Samstag, 12. Juli 2014

Die durchsichtige Kugel

"Ich habe so viele Themen. Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll." Das war in den ersten Wochen mein Standardsatz in der Klinik. Berufliche Orientierung, Symbiosetrauma, emotionaler Missbrauch, nicht gelebte Trauer, mangelndes Vertrauen... Ich wollte wieder alles auf einmal und kam erst gar nicht dazu, den ersten Schritt zu machen. Man kann sich auch schön hinter seinem Themenberg verschanzen.

Um etwas Ordnung in mein inneres Chaos zu bringen, sollte ich für jedes Thema eine Murmel bzw. einen Stein aufstellen. Nachdem meine Therapeutin mir geduldig zugehört hatte, sah sie mich an und fragte: "Wo sind Sie in dieser Aufstellung? Und wieviel Raum wollen Sie der Vergangenheit noch geben? Was wollen Sie für sich und Ihr Leben heute?" Da war sie wieder, meine Depression! Gähnende Leere im Kopf und die Gefühle auf Eis gelegt. Ich griff nach der größten Kugel in der Schale und stellte sie den anderen voran. Meine Therapeutin lächelte zufrieden. "Aber die ist durchsichtig", sagte ich. Ich sollte die Kugel mitnehmen und ihr einen sichtbaren Platz in meinem Zimmer geben.

Als dann eines Tages meine Bankkarte ihren Dienst quittierte und ich ohne Geld dastand, meldeten sich meine Existenzängste. Und plötzlich ließen sich all meine Themen auf ein einziges, grundlegendes Anliegen reduzieren: Es geht um nichts weniger als um meine Existenz!

Darf und will ich überhaupt existieren? Und wofür bin ich da?

Im letzten Drittel meines Klinikaufenthaltes durfte ich in die Atemtherapie. Beim holotropen Atmen wird der Atemrhythmus beschleunigt und verstärkt, so dass emotionale Prozesse in Gang gesetzt werden. Wie bei der Hyperventilation kann es dabei zu Muskelverkrampfungen kommen. Da dies die aufdeckenste Therapieform ist, dürfen nur stabile Patienten daran teilnehmen. Ich war sehr gespannt, was mit mir passieren würde und hatte mich auf verschüttete Erinnerungen gefasst gemacht. Stattdessen geschah etwas völlig anderes, das sich nur schwer erklären lässt. Mir kam der Gedanke, dass ich während der Atemtherapie sterben könnte. Jedenfalls fühlte es sich für einen Moment so an. Es war weder der Wunsch noch die Angst davor vorhanden. Da ich mittlerweile so erschöpft von dem anstrengenden Atmen war, ließ ich innerlich los und schlief entspannt ein. Als ich aufwachte, hatte sich in mir ein Schalter umgelegt. Mir war plötzlich bewusst, dass es auf der seelischen Ebene keinen Unterschied gibt zwischen Leben und Tod und dass ich sowieso da bin - egal in welcher Form. Mir wurde klar, dass ich all die Jahre geglaubt hatte, mich zwischen Leben und Tod entscheiden zu müssen. Da ich mich nie hatte entscheiden können, ging ich in die Depression und die Bewegungslosigkeit.

Das klingt nun sicher sehr merkwürdig. Ich kann es mir selbst kaum erklären, was genau mit mir passiert ist. Für einen Kopfmenschen sehr unangenehm! Jedenfalls bekam ich von einer Mitpatientin die Rückmeldung, ich würde total belebt aussehen. Körperlich fühlte ich mich ziemlich erschöpft. Emotional hätte ich feiern können. Wenn es gar keinen Unterschied gibt, muss ich keine Entscheidung treffen, was meine Existenz betrifft. Jedenfalls nicht in den tieferen seelischen Schichten.

In der letzten Atemsession habe ich um mein Recht gekämpft, mein eigenes Leben führen zu dürfen, ohne mich von den Erwartungen anderer Menschen, die ich introjiziert habe, unterdrücken und aussaugen zu lassen. Eine Klinikpraktikantin gab mir den nötigen körperlichen Widerstand.

Kugel aus durchsichtigem GlasIch sitze nun immer noch da mit meiner durchsichtigen Kugel und der Frage, was ich für mich und mein Leben will. Aber der Grundstein für meine Daseinsberechtigung ist gelegt. Ich spüre mehr Vertrauen in das Leben und dass alles richtig ist, so wie es ist. Egal, was passiert, es ist gut für mich. Ich bin nicht allein und darf mich von der Gemeinschaft tragen lassen. Und ich darf Erwartungen ablehnen, was mich zwar noch mit ein wenig Angst erfüllt, mich aber nicht mehr lähmt. Und wenn erst die Sonne auf die durchsichtige Glaskugel scheint, wird sie in allen Farben erstrahlen.

- Fortsetzung folgt -

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