Donnerstag, 3. Oktober 2013

Depressive in der Spaß- und Leistungsgesellschaft


Im Anschluss an den vorangehenden Post ist mir noch ein dritter Grund eingefallen, der mich zum Überspielen meiner Befindlichkeit motiviert. Ich habe bereits angedeutet, dass Depressive in der Gesellschaft einen schweren Stand haben. Als ich in meiner ersten akuten Episode steckte, sagten meine damaligen "Freunde" zu mir: "Wenn du schlecht gelaunt bist, bleib zu Haus!" Kleine Bemerkung am Rande: von diesen Personen gehört keiner mehr zu meinem Dunstkreis.

Menschen wollen Spaß haben, fröhlich sein und unterhalten werden. Ihren Wert messen sie an ihrer Leistung. Da fallen Depressive aus dem Rahmen. Um nicht komplett auf Seite zu stehen, bemüht man sich also, das alles irgendwie vorzutäuschen.

Meine Mutter erzählte mir einmal von einem Mann in meiner Heimat, der auf einer Party die gesamte Gesellschaft bei Laune hielt und anschließend nach Hause fuhr, um sich dort in aller Einsamkeit und Verzweiflung das Leben zu nehmen. Was für eine tragische Geschichte! Tragisch, weil alle schockiert waren, da niemand seine Not gesehen hatte. Tragisch, weil dieser Mann seine Not niemandem gezeigt hatte. Soviel zum Thema "Fassade" und "Sie wirken gerade nicht depressiv auf mich".

Ich will nicht als Jammerlappen und Spaßbremse dastehen. Und ich will nicht, dass man mich für mürrisch hält oder meine Stimmung gar persönlich nimmt. Also bin ich gezwungen, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Die Alternative lautet, zu Hause bleiben. Das wird auf Dauer aber langweilig und regt außerdem genauso zu Spekulationen an. "Warum kommt sie nicht mehr? Haben wir ihr etwas getan? Ist sie krank?" Oder vor Kurzem erst geschehen, die in meinen Augen urkomische Frage an meinen Mann: "Habt ihr Probleme? Trennt ihr euch?" Der arme Kerl zieht sich dann immer irgendwas aus der Nase. "Hm, nee, die hat nur Kopfschmerzen." Pfff...

Manchmal bin ich von mir selbst überrascht, wie witzig ich sein kann, obwohl mir eben noch zum Heulen war. Humor ist halt, wenn man trotzdem lacht. Meine Wutanfälle auf der Arbeit müssen besonders unterhaltsam gewesen sein. Meine Kolleginnen haben sich jedenfalls immer weggeschmissen vor Lachen. Und mir beigepflichtet. Außerdem habe ich ein herausragendes Talent zur Parodie: Vorgesetzte, Kollegen oder Klienten - keiner war vor mir sicher. Mann, was hatten wir für einen Spaß in unserem Elend! Der größte Clown aus der Truppe sitzt jetzt psychisch erschöpft zu Hause und schreibt gerade diesen Post.

Das Thema Leistung betrifft mich in ganz besonderem Maße. Eben erst haben meine Therapeutin und ich festgestellt, dass ich eine hartnäckige Antihaltung gegen Arbeit entwickelt habe. Abgesehen vom Geld, das der Mensch nun einmal braucht, sehe ich absolut nicht mehr ein, wozu die Plackerei gut sein soll. Andererseits wünsche ich mir wirklich von Herzen, arbeiten zu wollen und beruflich meinen eigenen Weg zu finden. Im Moment ist es aber (immer noch) so, dass ich NICHT arbeite.

Die Frage nach dem Beruf wird sehr häufig gestellt. Beim Kennenlernen, beim Wiedersehen nach einigen Monaten oder Jahren... Meine derzeitige Antwort: Nix. Nix? Verunsichertes Lachen. Verständnisloser Blick. Dann die Frage, die ich mittlerweile so sehr hasse, weil ich sie echt nicht verstehe: Was machst du denn den ganzen Tag? Ääähm, Pornos schauen, in der Nase popeln und der Katze am Schwanz ziehen. Offensichtlich wüsste kaum ein Mensch etwas mit sich und seiner Zeit anzufangen, wenn er nicht arbeiten würde. Ist der Beruf am Ende doch nur Beschäftigungstherapie? Nein, natürlich sehe ich ein, dass der Mensch eine Aufgabe braucht, die seinem Leben einen Sinn gibt. Im allgemeinen Verständnis handelt es sich dabei um bezahlte Arbeit. Es ist sicher schön, finanziell unabhängig zu sein (ich erinnere mich dunkel), stolz auf etwas Geschafftes und Erschaffenes sein zu können (daran kann ich mich leider nicht erinnern) und am Ende des Tages zufrieden mit sich ins Bett zu gehen. Ich empfinde dies alles in Bezug auf Arbeit gerade überhaupt nicht. Echt schade! Aber what da f*°^*ck soll das heißen "was machst du denn den ganzen Tag"??? Neuerdings beginne ich den Tag mit Yoga, um meinen Körper zu spüren, nachdem die ganze Nacht mein Kopf am Werk war. Dann frühstücke ich in aller Ruhe, begebe mich ins Bad, ziehe mich an, mache irgendwas im Haushalt, fahre einkaufen, chille zwischendurch, erwarte zwischen 15 und 16 Uhr meinen Mann, um anschließend zum Stall zu fahren. Danach wird gekocht, gegessen und ferngesehen. Okay, an manchen Tage stehe ich zu spät auf, laufe der Zeit hinterher, öffne gefühlte 100 Mal der Katze die Tür und lege mich nachmittags nochmal hin, weil ich nachts zu wenig geschlafen habe. Einmal die Woche treffe ich mich mit Freunden. Wenn ich total bekloppt bin, gehe ich allein spazieren. Manchmal lese ich ein Buch, vielleicht male ich nochmal ein Bild, aber garantiert schreibe ich einen neuen Post in meinem Blog. Es kommt äußerst selten vor, dass mir ein Tag zu lang wird. Als ich noch gearbeitet habe, stand ich morgens unmotiviert auf, hangelte mich verärgert durch den Tag, kam erschöpft und frustriert nach Hause, erledigte gehetzt den übrigen Kram und ging mit ratternder Birne ins Bett. Nee, echt total sinnvoll son leistungsorientiertes Leben!

"Nix" ist natürlich auch keine besonders schlaue Antwort. Ich orientiere mich gerade um. Wohin weiß ich noch nicht. Oft kommen dann total tolle Vorschläge. Da hilft nur nicken, lächeln und auf Durchzug schalten.

Bild: Pixabay

1 Kommentar:

  1. Schön geschriebener (mutiger) Eintrag in dem ich mich viel wiederfinde. Ich bin an einer vergleichbaren Stelle (Neuerfindung) und weiß auch noch nicht so recht wie's werden kann oder "soll". Dafür weiß ich umso besser was ich beim besten Willen nicht mehr gebacken bekomme. (Leistung / Funktionalität) Der Rahmen steht und der Rest ist ein großes Loch. Was die Frage aufwirft, womit man es füllen kann. (Ehrenamtliches) Engagement, Kreativität ausleben, welche pers. Gestaltungsmöglichkeiten gibt es da überhaupt.. laute/r Fragen, die im Kopf umherschwirren und beantwortet werden wollen und hoffentlich auf eine positive Weise beantwortet werden können.

    Gruß, Patricia

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