Montag, 9. Dezember 2013

Meine Wut erschreckt mich

Als Kind habe ich bei Misserfolgen den Kopf auf den Boden geschlagen oder meine Malstifte durch die Gegend geworfen. Für meine Mutter war der Fall klar: Ich hatte den Jähzorn von meinem Vater geerbt. Aber ist das wirklich nur eine Charaktereigenschaft? Sicher gibt es unterschiedliche Temperamente. Und ich habe bestimmt etwas viel Feuer abgekriegt. Aber ich glaube, es steckt noch mehr dahinter.

Wenn ich einen solchen Ausbruch habe, finde ich das selbst ganz schrecklich und schäme mich dafür. Ich weiß auch, dass meine Wut  nicht im Verhältnis zur Situation steht. Aber ich schaffe es nicht, dagegen anzukommen. Unterdrücken wäre sicher auch keine gute Idee. Mir wäre am liebsten, ich könnte ganz gelassen mit meinen Misserfolgen umgehen. Geht aber nicht, weil es etwas Existenzielles für mich zu haben scheint. Wieso, weshalb, warum ist schnell erklärt: Meine Eltern müssen mich damals ziemlich schlecht behandelt haben, wenn mir etwas nicht gelang. Insbesondere mein Vater konnte ganz schön wütend werden und hat mich öfter in Grund und Boden geschrien, wenn ich einen Fehler gemacht hatte. Ich kann mich aber nur an einen einzigen Glaubenssatz erinnern, den mir meine Mutter eingepflanzt hat: "Du bist zu nichts zu gebrauchen!" Ich hatte zu viel Milch in die Schale für die Katze geschüttet. Diesen Satz habe ich so sehr internalisiert, dass er in jeder von Leistung geprägten Situation auftaucht. Wahrscheinlich hat das übrige Verhalten meiner Eltern diesen Glauben verstärkt. Dennoch bin ich oft über die Intensität meines Selbsthasses bestürzt. Ich knalle mir selbst Dinge an den Kopf, die ich keinem anderen sagen würde. So gemein ist das.

Ein brandaktuelles Beispiel von heute Morgen: Beim Spülen brach mir ein Teil der Kaffeemaschine ab. Ohne dieses Ding, dessen Bezeichnung ich nicht kenne, kann der Kaffee nicht mehr in die Kanne laufen. Der ganze Apparat unbrauchbar! Mein erster Gedanke galt meinem Mann, dem sein Kaffee sehr wichtig ist. Obwohl er nicht zu den aufbrausenden Menschen gehört und ich genau weiß, dass er mir wegen so etwas nie böse ist, fühlte ich mich elendig. Ich versuchte, darüber hinweg zu gehen und weiter zu spülen, doch die Wut loderte in mir auf wie eine Stichflamme. Der erste Impuls war, die Kücheneinrichtung zu zerstören. Damit würde ich mich aber nur noch schlechter fühlen. Dann der Griff an meinen Kopf und das Verlangen, mir die Haare auszureißen. Im Bruchteil einer Sekunde gingen mir gleich mehrere Ideen durch den Kopf, wie ich mich bestrafen könnte. Ich lief ins Wohnzimmer, wo die offene Balkontür für frische Luft sorgte, und lief tief atmend auf und ab. Dann rief ich meinen Mann an. "Das kann doch jedem passieren", versuchte er, mich zu beruhigen. "Ja, aber ich habe gerade erst mit Spülen angefangen und mache sofort was kaputt. Ich bin zu nichts zu gebrauchen!" Bäm! Da war er wieder, dieser blöde Satz. Danach habe ich mich heulend zu meiner Katze ins Bett gelegt. Irgendwie habe ich es dann doch noch geschafft, meine Hausarbeit zu Ende zu bringen. Aber ich war echt erledigt. Was für ein Scheiß! Die Kaffeemaschine habe ich übrigens repariert. Mit einer Büroklammer.

Es erschreckt mich sehr, wie heftig ich auf solche Situationen reagiere. Dieser Glaube, zu nichts zu gebrauchen zu sein, ist so tief in mir verankert, dass er mich von ganz vielen Aktivitäten abhält. Nicht zuletzt vom Arbeiten in einem Beruf. Kein Wunder, dass ich keinen Sinn in meinem Leben sehe, wenn ich so gar nichts zu bieten habe, was die Welt interessieren könnte. Einem anderen Menschen würde ich jetzt so viele wundervolle Dinge sagen, um ihn aufzurichten. Mit mir selbst gelingt mir das nicht. Wenn ich von jemand anderem gelobt werde, fällt es mir schwer, das zu glauben. Ich hoffe, dass sich das in der neuen Therapie auflösen lässt. Es ist nämlich mit großer Anstrengung verbunden, mir vor jeder Aktion Mut zuzusprechen. Für das eigentliche Vorhaben fehlt mir dann die nötige Energie.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Dare to kommentär!