Montag, 14. Oktober 2013

Bin ich ein Simulant?


Neulich habe ich von einem Arbeitskollegen meines Mannes gehört, er habe sich 6 Wochen wegen Depressionen krankschreiben lassen. Auf meiner ehemaligen Arbeitsstelle gab es mal jemanden, der wegen Burn Out 3 Tage zu Hause geblieben ist. Was haben diese Menschen genommen, dass sie so schnell wieder fit wurden? Das hätte ich dann bitte auch gerne! Sicher waren sie erschöpft. Und ich finde es auch völlig in Ordnung, dass sie vorzeitig die Notbremse gezogen haben, statt ihre Symptome zu ignorieren.

Aber wenn ich höre, wie schnell von Burn Out oder Depressionen gesprochen wird, kann ich mich nicht entscheiden, ob ich mich vor Lachen wegschmeißen oder aufregen soll. Wenn jemand nach so kurzer Regenerationszeit wieder auf der Matte steht, wie soll ich es dann rechtfertigen, dass ich mich nach 2 Jahren immer noch nicht arbeitsfähig fühle? Ein derart unbedachter Umgang mit diesen Begriffen führt meiner Meinung nach zu einer Verharmlosung von ernsthaften Krankheiten. Ein Grund dafür mag wohl mangelnde Kenntnis auf diesem Gebiet sein.

Was mich daran besonders ärgert, ist, dass diejenigen, die wirklich leiden, nicht mehr ernst genommen werden. Da wird man dann als faul oder übersensibel abgestempelt.
Mein erster Psychiater, von dem man ja nun meinen sollte, er sei ein Fachmann, riet mir, ich solle 3 Wochen ans Meer fahren zur Erholung, statt in die Reha-Klinik zu gehen. Super Idee, so ganz allein mit meiner Kopfkirmes! Dafür, dass ich dann nach 7 Wochen Klinikaufenthalt nicht wieder völlig hergestellt war, hatte er auch kein Verständnis. Ich solle mir doch einfach Arbeit suchen. Sorry, dass sich 23 Jahre Leben in psychiatrischen Verhältnissen, wie meine Therapeutin es beschreibt, plus 10 Jahre energieraubender Berufstätigkeit nicht mal eben innerhalb von 7 Wochen komplett heilen lassen! Ich gebe zu, dass ich mir das Ergebnis auch anders vorgestellt hatte. Aber so ist es nun mal. Ich hatte das Gefühl, dass der Mann mich für eine Simulantin hielt, die sich eine weitere Krankschreibung erschleichen wollte.

Solche Erlebnisse setzen mein autoaggressives Muster in Gang. Ich beginne dann, selbst an der Ernsthaftigkeit meines Zustands zu zweifeln, schimpfe mich einen Versager und ermahne mich dazu, mich doch mal endlich zusammenzureißen. Vielleicht provoziere ich auch solche Reaktionen auf mich, weil ich meiner Wahrnehmung immer noch nicht traue. Oft denke ich, dass ich mich da in etwas reingesteigert habe und übertreibe. Was ist mir denn schon Schlimmes widerfahren? Das sind die Momente, in denen meine Stabilität kippt. Regelmäßig tappe ich in die Rechtfertigungsfalle. Aber wen will ich eigentlich überzeugen? Die anderen oder mich?

Jedesmal, wenn ich von der Krankenkasse vorgeladen werde, drehe ich am Rad, weil auch die Vertrauensärztin nicht so richtig zu verstehen scheint, was es heißt, depressiv zu sein. Ich soll bitte Berichte einreichen (ohne Aufforderung aus Eigeninitiative) und mich um eine berufliche Neuorientierung bemühen. Dafür brauche ich aber den nötigen Antrieb. Außerdem bedeutet das ganz viel Kontakt zu fremden Menschen. Ich sei als Studierte doch intelligent genug, mir selbst Gedanken darüber zu machen, was es für Möglichkeiten gibt und was mir liegt. Immer wieder muss ich ihr erklären, dass genau da der Hund begraben liegt. Alle Intelligenz nützt mir nichts, wenn ich mich depressiv zurückziehe und Angst vor der Zukunft habe. Nicht zu vergessen der mich blockierende Widerstand gegen die Arbeitswelt. Ich fühle mich dann getrieben, das alles wegpacken und überwinden zu müssen. Das ist aber genau das, was ich all die Jahre gemacht habe. Hat nicht funktioniert.

Jeder ist von Zeit zu Zeit niedergeschlagen. Dafür ist er noch lange nicht depressiv. Und Burn Out ist keine Mode, die jeder mal mitmacht. Diese Diagnosen wie Kamelle um sich zu schmeißen, lässt tatsächlich Erkrankte wie Lachnummern dastehen. Mein Lieblingskomiker Johann König hat ein Lied über Burn Out geschrieben. Wahrscheinlich bekam er deswegen Kritik. Auf Facebook stellte er nämlich klar, dass dies eine ernsthafte Krankheit sei, über die er sich keines Falls lustig machen wolle. Also, ich hab gelacht. Weil er meiner Meinung nach eben genau diese gedankenlose und aus mangelnder Kenntnis entstandene Verallgemeinerung durch den Kakao zieht.

Whatever. Put your hands in the air and shake your ass to the burn out song!

Bild: Pixabay


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