschätzungen von Situationen belächelt und als unwichtig abgetan wurden. Man brauchte Fakten. Und solange die nicht auf dem Tisch lagen, wurde weiter verfahren wie bisher. Zum Nachteil des jeweiligen Klienten. Sicher konnte ich meine Fähigkeiten im direkten Kontakt mit Menschen einsetzen. Nur was brachte mir das, wenn ich von der Entscheidung des Teams und des Chefs abhängig war? Oder von der Kooperation anderer Dienste. Spätestens bei Ämtern konnte ich mit Hochsensibilität überhaupt nicht punkten.

In einer Förderschule ist es laut. An manchen Tagen gab es einen Notfall nach dem anderen. Oft musste schnell gehandelt werden. Zuvor galt es, sich intern darüber einig zu werden, in welche Richtung wir handeln. Das waren oft nervenaufreibende Diskussionen zwischen Schnellschüssen und Fehlzündungen. Diversen Beleidigungen seitens der Schüler musste man auch noch pädagogisch wertvoll und effektiv entgegentreten. Und Konflikte schlichten. Jeden Tag.

Selbst mit einem kompetenten Chef und einem gut funktionierenden Team sowie einem sinnvollen Konzept der Einrichtung ist diese Art von Arbeit nicht unbedingt einfach. Aber wo gibt es schon derart optimale Bedingungen? Meistens war ich so sehr mit internen Konflikten und Ärger mit außenstehenden Diensten beschäftigt, dass ich gar nicht mehr richtig für eine weinende Schülerin da sein konnte. Viele können sich auch nicht vorstellen, dass nicht alle Klienten (eigentlich sogar die wenigsten) freiwillig Hilfe suchen. Sie werden gezwungen - vom Jugendrichter, von der Justiz, von ihren Eltern... Auf Dankbarkeit darf man da nicht hoffen.

Und nun noch ein vielleicht hässliches Wort zur Arbeit mit Behinderten. "Man bekommt ja so viel von ihnen zurück!" Stimmt: Spucke, Tritte, blaue Flecken, Tinnitus. Manche von ihnen sind echt knuffig und total lieb. Aber zu vielen Behinderungen gehört u.a. eine Verhaltensauffälligkeit. Und wie sollen sich diese Menschen auch sonst ausdrücken, wenn sie nicht sprechen können? Bitte nicht falsch verstehen! Ich will hier auf keinen Fall abwertend von Menschen mit Beeinträchtigungen jeglicher Art sprechen! Ich möchte lediglich zu bedenken geben, dass die Arbeit gerade mit schwer behinderten Kindern und Erwachsenen verdammt hart und anstrengend ist. Dafür ist nicht jeder geschaffen. Man darf sich vor allem nicht ekeln, auch wenn sich das jetzt fies anhört. Aber steht mal vor einem behinderten Jungen, der seinen Unmut über - da muss man dann raten, wenn man ihn noch nicht so gut kennt - dadurch zum Ausdruck bringt, dass er sich die gesamte Hand bis zum Anschlag in den Mund steckt und dabei dicker Schleim... Entschuldigung! Ich muss würgen.

Soziale Arbeit wird oft glorifiziert. Man tut etwas Gutes. Man hilft Menschen. Empathie und Feinfühligkeit sind dabei sehr wichtig. Die Realität ist eine andere. Jedenfalls aus meiner Erfahrung. Diese ist natürlich nicht allgemeingültig. Einige wissen, wie hart der Job ist. Und es mag hochsensible Menschen geben, die das mit der Abgrezung hinkriegen. Wenn man aber als Kind gelernt hat, dass Nein sagen böse ist und man dann nicht mehr geliebt wird, dass man nur etwas wert ist, wenn man für andere da ist, fällt die Abgrenzung doppelt schwer. Für mich ist dieser Selbstschutz ein zentrales Thema. Ich fürchte, dass ich es in diesem Leben nicht mehr schaffe, das soweit zu lernen, dass ich nochmal gefahrlos Sozialarbeit ausüben könnte. Schlussendlich ist es Hochsensiblen enorm wichtig, einen Sinn in ihrer Arbeit zu sehen und diese nach ihren moralischen Vorstellungen ausüben zu dürfen. Auch das ist oft nicht gegeben.

Ich würde hochsensiblen Menschen nicht grundsätzlich von sozialer Arbeit abraten. Aber empfehlen würde ich das nicht.

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