Dienstag, 8. Oktober 2013

Identifikation mit dem Aggressor in alltäglicher Praxis

Vor einem Jahr erzählte ich meiner Therapeutin davon, dass ich ein paar Tage zuvor in meiner heimischen Küche einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte. Ich wollte mir etwas Essbares in den Ofen schieben, der aber so verdreckt war, dass ich ihn zuerst putzen wollte. Dabei fiel mir immer mehr Dreck in der Küche auf. Ich fing an zu spülen, um den Herd und die Arbeitsfläche abwaschen zu können. Ich verzettelte mich völlig, mein Magen knurrte, und dieser blöde Backofen wollte einfach nicht richtig sauber werden. Dazu muss ich kurz erwähnen, dass "sauber" für mich bedeutet "wie gerade erst gekauft". Jedenfalls bekam ich einen Wutanfall, knallte die Küchentür so heftig zu, dass sie aus den Angeln sprang, und brach in Tränen aus, weil ich sie allein nicht wieder einhängen konnte und immer noch Hunger hatte, die Küche aber schlimmer aussah als vor meiner chaotischen Intervention.

"Das nennt man Identifikation mit dem Aggressor", sagte meine Therapeutin. "Aaah...", entgegnete ich, als sei bei mir der Groschen gefallen. Ich überlegte kurz und fragte verwirrt: "Mit dem Backofen?" Meine Therapeutin schloss leicht belustigt die Augen und erklärte: "Nein! Mit deiner Mutter." - "Ach sooooo!" antwortete ich mit verständigem Blick und nickte wie zur Bestätigung. Nach einer kurzen Schweigeminute fragte ich noch verwirrter: "Meine Mutter ist der Backofen?" Meine Therapeutin sank kopfschüttelnd in sich zusammen und erwiderte mit einer wegwerfenden Geste: "Vergiss es...!"

Wenn es um mich selbst geht, stehe ich manchmal ganz schön auf dem Schlauch.

Identifikation mit dem Aggressor meint übrigens einen Abwehrmechanismus, bei dem das Opfer unbewusst Anteile des Täters übernimmt, um der durch ihn erlittenen Ohnmacht zu entfliehen. Das Opfer verhält sich also wie der Täter, wobei die Handlung gegen Mitmenschen oder sich selbst gerichtet sein kann. Oder gegen Backöfen.

Anstatt für mich zu Sorgen und mein Bedürfnis nach Essen zu stillen, bin ich dem inneren Leistungsdruck gefolgt. Eine Küche muss schließlich sauber sein, bevor man sie nutzt. Egal, wie heftig der Magen knurrt. Eine saubere Küche ist wichtiger als ein voller Bauch - und damit ein gut genährter Körper. Lieber total erschöpft und energetisch unterversorgt als ohne Leistung dazustehen. Damit entlarvt sich mein Burn-Out-Muster. Alles von mir verlangen, ohne mir etwas Nährendes zu geben. Mich aussaugen lassen, ohne auf meinen Energiehaushalt zu achten. Andere wichtiger nehmen als mich selbst.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Dare to kommentär!