Dienstag, 15. Oktober 2013

Vom Sinn und Unsinn der Kategorisierungen


Zunächst möchte ich dem letzten Post nachfügen, dass sich Depressionen auch in kürzeren Schüben äußern können. Die Dauer einer depressiven Episode sagt nichts über deren Ernsthaftigkeit aus. Durch eine sehr freundliche Kritik ist mir bewusst geworden, wie schwierig es ist, eine klare Kategorisierung vorzunehmen. Mir ging es vorrangig darum, dass sich niemand dazu gezwungen fühlen sollte, sich rechtfertigen zu müssen, ob er wirklich depressiv ist oder nicht. Man fühlt sich beschissen. Punkt. Trittbrettfahrer mag es wohl geben. Aber jeder erlebt seine Krankheit individuell. Und oft passt man in keine Schublade. Und damit wäre ich auch schon beim Thema.

Warum wird alles kategorisiert, in Kisten gepackt und mit Etiketten beklebt? Wenn es um Gegenstände geht, macht das durchaus Sinn. Irgendwie muss man sich doch in dem ganzen reizüberflutenden Chaos zurechtfinden. Das nennt man dann Ordnung. Das gibt Sicherheit und macht das Leben leichter. Es ist z.B. logisch, dass Töpfe und Teller in Küchenschränke geräumt werden. Klamotten gehören in den Kleiderschrank, und Bücher haben im Gefrierfach nichts verloren. Im Supermarkt wird man keinen Kaffee in der Gemüseabteilung finden. Klare Sache.

Schwierig wird es, wenn abstrakte Dinge einen Platz zugewiesen bekommen sollen. Das Thema Diagnose beschäftigt mich hierbei in besonderem Maße. Was habe ich denn nun genau? Was stimmt nicht mit mir? Diagnosen wurden wohl deswegen geschaffen, damit Fachleute sicher sein können, dass sie vom selben sprechen. Der Patient hat aber vorwiegend nur ein Bedürfnis: Mir geht's schlecht, mach das weg, egal, wie das heißt! Ich persönlich möchte immer ganz gerne wissen, mit welchem "Feind" ich es zu tun habe. Dann ist nämlich auch klar, wie ich gegen ihn vorgehen kann. Allerdings ist die Sicherheit, die mir eine Diagnose vermittelt, eine trügerische. Denn häufig wird auch fehldiagnostiziert, weil die Symptome auf verschiedene Krankheiten hindeuten. So sollte ich mit 18 Jahren mehrere kleine Lungenembolien haben. Dabei handelte es sich um einen spasmischen Asthmaanfall. Die Behandlung mit Blutverdünnern war also für die Katz.

Bei psychischen Krankheiten wird es noch verzwickter, weil man die Seele nicht röntgen kann. Was bin ich meinem Klinikpsychologen und meiner ambulanten Therapeutin nicht auf den Keks gegangen mit dieser Frage! Gut, die offizielle Diagnose lautete mittelgradige Depression. Die brauchte ich, um überhaupt in der Klinik sein zu dürfen. Diagnosen dienen also ganz besonders dem Gesundheitssystem. Die Symptompalette trifft auch ausnahmslos auf mich zu. Trotzdem war ich nicht zufrieden, hatte ich doch ständig das Gefühl, dass da noch viel mehr im Argen liegt. "Es ist tatsächlich nicht ganz einfach mit Ihnen", bestätigte mein Klinikpsychologe. "Sie passen nirgendwo so richtig rein." Ich äußerte, dass ich Züge von Borderline und sämtliche andere Symptome bei mir feststellen würde. "So gesehen finde ich mich auch in allen Diagnosen wieder", meinte er. Aha! Der Herr Psychologe hat also selber einen an der Klatsche! Sehr sympathisch! In einer Email schrieb er mir später (weil ich auch nach meinem Klinikaufenthalt nicht locker lassen wollte): Wenn Sie mich fragen, ich hasse Diagnosen. Na toll! Meine Therapeutin ließ sich eines Tages von mir dazu hinreißen, von frühkindlicher Störung zu sprechen. Hinterher hätte sie sich dafür ohrfeigen können. Am Ende sagte sie: "Wenn du eine Diagnose willst, geh zum Arzt!"

Ein ganz bezauberndes Kategorisierungsinstrument ist der Body Mass Index. Der liegt bei mir mit 17,5 unter dem Normalwert. Ein Lifestyle-Magazin bezeichnete Menschen mit diesem Wert als anorektisch. Vorsicht!!! Anorexie und Untergewicht sind zwei völlig verschiedene Paar Schuhe! Dennoch war es meine größte Sorge, in der Reha-Klinik eine Essstörung angedichtet zu bekommen. Und tatsächlich... sie haben es versucht! Sagt die sehr freundliche aber nunmal übergewichtige Oberärztin zu mir, mein BMI läge nicht im gesunden Bereich. Dito. Ich weiß, dass ich zu dünn bin, und war es immer schon. Mein Stoffwechsel verbrennt Pizza, Schokolade und Fritten mit Mayo postwendend. Was soll ich machen? Mich hat das aber so verunsichert und so genervt, mich ständig rechtfertigen zu müssen, dass ich meinen Psychologen dazu gekriegt habe, das ICD-10-Buch zu zücken und die Symptomliste mit mir durchzugehen. Traf nicht zu und wurde abgehakt. Ende der Diskussion!

In letzter Zeit stelle ich mir häufiger die Frage, warum mir eine genaue Diagnose, die offensichtlich nicht möglich ist, so wichtig erscheint. Eigentlich mag ich das Bild von mir, nirgendwo reinzupassen. Hach, was bin ich doch wild und einzigartig! Natürlich möchte ich wissen und vor allem verstehen, warum es mir so geht. Aber ist die Diagnosenfindung der richtige Weg? Andererseits vermute ich, dass es etwas mit Identitätsfindung zu tun haben könnte und dem Wunsch, irgendwo dazuzugehören. Das scheine ich mit einem zwanghaft anmutenden Kategorisierungsverhalten auf anderen Gebieten kompensieren zu wollen. Mir ist nämlich aufgefallen, dass ich einen außergewöhnlichen Sinn für Ordnung habe. Ich sortiere meine DVDs nach Genre, meine CDs nach Musikrichtung und die Bücher nach Themen. Das ist ja noch nicht so beunruhigend. Aber es macht mich wahnsinnig, wenn ich etwas nicht zuordnen kann. Und es ärgert mich, wenn andere meine Ordnung durcheinander bringen. Als Kind hat es mich schon genervt, wenn unsere Putzfrau mein Bett machte und ich danach meine Kuscheltiere wieder sortieren musste, weil sie alle falsch lagen. Im Badezimmer hat mein Zeug eine ganz bestimmte Reihenfolge, damit ich morgens mit noch geschlossenen Augen treffsicher nach Zahnpasta, Deo und Gesichtscreme greifen kann. Gestern Abend ist mir aufgefallen, dass ich meine Pullover nach Wollgehalt sortiere. Und ich dachte immer, ich sei so ein Freigeist!

Ordnung erleichtert das Leben und gibt Sicherheit. Die Bedürfnisse sind diesbezüglich unterschiedlich. Zuviel davon kann einengen. Aber schon das Zuviel muss jeder für sich selbst festlegen. Wenn es jedoch um Menschen geht, werden die meisten Kategorisierungssysteme diesen einfach nicht gerecht.

Bild: Pixabay

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