Samstag, 2. November 2013

Anders sein


Mein Leben lang begleitet mich das Gefühl, anders zu sein. Damit meine ich nicht, dass ich mich für etwas Besonderes halte. Ich glaube vielmehr, irgendwie falsch zu sein und mich ändern zu müssen. Schon als Kind fiel es mir schwer, mich in eine Gruppe zu integrieren und Kontakte zu knüpfen. Zwar hatte ich immer irgendeine Freundin und war später sogar Mitglied in einer Clique, aber ich wurde stets als ruhig, schüchtern und zurückhaltend wahrgenommen. Die Schulzeit war für mich die Hölle, weil ich offensichtlich eine gute Angriffsfläche für etwas bot, das heute gemeinhin als Mobbing bezeichnet wird. Jungs fanden mich seltsam oder speziell. Ich konnte oft die Interessen der anderen nicht teilen. In meinem Schulzeugnis stand jedes Mal, ich solle lebhafter am Unterricht teilnehmen. Überhaupt war ich leicht zu übersehen.

Dass ich mich von anderen Menschen unterscheide, fällt mir natürlich nur im Kontakt auf. Jemand kommt neu in eine Gruppe hinzu, ist innerhalb einer Woche voll integriert und weiß sogar schon mehr über die anderen bescheid als ich nach einem Jahr. Bei einem Konzert rasten alle total aus und schreien rum, während ich scheinbar teilnahmslos am Rand stehe mit dem Fluchtweg im Rücken. Im alltäglichen Miteinander habe ich oft das Gefühl, in der Reaktion hinterherzuhinken. Eigentlich wollte ich auch was sagen, aber ein anderer war schneller.

Immer wieder muss ich mir Sprüche anhören wie:
"Du musst lebendiger werden!"
"Mach doch mal mit!"
"Du langweilst dich total, oder? Das interessiert dich wohl nicht?"
"Du zeigst nicht genug Motivation."
"Warum bist du eigentlich nie dabei?"
Ich glaube, dass keiner auf die Idee kommen würde, sich vor einen Rollstuhlfahrer hinzustellen, und ihm zu sagen: "Na los! Auf die Tanzfläche mit dir! Oder hast du keine Lust?" Natürlich ist in dem Fall deutlicher, dass der Betroffene es einfach nicht kann. Trotzdem nervt und verletzt es mich, dass ich nicht so akzeptiert werde, wie ich bin. Mir unterstellt man mangelnden guten Willen oder einen merkwürdigen Charakter. Ich wurde schon als arrogant und überheblich wahrgenommen. Introvertiertheit lässt eben viel Raum für Phantasien und Spekulationen. Und es wirkt sicherlich nicht besonders einladend sondern eher ablehnend. Meine Mitmenschen wissen nicht, wie sie mit mir umgehen sollen. Und ich finde meinerseits keinen Zugang zu ihnen. Das macht Kontakt so wahnsinnig anstrengend für mich. Hinzu kommt die Angst, dass jemand, der mich gestern noch freundlich behandelt hat, heute vielleicht komplett zur Sau machen könnte ohne einen für mich erkenntlichen Grund. Sowas ist mir leider schon öfter passiert. Zuerst mit meinen Eltern und später mit Freunden. Ich kann mich also nicht auf Beziehungen verlassen. Ebenso wenig vertraue ich meinem Urteilsvermögen, denn anscheinend renne ich immer wieder Menschen mit derselben Struktur wie meine Mutter mit offenen Armen entgegen. Dabei hole ich mir jedes Mal eine blutige Nase. Milde ausgedrückt. Außerdem befürchte ich, dass man mich wieder seltsam finden könnte oder ich vielleicht etwas Dummes sage. Ich bin ziemlich verunsichert darüber, wie ich auf andere Menschen wirke. Verständlich also, dass ich lieber allein bleibe. Mein Arzt hat mir schließlich auch geraten, ich solle Streß vermeiden.

Nun ist es aber so, dass auch ich ein soziales Wesen bin und mir Gesellschaft wünsche. Tatsächlich gelingt es mir manchmal, aus mir herauszugehen, mich für etwas zu begeistern und sogar andere mitzureißen. Ich kann mir aber selber nicht erklären, warum das in gewissen Momenten funktioniert und dann wieder nicht. Wenn ich unter "Meinesgleichen" bin, kann ich sehr offen sein. Da brauche ich mich nicht zu erklären, und keiner verlangt von mir, anders zu sein. Einige wären sicherlich sehr erstaunt festzustellen, wieviel ich reden kann. Nur die Themen könnten sie möglicherweise irritieren.

Bild: Pixabay

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