Freitag, 7. Februar 2014

Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel


Meine Therapeutin arbeitet u.a. mit dem Schwerpunkt Schwangerschaft und Geburt. Sie bietet nicht nur Geburtsvorbereitung für schwangere Frauen an, sondern geht auch von der eigenen pränatalen Zeit als bedeutungsvollen und prägenden Beginn des Lebens aus. Dieser Ansatz war mir nicht neu. Tatsächlich habe ich mir dazu bereits eigene Gedanken gemacht, die ich gestern bestätigt fand.

Im dritten Monat bekam meine Mutter vorzeitige Wehen. "Du wolltest viel zu früh kommen", erzählte sie mir. "Nein, nein. Sie wollten gehen", stellte meine Therapeutin richtig, was mir viel schlüssiger erscheint. Um mich nicht zu verlieren, musste meine Mutter die restlichen 6 Monate der Schwangerschaft liegen. Meine Therapeutin ist der Meinung, dass man eine Seele nicht zum Bleiben zwingen kann, wenn sie fest entschlossen ist, nicht auf die Welt zu kommen. Anscheinend habe ich mich also überreden lassen. Diese 6 Monate Stillhalten müssen für meine Mutter nicht gerade angenehm gewesen sein. Für das Ungeborene bedeutet dies kaum Bewegungsreize. Das Resultat war, dass sich zum herannahenden Geburtstermin keine Wehen einstellen wollten. Die Geburt wurde eingeleitet. "Wir mussten dich holen, weil du dann gar nicht mehr kommen wolltest", erzählte mir meine Mutter. Der Befehl lautete ja auch "Stillhalten".

Nun war ich also doch auf der Welt. Wo wir schonmal da sind, können wir die Lage ja auch auschecken! Ich habe in meinem Blog bereits meine wilde Seite erwähnt. Nachdem ich so lange Zeit zur Starre verdonnert war, meldeten sich nun meine Vitalimpulse. Anders gesagt: Ich brauchte Action! Meine Ideen dazu waren in der Tat oft abenteuerlich. Zweimal habe ich mir den linken Arm gebrochen. Meine Eltern waren zu Recht in Sorge um mich. Statt mich aber schreienderweise in meinem Bewegungsdrang zu unterbrechen und zu Tode zu erschrecken, hätte ich Unterstützung und Förderung in einem sicheren und wohlwollenden Rahmen gebraucht. Wild sein war verboten und geächtet. Stille Aktivitäten wie Malen und Basteln wurden gelobt und gefördert. Daran ist auch nichts auszusetzen. Diese Seite gehört gleichfalls zu mir, aber macht mich eben nur halb.

Mit Eintritt in die Pubertät zeigen sich laut meiner Therapeutin die Themen des Lebens. Nachdem ich Karate und Reiten aufgegeben hatte, weil der elterliche Zuspruch fehlte und mir die Motivation abhanden ging, begann ich im Alter von 15 Jahren über den Sinn des Lebens nachzudenken. Was zum Henker mache ich eigentlich hier? Und was soll der ganze Quatsch? Meine wilde Seite lebte ich nun auf rebellische Weise mit rauchen, trinken, tanzen gehen, mir die Nächte um die Ohren hauen, auf dem Motorrad mitfahren und laute Musik hören. Alles nicht gerne gesehen in einem katholischen Haus. Ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass ich ohne das Tanzen auf all den Partys jämmerlich vor die Hunde gegangen wäre. Von Lebensfreude kann trotzdem keine Rede gewesen sein. Wie im Mutterleib habe ich lediglich überlebt. Sämtliche Vitalimpulse wurden plattgewalzt, getadelt, unterdrückt oder verteufelt.

Und jetzt? Jetzt komme ich an diese Impulse nicht mehr ran. Komplett verschüttet und betäubt. Ich habe oft das Gefühl, mit angezogener Handbremse zu fahren. Die Ängste meiner Eltern haben sich auf mich übertragen, was mir das Reiten verleidet. Der Antrieb ist futsch. Selbst wenn ich mich zur Bewegung durchringe, bleibt der positive Effekt aus. Ich fühle mich hinterher nicht besser. Hinzu kommt, dass viele Aktivitäten Geld kosten. "Tun Sie sich was Gutes! Machen Sie Yoga. Gehen Sie in die Sauna. Besuchen Sie einen Kurs." Und wovon soll ich das bezahlen? Die Invalidenrente reicht nicht. Die Therapiekosten trage ich schon selbst, weil die Krankenkasse das nicht übernimmt. Wieder ein Stoppschild von außen. Und alleine im stillen Kämmerlein ist es nicht dasselbe. Disziplin zählt nicht zu meinen Stärken.

Und immer wieder die Frage: Wozu? Was soll das bringen? Manchmal denke ich, ich habe mich in der Inkarnation geirrt. Meine Seele hat sich verlaufen. Vielleicht hätte meine Mutter mich gehen lassen sollen. Stattdessen sitze ich nun hier und hadere mit meinem Schicksal. Zum Sterben ist es zu viel, weil ich sehr wohl die schönen Dinge sehen kann. Ich würde gerne leben wollen, weiß aber nicht, wie das geht. Ich komme mir oft so falsch vor in dieser Welt.

Dazu passt der Song "Wechselbalg" von ASP.

"Du hast dich den Kräften,
die so an dir zerrten,
doch mit aller Macht noch entgegen gestellt,
dich gewehrt
und dagegen gestemmt.
Der Weg in die Freiheit blieb wieder versperrt,
denn dann bist du erwacht in der anderen Welt,
so verkehrt
und so unendlich fremd."

Bild: Pixabay

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