Freitag, 25. Oktober 2013

Meine Schuldgefühle machen mir ein schlechtes Gewissen


Das mit dem Abgrenzen ist so ne Sache. Bei Menschen, die mir nahestehen, fällt mir das immer noch schwer. Bzw. es gelingt mir zwar mittlerweile, aber danach quält mich das schlechte Gewissen. Hätte ich doch zusagen sollen, obwohl ich krank bin? Sollte ich mich weiter mit einer Person treffen, mit der ich mich nicht mehr wohl fühle? Aus Pflichtgefühl? Aus Angst, ihm oder ihr weh zu tun? Und wie sagt man sowas? Halte ich die Resonanz aus? Wie stehe ich zu Ablehnung mir selbst gegenüber?

Zurückweisung ist ätzend. Manchmal auch brutal. "Nimm's nicht persönlich!" ist kompletter Quatsch. Denn es ist immer persönlich. Oder warum sage ich einer Person ab und einer anderen zu? Liegt eindeutig an den jeweiligen Menschen und daran, welchen davon ich in meiner heutigen Verfassung aushalte.

Als ich noch Kontakt zu meiner Mutter hatte, musste ich stets vorher nachspüren, wie ich gestimmt war. Der kleinste Funke von Aggression oder Unwohlsein schlug im Gespräch mit meiner Mutter riesige Flammen. Sie wusste halt genau, meine Knöpfe zu drücken. Und die meisten Gesprächsthemen waren ohnehin tabu. Dass mein Mann Moslem ist zum Beispiel. Oder gewisse Freunde. Ach eigentlich egal. Meine Mutter konnte in Nullkommanix alles zur Sau machen. Und mich zur Weißglut treiben. Danach war sie wieder das leidende Opfer mit der schwierigen Tochter. Sie blieb ja immer so schön ruhig. "Was regst du dich so auf?" Ähm, hallo? Du versuchst mir gerade klar zu machen, dass ich mit einem religiösen Abtrünnigen verheiratet bin, was du zutiefst verabscheust, und dass ich naives Küken (O-Ton in einem anderen Kontext, aber stets unterschwellig präsent) in den Händen einer Terrorgruppe bin? Nee, regt mich gar nicht auf!

So ein kleiner Auszug aus unserer vergangenen Beziehung zeigt natürlich nicht den ganzen Sachverhalt. Meine Mutter hat häufiger versucht, einen Keil zwischen mir und meinen Mann zu treiben, so wie sie mir vorher auch gerne diverse Beziehungen und Freundschaften kaputt gemacht hat durch ihre Einmischung. Hinterher war sie dann manchmal plötzlich voll des Lobes über die Person. Aber sie hatte es wieder geschafft, mich ganz für sich zu haben. Denn ich musste mich oft um sie kümmern. Wenn sie krank war oder sich ausheulen wollte. War ich dazu nicht bereit, wurde ich gnadenlos schlecht gemacht, als egoistisch bezeichnet und mit anderen angeblich so tollen Töchtern verglichen. Bekräftigt wurde das Ganze mit Zeugenaussagen. "Der und der hat auch gesagt, dass er das nie von dir gedacht hätte, dass du mich hängen lässt!" Gerne unterstrichen mit einer Aufzählung von dem, was sie nicht alles für mich getan hat. Spätestens dann hatte sie mich wieder. Weil sie meistens auch noch in Tränen ausbrach und mit Schmollschnute und großem verlorenen Kulleraugenblick schluchzte: "Ich brauch dich jetzt! Sei doch nicht so zu mir!"

Selbst jetzt in diesem Moment denke ich: Boah, wie gemein! Meine Mutter hat über ihre Kindheit immer gesagt, sie habe nur gelitten. Genaues weiß ich nicht. Sicher hat sie Gründe für ihr Sosein. Aber ein Kind kann das nicht auffangen! Und es war mein gutes Recht, mich davon zu befreien. Das muss ich mir immer wieder sagen. Ich habe lange genug gezögert. Man bricht nicht einfach so den Kontakt zu den Eltern ab! Noch dazu in so einem kleinen Kaff. Einfach so war das auch nicht. Da ich das aber endlich geschafft habe, warum sollte ich mir die gleiche Scheiße nun woanders holen? Ich kann nicht immer für alle da sein. Auch nicht für die, die ich wirklich sehr gern mag.

Sobald ich spüre, dass jemand an mir zieht, fühle ich mich wie eine Flipperkugel zwischen Schuldgefühl und Abgrenzung. Wenn meine Grenze und mein Wunsch nach Rückzug nicht respektiert werden, z.B. durch penetrante Anrufe und Sorgenbekundungen, weil ich mich nicht melde, ist der Ofen vollends aus. Um wen geht es hier bitte? Macht man sich wirklich Sorgen um mich oder darum, dass ich nicht mehr verfügbar bin?

An dieser Stelle muss ich allerdings anmerken, dass der Ton die Musik macht und der Gesamtkontext eine wichtige Rolle spielt. Nicht jeder, der seine Sorge um mich ausdrückt, geht mir auf den Keks. Das bedeutet ja schließlich, dass man mich mag. Zuviel davon suggeriert mir jedoch das Gefühl, dass man mir allein nichts zutraut. Es ist eine Gratwanderung. Und der Grat liegt im Nebel. Viel Spaß beim Treffen!

Was mein schlechtes Gewissen betrifft, muss ich wohl noch eine Weile damit leben. Es könnte ja auch ein Zeichen dafür sein, dass ich auf mein Bedürfnis gehört und für mich gesorgt habe.

Bild: Pixabay

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