Sonntag, 10. November 2013

Fluch und Segen Religion

Letzte Nacht habe ich "Menschen bei Maischberger" gesehen, die sich aus einer Sekte befreit haben. Obwohl ich selbst nicht in einer Sekte sondern mit einer krankhaft religiösen Mutter aufgewachsen bin, konnte ich vieles von dem Erzählten nachempfinden. Opfer eines solchen Psychoterrors zu werden, hat nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun. Denn man sollte meinen, dass ein moderner, gebildeter und halbwegs intelligenter Mensch nicht an den Teufel oder die Hölle glauben würde. Derartige Gehirnwäsche zielt auf die Gefühle ab. Das mag für den, der das nie am eigenen Leib erfahren hat, schwer zu verstehen sein.

Ich war 5, als meine Mutter eine Frau kennenlernte, die ihr einredete, sie habe heilende Kräfte und sei ein hellsichtiges Medium. Für meine Mutter eröffnete sich damit wohl die einmalige Gelegenheit, endlich etwas Besonderes zu sein. Sie begann, sich mit Esoterik auseinanderzusetzen. Dazu gehörten neben dem sogenannten Geistheilen auch Pendeln, Kartenlegen und Seelenwanderung. Damals gab es bei RTL eine Sendung, die sich mit paranormalen Phänomenen befasste. Ich durfte nicht alles im Fersehen anschauen, was ich pädagogisch richtig finde. Aber diesen Mist musste ich mir reinziehen. Es ging um unerlöste Seelen und Poltergeister. Kein Wunder, dass ich nachts nicht schlafen konnte und oft Angst hatte, der Kleiderschrank könnte anfangen zu rappeln. So wurde ein klopfendes Geräusch in der Nacht, das ich heute für ein Heizungsproblem halte, als Wortmeldung meines Uropas aus dem Jenseits interpretiert. Der ging nämlich damals am Stock. Deshalb klopfte es. Logisch!

Meine Mutter ließ mich an allem, was sie sich selbst aus Büchern beibrachte und mit der "anderen Welt" erlebte, ungefiltert teilhaben. Außerhalb der Familie durfte ich niemandem davon erzählen. Denn es würde keiner verstehen, und man könne mich für verrückt halten, was mich von der restlichen Welt entfremdete. Meine Mutter hingegen ging recht offen mit ihrer Mission um und empfing bald Klienten zu Hause, um ihnen die Hände aufzulegen. Die Küche fungierte als Wartezimmer. An manchen Tagen hatte meine Mutter 9 Termine. Ich mochte all die fremden Menschen nicht, die mich in meinem Zuhause störten. Und alle sagten mir, wie glücklich ich sein müsste mit einer solchen Mutter!

Mit der Zeit wurde meine Mutter zunehmend katholisch, und sie verteufelte alles, was nicht gottgefällig war. Pendeln, Reinkarnation und dergleichen waren damit verbannt. Sie hielt sich für eine Mystikerin mit der göttlichen Mission, Seelen zu retten - besonders die meines Vaters, weshalb sie ihn nicht verlassen durfte. Sie betete für Sterbende, damit diese in Frieden gehen konnten. In solchen Zeiten war sie immer krank, weil sie das Leiden mittrug. Ebenso befreite sie Arme Seelen und deren noch lebenden Opfer, die von ihnen heimgesucht wurden. Meine Mutter hörte die Stimme Gottes und empfing Botschaften von ihm. Sie wusste oft Dinge, die sie gar nicht wissen konnte. Mit ihren Händen konnte sie am Körper eines Menschen fühlen, wo etwas im Argen lag. Ein anschließender Arztbesuch brachte dann die Bestätigung. Viele Menschen fühlten sich nach einer Behandlung von meiner Mutter besser.

Da meine Mutter ein so guter Mensch und von Gott auserwählt war, wurde sie natürlich vom Teufel verfolgt. Der schreckte in ihren Augen vor nichts zurück und benutze gern die Menschen in ihrer nächsten Umgebung, um sie zu quälen. Mich zum Beispiel. Und meinen Vater. Andererseits war meine Mutter davon überzeugt, dass auch ich übersinnliche Fähigkeiten habe. Da sie sich nicht selbst die Hände auflegen konnte, weil Gott ihr diese Gabe nur für andere Menschen gegeben hatte, musste ich das tun. Außerdem sollte ich manchmal etwas für sie "sehen". Dann wieder hielt sie mich für abtrünnig, weil ich Teufelsmusik hörte, auf Partys (in die Hölle) ging oder mich mit schlechten Menschen umgab. Sie sagte mir oft, meine Seele würde im Schlamm stecken, und ich sei von Dämonen umsessen. Ihr Verhalten wechselte zwischen übertriebener, tränenerstickter Sorge und eiskaltem Liebesentzug. Je schwärzer die Menschen um sie herum, desto strahlender ging sie als leidende Märtyrerin und Seelenretterin hervor. Fehltritte ihrerseits wischte sie mit unanfechtbaren weil nicht verifizierbaren Erklärungen vom Tisch. Als sie zum Beispiel erfuhr, dass ich rauche, brach sie in wildes Geheule aus und redete 3 Tage nicht mit mir. In ihren Augen hing ich bereits an der Nadel. Nachdem sie zur Besinnung gekommen war, wollte sie mir weismachen, sie habe für die Drogensüchtigen gelitten, damit sie geheilt werden. Ach so!

