Samstag, 26. Oktober 2013

Ich hatte eine schöne Kindheit

Das behaupten viele Menschen, die im Erwachsenenalter psychische Probleme haben. Auch ich habe das lange Zeit geglaubt. Wenn ich an meine Kindheit dachte, sah ich mich in der Sonne im Garten spielen (allein), malen oder basteln (allein), Bücher verschlingen (allein), meiner Phantasie freien Lauf lassen (allein)... Natürlich hatte ich auch Freunde, mit denen ich das teilen konnte. Aber ich war ein sehr zurückgezogenes Kind.

Im Laufe meiner psychotherapeutischen Ausbildung ging es immer wieder mal um Biografiearbeit. Wir sollten Kinderfotos mitbringen, ein heißgeliebtes Spielzeug oder unsere erste Kindheitserinnerung schildern. So. Da fing der Mist schon an. Die meisten erzählten von schönen Erfahrungen wie Trost von der Mutter nach dem Hinfallen, ein Familienausflug oder dergleichen. Meine erste Lebenserinnerung - und die habe ich mir von meiner 5 Jahre älteren Schwester bestätigen lassen, weil ich noch keine 3 Jahre alt gewesen bin und eigentlich noch nicht bei Bewusstsein war - handelt von einem Streit zwischen meinen Eltern mit Handgreiflichkeiten, Angst und Schreien. Ich erinnere mich, dass ich mich wie aus einem Traum gerissen fühlte und das Geschehen gleichzeitig mit kindlichem und erwachsenem Bewusstsein verfolgte. Ich weiß gar nicht, ob sowas möglich ist. Aber einerseits verstand ich nicht, was vor sich ging, andererseits kam ich mir total dumm und unzulänglich vor, weil ich nicht eingreifen konnte, also sehr wohl begriff, dass von meinem Vater eine Gefahr für meine Mutter ausging. Wie auch immer - das ist meine erste Kindheitserinnerung. Papa drängt Mama in die Ecke und packt sie am Hals. Nix mit sonnenbeschienenem Dreiradfahren oder Kätzchen streicheln.

Nach und nach wurde mir klar, dass meine Kindheit wohl doch nicht so toll gewesen sein muss. Und dann taten sich auch noch Erinnerungslücken auf. Da muss ich gerade an meine damalige Schulkameradin denken, die total begeistert von einer Party erzählte. "So ein geiler Abend!" - "Was ging denn ab?" - "Keine Ahnung. Ich war total besoffen. Aber wir hatten so einen Spaß!" - "Ähm, woher willst du das wissen, wenn du dich gar nicht erinnern kannst?" Interessante Frage meinerseits! Mittlerweile kommen immer mehr Szenen bruchstückhaft in mein Gedächtnis zurück. Und die haben wenig zu tun mit einer (wie ich bisher immer dachte) liebevollen Mutter, die ihre Kinder kreativ fördert und beschützt.

Lustigerweise habe ich gerade den Faden verloren. Wenn meine Therapeutin mir gezielt Fragen zu meiner Kindheit stellt, z.B. wie hast du dich da und da gefühlt, legt sich ein Schleier über mein Bewusstsein, meine Gedanken gehen im Nirvana spazieren, ich werde müde und verstehe meine Therapeutin inhaltlich nicht mehr. Es fällt mir dann auch total schwer, ihr weiter zuzuhören, und ich muss mich richtig konzentrieren. So ähnlich geht es mir gerade.

Ich denke, das reicht auch erstmal. Abschließend ein Bild, das ich letztes Jahr spontan zum Thema "meine Kindheit" gemalt habe.


Um es mit Bruce Darnells Worten zu sagen: Das is de Wahrheit! Links meine Mutter, rechts mein Vater. Hinterher war ich selber ziemlich erschrocken und fing gleich wieder an, alles zu relativieren. Jaaa, natürlich gab es auch viele schöne Momente. Die meisten davon habe ich mir aber selbst geschaffen. Wobei ich dazu sagen muss, dass ich die Kreativität definitiv von beiden Eltern geerbt habe. Ich glaube, dass dies auch für sie eine Form der Selbstheilung war.

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