Freitag, 11. Oktober 2013

Zusammenleben mit einem nichtdepressiven Angehörigen

Wenn in einer Partnerschaft einer von beiden an Depressionen erkrankt ist, bedeutet das eine Zerreißprobe für die Beziehung. Je nach Schweregrad und Dauer des Verlaufs wird die Belastung manchmal unerträglich. Deshalb finde ich es total wichtig, dass es Anlaufstellen für Angehörige Depressiver gibt, wo sie darüber beraten werden, wie sie mit der Situation umgehen sollen. Aufklärung über das Krankheitsbild ist dabei ein unverzichtbarer Teil. Eine gute Dosierung von Unterstützung und Abgrenzung gehört meiner Meinung nach zu den wichtigsten Tipps für Angehörige. Sie dürfen sich nicht zu sehr in die Verantwortung begeben, Therapeut spielen und aus Solidarität auf freudvolle Dinge verzichten. Sonst gehen am Ende beide vor die Hunde. Zu viel Hilfe kommt beim Depressiven auch gar nicht so gut an. Das Selbstwertgefühl ist ohnehin schon angeknackst. Wenn man dann noch jede alltägliche Kleinigkeit abgenommen bekommt, fühlt man sich vollends wertlos. Gleichzeitig will man auch nicht ständig zu irgend etwas motiviert werden, wozu einem die Kraft fehlt.

Mein Mann macht ganz schön was mit mir mit! Ich fühle mich deswegen oft schuldig, was am allerwenigsten hilft. Ich habe mir das schließlich nicht ausgesucht. Und auch wenn ich meinem Mann vertraue, weiß ich dennoch, dass er seine Grenzen hat, die ich ziemlich strapaziere, und dass eines Tages vielleicht auch mal Schluss sein könnte. Er kann es mir oft nicht recht machen, weil ich gar nicht weiß, was ich will. Und die wechselnden Phasen zwischen den Hochs und Tiefs erleben wir gleichermaßen als völlig unberechenbar. Wir haben auch noch alle beide die Angewohnheit, Verantwortung für den anderen zu übernehmen, ohne auf die eigenen Bedürfnisse zu achten. Äh, ich hab Bedürfnisse? Ach, ja, da war mal was...

Wie lebe ich aber als Depressive mit einem Nichtdepressiven zusammen?

Das A und O einer jeden Beziehung (ja, auch ohne Krankheit) ist Kommunikation. Damit meine ich das Miteinander Sprechen in authentischem Kontakt. Und nicht: "Schatz, heute ist mir was Lustiges passiert..." - "Hm..., was essen wir gleich?" Es kommt nicht darauf an, wieviele aneinandergereihte Wörter man pro Stunde von sich gibt. Und Schweigen heißt nicht, dass man sich nichts mehr zu sagen hat, weil die Ehe am Ende ist. Man kann auch in vollkommener Harmonie miteinander schweigen. Es geht darum, dass man sich gegenseitig mit dem, was man auf dem Herzen hat, erreicht und dadurch etwas bewirkt. Hauptsächlich in sich selbst. Den anderen kann man sowieso nicht verändern. Ehrlichkeit ist sicher nicht immer einfach. Manchmal tut das auch verdammt weh. Aber es vertieft die Beziehung und schweißt zusammen. Vorausgesetzt, man verzichtet auf Vorwurfs-Handgranaten und verletzende Beleidigungen. Man sollte vorwiegend von sich sprechen, wie man sich mit diesem oder jenem fühlt, was man vermisst, was man sich wünscht... Und wenn das mal nicht funktioniert - später einen neuen Anlauf starten.

Mein Mann macht sich zu viele Sorgen um mich. Das behält er aber für sich, weil er nicht möchte, dass ich deswegen leide. Ich kriege das natürlich trotzdem mit und halte mich deshalb damit zurück, meine Befindlichkeiten allzu ehrlich zu offenbaren, so dass er sich keine Sorgen machen muss. Je schweigsamer ich bin, desto mehr Sorgen macht sich mein Mann. Komplett bescheuert! Dass er Mitgefühl empfindet ist das Eine. Sich aber meinen Kopf zerbrechen etwas völlig anderes. Wir haben uns also darauf geeinigt, dass ich bereits eine Therapeutin habe, und dass ich in keinster Weise wünsche, dass mein Mann mich verschont, in Watte packt oder aufheitert. Er soll weder mein Retter, noch mein Hofnarr oder Heiler sein. Alles, was ich mir wünsche, ist, dass er der Mann ist, in den ich mich damals verliebt habe. Für das, was er ist, so wie er ist. Das hilft mir am allermeisten. Der Rest ist Quatsch. Einfacher kann er es also gar nicht haben. Ich für meinen Teil muss ihm dann aber auch ab und zu eine Zeit ohne mich zugestehen, wenn ich mich gerade lieber verkriechen möchte. Wie sollte er sonst neue Kraft schöpfen, wenn ich ihn nicht für sich sorgen lasse? Außerdem kann ich nicht von ihm erwarten, dass er mir die Wünsche von den Augen abliest, sondern sollte klar und deutlich äußern, was mir hilft und was nicht. Und wenn ich das selber mal wieder nicht weiß, ist es immer noch besser, auch das genau so zu sagen statt nichts. Manchmal finden wir es dann gemeinsam heraus.

Es ist nicht selbstverständlich, dass mein Mann so zu mir steht. Man könnte zwar jetzt sagen, dass das zu einer guten Ehe dazu gehört nach dem Motto "in guten wie in schlechten Tagen". Trotzdem bin ich unendlich dankbar dafür, dass ich durch ihn die Liebe erfahren darf, nach der ich mich mein Leben lang gesehnt habe. Das darf er zwischendurch auch mal wissen.

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