Als Kind verfügt man noch über sein magisches Denken. Man glaubt ja auch an den Weihnachtsmann. Die Eltern erscheinen unfehlbar. Natürlich habe ich meiner Mutter geglaubt und fand es toll, dass wir etwas Besonderes waren. Und es gab immer wieder diese merkwürdigen "Beweise", dass meine Mutter Recht hatte. Mag sein, dass sie sehr feinfühlig ist und über gewisse Fähigkeiten verfügt. Dass es so etwas gibt, streite ich nicht ab. Aber was sie daraus gemacht hat... Jedenfalls fiel es mir selbst im Jugendalter schwer, von diesen Dingen Abstand zu gewinnen. Zwar bildete ich mir langsam eine eigene Meinung und begann zu zweifeln und zu suchen. Aber die jahrelange Gehirnwäsche und emotionale Manipulation zeigten bis ins junge Erwachsenenalter ihre Wirkung.

Der Weltuntergang war bei uns kein Thema wie beispielsweise bei den Zeugen Jehovas. Der Teufel jedoch stellte eine reale Gefahr dar. Er konnte sich als alles tarnen. Sogar als Marienerscheinung. Er konnte durch andere Menschen sprechen und handeln. Und er war dazu in der Lage, mir im Traum und auf Seelenebene aufzulauern. Seelenebene lässt sich jetzt schwer erklären. Depressive Gedanken kommen zum Beispiel vom Teufel. Die flüstert er den Menschen ein, damit sie das Leben - das Geschenk Gottes - verschmähen. Ebenso wie der Teufel schien auch meine Mutter keine Grenzen zu kennen. Sie gab mir stets zu verstehen, dass sie alles wisse, weil sie es sehe oder Gott es ihr sage. Eine räumliche Trennung brachte mich also nicht in Sicherheit. Sie war in meinem Kopf. Mit ihren Gebeten manipulierte sie mich. Das ließ sie mich glauben. Ich hatte furchtbare Angst, wahnsinnig zu werden.

Ich merke gerade, dass ich allein aus diesem Thema ein ganzes Buch zusammenstellen könnte. Dieser lange Post beschreibt nur einen Bruchteil von dem, was ich erlebt habe. Ich möchte nur noch kurz erwähnen, dass das, was mich beinahe zerstört hätte, mich gleichzeitig überleben ließ - der Glaube. Der hatte aus meiner heutigen Sicht nichts mit gereifter Spiritualität zu tun. Ich würde sagen, Jesus war mein imaginärer Freund, dem ich meine Sorgen erzählte und von dem ich mich beschützt fühlte. Das Rosenkranzgebet beruhigte mich in Stresssituationen wie Mantren es eben tun. Nach meinem Auszug von zu Hause begann mein religiöser Ablöseprozess. Lange war ich noch von der Angst geplagt, vom rechten Weg abzukommen. Was, wenn meine Mutter doch Recht hatte? Was, wenn ich ihr nicht entfliehen konnte und sie mich im Geiste immer noch manipulierte? Ich weiß, das klingt verrückt. Aber auf dem Hintergrund meiner Lebensgeschichte sind diese Ängste verständlich. Das muss ich mir immer wieder sagen. Nach 12 Jahren sind sie nun endlich fast verschwunden. Katholische Horrorfilme darf ich mir aber nicht ansehen. Auch Kirchen meide ich.

Wie habe ich es nun mit der Religion, um die Gretchenfrage zu stellen? Der Zen-Meister sagt: Religion ist ein Hilfsmittel, ein Finger, der zum Mond zeigt. Aber der Finger ist nicht der Mond. Mit anderen Worten: Ich habe mich von der Religion abgewand und halte mich an eine bodenständige Spiritualität. Keine Tarotkarten, keine Geister, keine Prophezeihungen. Zen ist zwar auch eine Religion, aber sie enthält keine Theologie. Manche bezeichnen Zen auch eher als Philosophie. Über sowas mag ich nicht mehr diskutieren. Und paranormale Phänomene seien mal dahingestellt. Irgendwann wird die Wissenschaft wohl auch dafür Erklärungen finden. Das Monster von Lochness wird ja auch noch gesucht.

Eine ehemalige Klientin, die mit 18 Jahren die Zeugen Jehovas verließ und in meine betreute WG zog, sagte: "Man ist zwar raus, aber das Gedankengut behält man."

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