Montag, 13. Januar 2014

Dysthyme Stimmungskurve

Als Depressive habe ich natürlich mit Stimmungsschwankungen zu tun. Ein als gesund geltender Mensch kennt allerdings ebenso "gute und schlechte Tage". Manchmal scheint dies grundlos zu geschehen. Wir stehen morgens auf und tanzen fröhlich pfeifend ins Bad. Gut - als Morgenmuffel kann mir sowas schonmal eher nicht passieren. Oder wir überlegen uns bereits 3 Sekunden nach dem Erwachen, ob wir nicht lieber liegen bleiben sollten, weil heute ganz bestimmt ein Scheißtag wird. Einfach so. Und jeder von uns wird auch schon einen drastischen Stimmungswechsel im Laufe des Tages erlebt haben, weil entweder etwas unerwartet Wunderbares oder Schreckliches passiert ist.

Da ich all diese inneren Vorgänge für völlig normal halte, habe ich mir nie großartig Gedanken um mögliche Stimmungsschwankungen aufgrund meiner depressiven Störung gemacht. Ich kenne es nämlich nicht von mir, dass ich 10 Mal am Tag ohne einen ersichtlichen Anlass meine Stimmung wechsle von traurig, über fröhlich, weinerlich und euphorisch bis zu aggressiv. Meine Laune hält sich für gewöhnlich über mehrere Tage, so dass ich von Phasen sprechen kann, und ein Wechsel vollzieht sich mehr schleichend als plötzlich. Was mir jedoch immer häufiger auffällt, ist das seltsame Rumlungern auf der Null-Linie, die sich obendrein verschoben zu haben scheint. Ich habe mir tatsächlich die Mühe gemacht, dies hier mal grafisch darzustellen. Das ist nicht so einfach, und ich erhebe keinen Anspruch auf absolute Richtigkeit. Aber so ungefähr könnte meine dysthyme Stimmungskurve aussehen:

Grafik Stimmungskurve


Meine früheren Tiefs sind jetzt tiefer, während die Hochs nicht mehr ganz so hoch hinaus kommen. Die neutrale Null-Linie kannte ich auch früher schon, aber ich habe sie immer nur kurz berührt. Seit dem endgültigen Ausbruch meiner Krankheit finde ich mich zwischen dem üblichen Rauf und Runter immer wieder auf der neuen (roten) Null-Linie, und zwar für mehrere Tage. Vor meiner Krise fühlte ich mich auf diesem Level positiv ausgeglichen, weil es ein wenig über dem neutralen Wert lag. Jetzt ist es ein ganz merkwürdiges Nicht-Gefühl. Ich versuche, das mal zu beschreiben.

Es ist, als würde sich der Boden unter mir auftun und die Schwerkraft wäre aufgehoben. Ich schwebe seltsam formlos, mich auflösend und gleichzeitig verdichtend durch ein luftleeres Vakuum ohne jeglichen Halt. Ich fühle mich innerlich so übervoll, dass ich mir im selben Moment völlig leer vorkomme. Ich habe sogar kurz das körperliche Gefühl zu fallen. Das klingt sehr paradox, und so ist es auch. Während ich das hier schreibe, beschleicht mich der Gedanke, ob dies vielleicht der Zustand ist, den all die Buddhisten durch Meditation zu erreichen suchen. Kleiner Rat von mir: Hört auf zu meditieren! Das ist kein erstrebenswerter Zustand! Gleichmut mag zwar das Leiden aufheben, aber für mich fühlt es sich auch komplett leblos an. Ein Dasein ohne Leidenschaft, befreiende Wutausbrüche und Freudentänze erscheint mir wie resigniertes Einerlei. Dann fühle ich mich noch lieber schlecht als nicht.

Buddhisten mögen mir an dieser Stelle widersprechen. Das war auch nicht ganz ernst gemeint. Aber was weiß ich, wie sich Erleuchtung anfühlt? Wenn ich lese oder gesagt bekomme, dass ich nicht über das gesamte Gefühlsspektrum verfüge wie gesunde Menschen, kann ich das auch nicht nachvollziehen. Ich bin sehr emotional und durchaus in der Lage, sehr tiefe Gefühle zu empfinden - in jede Richtung. Aber ich kann mich nur mit mir selbst vergleichen. Ich weiß nicht, wie andere Menschen fühlen und wer von uns besser dran ist. Ich weiß nur, dass sich meine Grundstimmung mal auf einem etwas höheren Level befand.

Wie lebt es sich nun auf meiner neuen Null-Linie? Schonmal ein geköpftes Huhn gesehen, das nach seiner Hinrichtung noch mit den letzten Nerven hektisch durch die Gegend rennt? Oder kennt ihr den Zombiefilm "Braindead"? Es ist eine Mischung von beidem. Manchmal kommt es deswegen sogar zu recht lustigen Situationen. Ich stehe einfach neben mir, mein Hirn arbeitet in Zeitlupe und verabschiedet sich immer wieder mal kurzfristig. Ich vergesse Dinge und stehe ratlos in der Gegend rum, weil ich vergessen habe, was ich vorhatte zu tun. Das geht solange gut, bis es nervt. Entweder beginnt dann die Talfahrt, oder ich rapple mich wieder auf.

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