Mittwoch, 18. Dezember 2013

Zukunftsvisionen aus der Kindheit

Sophie Marceau auf DVD Cover
Vergissmichnicht

Neulich habe ich einen französischen Film mit Sophie Marceau in der Hauptrolle gesehen. Der Originaltitel lautet L'age de raison, was Das Alter der Vernunft bedeutet, wurde aber in Vergissmichnicht übersetzt. Es ist jetzt kein herausragend grandioser Film, aber das Thema hat mich ausserordentlich berührt.

Die erwachsene Marguerite erhält an ihrem 40. Geburtstag ein Päckchen voller Briefe, die sie sich als Siebenjährige geschrieben hat. Darin erinnert sie sich an ihre Kindheitsträume und Zukunftsvorstellungen, wer sie sein und was sie werden wollte. Die abgebrühte und arbeitssüchtige Managerin, die sich Margaret nennt, weil das seriöser klingt, hat am Anfang überhaupt keine Lust auf eine Konfrontation mit ihrer Vergangenheit. Während sie den ersten Brief voller Abscheu liest, sagt sie: "Dämlicher geht's nicht!" Das hat mich sehr getroffen, weil ich auch oft wenig wertschätzend und liebevoll mit meinem inneren Kind umgehe. Gerade erst habe ich meine alten Tagebücher gelesen, die ich im Alter von 15 bis 19 geschrieben habe. Da ging es mir ähnlich. "Was für ein pubertärer Scheiß!"

Mit der Zeit stellt sich Marguerite ihrer Vergangenheit. Sie trauert um ihre Klarinette, die ihre Mutter aus Geldnot verkaufen musste. Sie trifft ihren Jugendfreund Philibert, der als Einziger seinen Kindheitstraum erfüllt hat und Lochgräber geworden ist. Die kleine Marguerite wollte die große retten. Aber dann hat sie beschlossen, alles zu vergessen und reich zu werden. In den letzten Briefen bittet sie ihr erwachsenes Ich, die Kleine zu retten. Das treibt mir jetzt schon wieder die Tränen in die Augen. Marguerite findet den Schatz, den sie als Kind vergraben hat, und hebt bis zum Schluss einen Brief auf, den sie erst öffnen darf, wenn sie eine andere geworden ist. Nachdem sie weder Prinzessin, noch Marsforscherin oder Hochzeitstortenbäckerin geworden ist und ihren Managerberuf an den Nagel gehängt hat, um in Afrika Brunnen zu bauen, hält sie die Zeit, diesen Brief zu öffnen, für gekommen. Darin steht: "Ich liebe dich!"

Ich habe Rotz und Wasser geheult. Aus meiner Kindheit habe ich so gut wie nichts aufbewahrt. Ich habe überlegt, was meine Träume und Visionen waren, und konnte mich kaum erinnern. Dann habe ich mein inneres Kind gefragt. Sie sagte, dass ich mir ein paar Träume schon erfüllt habe. Jetzt muss ich wieder aufpassen, dass ich diese nicht als lächerlich hinstelle. Das habe ich mir früher gewünscht: lange Haare, ein eigenes Pferd, anziehen, was MIR gefällt, und einen besten Freund. In meinen Tagebüchern habe ich mit 15 genau meinen Traummann beschrieben. Davon trifft alles ausnahmslos auf meinen Ehemann zu. Außerdem habe ich meine Religion selbst gewählt. Ich fühlte mich schon als Kind dem Buddhismus zugetan, wurde aber katholisch indoktriniert. Was meine Musik betrifft, wurde ich ebenfalls beschnitten oder zumindest zurechtgewiesen. Meine gesamte Persönlichkeit konnte ich nur heimlich im Untergrund ausleben. Das ist nun fast vorbei. Ich schreibe fast, weil ein Gefängnis aus Worten einen räumlichen Käfig sehr lange überdauert.

Ich werde diese Spur weiter verfolgen und bin gespannt, was ich noch alles entdecke.

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