Dienstag, 29. Juli 2014

Umprogrammiert durch holotropes Atmen


Da ich ja immer alles ganz genau wissen will, habe ich nochmal nachgeforscht, wie das holotrope Atmen denn nun wirkt. Was passiert da im Körper und vor allem im Gehirn?

Laut Wikipedia bedeutet holotrop "auf Ganzheit gerichtet". Die der Transpersonalen Psychologie zugeordneten Atemtechnik wurde von Stanislav Grof entwickelt mit dem Zweck, Erfahrungsbereiche zugänglich zu machen, die dem Bewusstsein normalerweise verschlossen sind. Zuvor hatte der tschechische Psychiater und Therapeut seine Patienten mit der halluzinogenen Substanz LSD behandelt, was sehr umstritten und anschließend gesetzlich verboten war. Ziel des holotropen Atmens ist die Integration abgespaltener Persönlichkeitsanteile. Dabei können verschüttete Erinnerungen aufgedeckt werden. Das tiefe Atmen schwemmt unterdrückte und blockierte Gefühle an die Oberfläche, die somit zum Ausdruck kommen, was eine reinigende Wirkung auf die tieferen seelischen Schichten ausübt. Transpersonal meint übrigens Überbewusstsein.

Das holotrope Atmen wird auch gewollte Hyperventilation genannt, weil die gleichen chemischen Reaktionen im Körper stattfinden. Allerdings meinte unsere Therapeutin, dass beim Hyperventilieren sehr flach geatmet werde und es deshalb nicht dasselbe sei. So oder so kommt es zu verminderter Durchblutung, da durch die verstärkte Ausatmung weniger Kohlendioxid im Körper vorhanden ist. Das chemische Gleichgewicht im Blut verändert sich und es kann zu Kribbeln und Krämpfen in den Gliedmaßen kommen. Das Gehirn wird ebenfalls weniger durchblutet. Ganz einig sind sich die Herren und Damen der Wissenschaft wohl nicht, denn es gibt verschiedene, teilweise ungeprüfte Erklärungsansätze, wie und warum es zu veränderten Bewusstseinszuständen durch eine Atemtechnik kommen kann. Es ist wahrscheinlich so, dass hauptsächlich das Großhirn von einer verminderten Durchblutung betroffen ist, wodurch andere Teile des Gehirns mehr Einfluss auf die Erfahrung gewinnen. Ich bin leider kein Wissenschaftler und kenne mich mit der Hirnforschung nicht aus, weshalb ich keine Garantie für diese Erläuterungen (von Wiki) übernehme. Bei Begriffen wie "Cortico-Striato-Thalamicocorticalen Regelschleife" hört zwar nicht mein Interesse auf, dafür aber mein Verständnis.

Fakt ist, dass sich beim holotropen Atmen vorwiegend Delta- und Thetawellen zeigen, also die niedrigsten Frequenzen im Gehirn, die im Schlaf und Traum sowie bei der Meditation vorkommen. Sie stellen die Bereiche des Unbewussten und Unterbewussten dar, in denen sich die unterdrückten seelischen Anteile befinden und ein Zugang zu Kreativität, Spiritualität und Intuition entsteht.

Manche Patienten waren während der Atemtherapie völlig weggetreten und konnten sich an nichts erinnern, hatten aber das Gefühl, dass "irgend etwas" passiert sei. Ich war bis zum Einschlafen jedes Mal bei klarem Bewusstsein und gleichzeitig "weg". Manchmal gerate ich auch beim Aufwachen in derartige Zustände - wenn ich noch nicht ganz da bin, aber weiß, dass das, was ich gerade erlebe, nicht zur wachen Realität gehört. In solchen Momenten gingen mir schon so manche Erkenntnisse auf. Es könnte sich dabei um den "Awakend-Mind-Zustand" handeln, in dem "Intuition, Inspiration, persönliche Einsicht und spirituelle Bewusstheit, ein entspanntes, losgelöstes Bewusstsein und die Möglichkeit, Gedanken bewusst zu verarbeiten, zur Verfügung stehen, und das alles zur gleichen Zeit" (via Hirnwellen und Bewusstsein).

Mir kommt es so vor, als habe die Atemtherapie meine depressiven Strukturen umgebaut. Ich fühle mich allgemein entspannter und gelassener. Heute habe ich z.B. eine noch geschlossene Rechnung gefunden, die bereits vor 9 Tagen hätte bezahlt werden müssen. Und mein Geld war noch nicht auf dem Konto, das sich auf spektakuläre 15€ belief. Meine Reaktion war ein belustiges "Oh!" und ein unbeteiligtes Weglegen der offenen Rechnung. Das wäre vor einigen Wochen noch ganz anders abgelaufen. PANIK!!! garniert mit einer dicken Portion Existenzangst. Und jetzt? Schulterzucken. Sehr angenehm! Natürlich kommen mir noch traurige Erinnerungen in den Sinn, doch ich steige da gar nicht mehr so tief emotional ein, sondern denke stattdessen: "Ja, das war schlimm! Aber es ist vorbei, und ich kann es jetzt anders für mich gestalten." Ich habe den Eindruck, aus der passiven Opferhaltung (die eine depressive Persönlichkeit nunmal beinhaltet) in eine aktivere Rolle zu gehen. Ich sehe immer noch Probleme und Schwierigkeiten, aber sie wirken nicht mehr so riesengroß und unüberwindbar. Plötzlich scheinen Dinge möglich, die vorher in den Bereich der Utopie gehörten.

Und ja, mir ist das alles noch nicht so ganz geheuer. Ist die Veränderung real und wirklich so tiefgreifend? Oder wache ich eines Morgens auf, und es ist wieder alles beim Alten? Mache ich mir nur was vor? Ist es in Ordnung, meine Zeit nicht mehr mit psychischer Selbstanalyse und dem Herstellen von Zusammenhängen zwischen heutigem Befinden / Reagieren und damaligen Erlebnissen zu verbringen? Und stattdessen - Grusel! - mich mit meiner Zukunft zu beschäftigen und dem, was ich HEUTE machen will? Ohne mich dabei selbst zu hassen?? Wer bist du, und was hast du mit meinem Ich gemacht? Egal. Annehmen, Danke sagen und ganz schnell damit weglaufen.

Anbei noch eine  Abhandlung über das holotrope Atmen im PDF - Format.

Bild: Pixabay

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