Dienstag, 8. Oktober 2013

Die Last des eigenen Potenzials

Ich schaue mir sehr gerne Filme an und mag mich da auch gar nicht auf ein Genre festlegen. Die Kritiken kann ich meist nicht nachvollziehen - egal, in welche Richtung diese gehen. Ich zitiere oft aus Filmen, die meiner Meinung nach die eine oder andere Lebensweisheit zu bieten haben, und sei sie noch so banal. Wenn man Augen und Ohren offen hält, kann man überall Weisheiten finden. Sogar in einer Daily-Soap. Lange Rede - kurzer Sinn: der Film "Center Stage" hat mir nicht besonders gefallen. Keine Ahnung, wie ich überhaupt auf die Idee kam, mir den anzusehen. Jedenfalls gibt es in der Handlung eine Nebenfigur - eine junge Ballerina - die sich selbst aufgibt und überfordert, um die Beste zu sein, und damit ihre Mutter durch sie ihren Traum verwirklichen kann. Das Mädel wird zur Topfavoritin für die Lehrer und zur verhassten Konkurrentin für ihre Mitstreiter, erkrankt aber an Bulimie und bricht schlussendlich zusammen. Der kitschige Hollywoodteil ist nun, dass die Mutter ihren Fehler einsieht und ihrer Tochter ziemlich schnell und uneingeschränkt erlaubt, ihr eigenes Leben zu führen. Alle lächeln und sind glücklich. Egal. Was die Ballerina in diesem Moment sagte, blieb mir im Kopf hängen: "Nur weil ich etwas gut kann, heißt das nicht automatisch, dass ich es auch tun muss."

Dieser Satz beschäftigt mich deshalb so nachhaltig, weil mir oft gesagt wurde, ich sei doch eine so gute Sozialarbeiterin. Und meine Therapeutin ist davon überzeugt, dass ich selbst therapeutisch arbeiten sollte. Ich bin mir aber nicht mehr sicher, ob das alles eine gute Idee ist. Ich kann mich nicht erinneren, warum ich mich damals für Sozialarbeit entschieden habe. Das hat niemand von mir verlangt. Dennoch glaube ich mittlerweile, dass diese Entscheidung fremdbestimmt war. Ich weiß mit Sicherheit, dass ich vor meinem Abitur NIE einen sozialen Beruf ergreifen wollte, weil ich das total furchtbar fand. Eigentlich wollte ich Germanistik studieren und Schriftstelllerin werden. Mir fehlte aber das kleine Latinum, was ich mir nicht zutraute, weil ich Latein bereits mit 12 Jahren aufgrund mangelnden Talents abgewählt hatte. Ausschlaggebend für meine Meinungsänderung war jedoch dieser legendäre Besuch beim BIZ mit meinen Eltern. Die Dame, die mich beraten sollte, sprach mehr mit meinen Eltern als mit mir und las ihnen einen Artikel vor, der mir zeigen sollte, dass sich mit Germanistik nicht viel anfangen lässt. Oder so in der Art. Ich konnte nämlich nicht wirklich zuhören, weil mein Vater mich keine 10 Minuten vorher derart sinnlos zusammengefaltet hatte, dass ich komplett neben mir stand und mit den Tränen kämpfte. Der Mann war einfach nur überfordert mit der Situation "meine Tochter hat Abitur aber keinen konkreten Plan". Irgendwie habe ich dann einfach auf das zurückgegriffen, was ich am besten konnte, und meine Familienrolle professionalisiert. Ich dachte, das würde zu meiner eigenen Persönlichkeit gehören. Stattdessen hat diese Tätigkeit mich immer weiter von mir entfernt und mich krank gemacht. Ja, ich bin gut darin, mich um andere zu kümmern und Verantwortungen  zu übernehmen, die nicht meine sind. Aber es schadet mir. Zu allem Überfluss habe ich dem Ganzen noch mit der therapeutischen Ausbildung die Krone aufgesetzt.

Ich bin jetzt 35, habe einen Bachelor und eine Zusatzausbildung in der Tasche und die Erkenntnis, dass ich in meinem Fach zwar kompetent bin, diese Fähigkeiten aber aus einer Not entstanden sind und deren Ausübung mich nicht erfüllen, sondern an ein psychisches Hamsterrad ketten. Und nu?

"Sie haben doch sicher noch andere Talente!" Ja, Moment... Ich kann innerhalb weniger Sekunden fast jedes Lied im Radio erkennen und nicht nur den Titel, sondern auch den Interpreten nennen. Kann man damit Geld verdienen? Nicht? Schade...

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