Donnerstag, 16. Oktober 2014

Das Gute im Schlechten

Vorab ein kurzes Update: Am 9. Oktober habe ich mich wieder krank schreiben lassen und erneut Krankengeld beantragt. Mein Psychiater war so lieb, mich ohne Termin sofort mit in die Praxis zu nehmen (muss ich wohl echt schlimm ausgesehen haben). Mittlerweile empfinde ich das auch nicht mehr als Versagen. Meine Therapeutin schrieb mir, ich solle pragmatisch vorgehen, meine Befindlichkeit nicht als Rückfall ansehen und bedenken, dass wir in einem kranken System leben, in dem es gilt, andere Wege zu finden. Der neue Plan ist also, weiterhin Rente zu beziehen, mit der ich einigermaßen leben kann, die Ausbildung weiter zu verfolgen und nebenher mit Hilfe eines Sozialdienstes (wie bereits vor ein paar Monaten versucht) eine Art berufliche Wiedereingliederung zu gestalten. Natürlich nicht im sozialen Bereich. Diesmal bin ich dafür offener und kann ja auch mit einer selbst organisierten Umschulung punkten.

Was lerne ich nun daraus? Zuviel Druck geht nach hinten los. Ist das neu? Nein! Eines Tages werde ich das vorher erkennen.

Worüber ich jedoch heute schreiben will, ist, was mich der finanzielle Engpass seit der Kürzung meiner Rente im Juni 2013 gelehrt hat. Unglücklicherweise wurde nämlich meinem Mann wenige Zeit später das Gehalt ebenfalls gekürzt. Auf einen Schlag fehlten uns mal eben 700€ im Monat. "Wir müssen die Pferde verkaufen!" war mein erster Gedanke. Mich plagten heftigste Existenzängste. Das war die Zeit, in der ich begann, diesen Blog zu schreiben und eine erneute Anfrage für einen Klinikaufenthalt stellte.

Feder im Sand
Mittlerweile habe ich festgestellt, dass ich früher sehr viel Geld für sehr viel Blödsinn ausgegeben habe. Das mag nun auch keine allgemein neue Erkenntnis sein. Aber seit ich aus der Klinik zurück bin, beschäftige ich mich mit Themen wie Selbstversorgung, Minimalismus, Konsumverhalten und Nachhaltigkeit. Es geht dabei nicht nur ums Geldsparen, sondern um eine umfassende Lebenseinstellung. Wie ich im Internet lese, geht der Trend bei vielen Menschen Mitte 20 Richtung Halbzeitjob, dem Anbauen von Lebensmitteln im eigenen Garten sowie Müllvermeidung und vor allem einem neuen Fokus: ein erfülltes Leben ohne krankmachende Arbeit sondern mit sinnvoller Beschäftigung zum Wohle der Gesellschaft, der eigenen Gesundheit und der Umwelt. Ich bin völlig fasziniert!

Was das für den Einzelnen alles bedeutet, ist äußerst unterschiedlich. Es gibt verschiedene Wege und Möglichkeiten, dies umzusetzen. Auf jeden Fall handelt es sich um ein unerschöpfliches Thema und um einen Prozess, der sich nach und nach entwickelt. In der Klinik verspürte ich bereits das Verlangen "auszusteigen" - aus dem lähmenden Hamsterrad von Gier, Versklavung und "das muss man halt so machen". Eine Therapeutin sagte mir, ich könne auch innerhalb des Systems aussteigen. Ich sehe mich in der Tat nicht in einer Waldhütte in Sackleinen gehüllt Beeren von den Büschen pflücken. Das geht weniger extrem. Allerdings müssen Menschen, die derart denken und handeln, immer wieder mit dem Vorurteil kämpfen, sie seien asoziale Schmarotzer und Faulenzer. Tatsächlich verhält es sich aber so, dass diese Leute niemandem auf der Tasche liegen, obwohl sie wenig Geld verdienen, dass sie nach wie vor ein Teil der Gesellschaft sind und sich u.a. für Umwelt- und Tierschutz einsetzen sowie für diese Themen sensibilisieren. Außerdem ist die Selbstversorgung durch Anbau eigener Lebensmittel und deren Verarbeitung und Lagerung bestimmt viel Arbeit. Das Prinzip dieses Lebensstils lautet, aus der Konsumfalle auszusteigen und weniger zu verbrauchen. Denn die Werbung suggeriert uns tagtäglich, was wir nicht alles haben müssen. Dafür gilt es, viel Geld zu verdienen, um sich das alles leisten zu können - Dinge, die uns eigentlich eher schaden, den Planeten kaputt machen, Leid verursachen, von anderen Kontinenten importiert werden, in denen Arbeiter ausgebeutet werden...

Wie gesagt, das ist ein Prozess des Informierens, Experimentierens und Entdeckens. Zu 100% lässt sich das wahrscheinlich nicht umsetzen. Aber man kann mit kleinen Dingen anfangen. Das heißt auch nicht, dass man auf alles verzichten muss, was Spaß macht. Minimalismus z.B. soll das Leben vereinfachen. Was nützt mir ein voller Kleiderschrank, wenn ich nur die Hälfte davon trage? Ich habe begonnen, Zimmer für Zimmer durchzugehen und auszumisten. Da kam schon Einiges zusammen, was sich verkaufen (eher schwierig), verschenken oder für Bedürftige abgeben lässt. Und ich vermisse bisher nichts davon. Beim Kauf von Gemüse (wir haben leider noch keinen Garten) achte ich auf Herkunft und Saison. Auf Fleisch verzichten wir seit 2 Monaten. Besonders im Badezimmer konnte Vieles weg. Seit ich auf manche Kosmetikprodukte wie z.B. Gesichtswasser verzichte, geht es meiner Haut interessanterweise besser. Lieber kaufe ich Naturkosmetik (die günstigeren Varianten) aber dafür nur das, was ich unbedingt brauche. Was hatte ich nicht alles auf Vorrat in den Schränken aus Angst, ich könnte eines Tages ohne Shampoo dastehen? Totale Abhängigkeit. Jetzt passt alles in einen kleinen Kulturbeutel. Zeit und Wasser spare ich dadurch auch noch.

Im Internet finden sich viele Tipps, wie man entrümpeln und seinen Kosum verringern kann. Bei Digitalisierung von Büchern hört's bei mir allerdings auf. Ich halte gerne ein "echtes" Buch in der Hand. Auch auf den Fernseher würde ich nicht verzichten wollen, obwohl viel Schrott läuft. Aber eben nicht nur. Was die Zufuhr an Reizen betrifft, bin ich ohnehin vorsichtiger geworden. Die Flut an Bildern und Geräuschen will schließlich verarbeitet werden.

Was hat das alles mit Depressionen und Hochsensibilität zu tun? Letzteres erklärt sich schon im vorherigen Abschnitt. Gerade Werbung ballert einen voll zu und verführt obendrein wieder zum unüberlegten Konsum. Und wenn Depressionen eine sinnvolle Antwort auf eine sinnentleerte Welt sind, liegen Gedanken an ein bewussteres Leben mit allem, was dazu gehört, doch total nah.

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