Freitag, 27. September 2013

Geh mir weg mit deiner Lösung! Sie wär der Tod für mein Problem!


So singt es Annett Louisan.

Tatsächlich ertappe ich mich regelmäßig dabei, wie ich zu jeder vorgeschlagenen Lösung ein Aber erfinde. Als wolle ich deutlich machen, dass mein Problem wirklich und absolut unlösbar und damit ganz schlimm sei. Ich denke, dem liegen drei Phänomene zugrunde.

Erstens:
Wenn ich von einem Problem erzähle, das mich sehr belastet, möchte ich in erster Linie, dass mein Gegenüber mir zuhört - nicht nur mit den Ohren, sondern auch und vor allem mit dem Herzen. Ich möchte verstanden und ernst genommen werden in meiner Not. Möchte ich auch getröstet werden? Hm, das mit dem Trost ist so ne Sache. Eine äußerst heikle Angelegenheit. Ich glaube, das, was im Allgemeinen unter Trost verstanden wird, würde mich ärgern. Alles, was mein Leid mal eben schmälern soll, ist total fehl am Platz. Für mich bedeutet Trost z.B. ein betroffener Blick. Dann weiß ich nämlich, dass meine Botschaft angekommen ist. Wahrer Trost ist, gesehen und gehört zu werden.

Zweitens:
Lösungsvorschläge überfordern mich oft. Ich habe gerade erst mein Problem formuliert, bin mir dessen bewusst geworden, indem ich nach den passenden Wörtern und Beschreibungen gesucht habe, um es angemessen und verständlich darstellen zu können. Meistens bediene ich mich bildhaften Vergleichen, damit mein Gegenüber die gesamte Tragweite meines Leids begreift und im besten Falle nachempfinden kann. Das kostet Kraft! Ich habe mir verdammt nochmal viel Mühe damit gegeben! Kann man das bitte erstmal so stehen lassen und in seiner ganzen Schönheit würdigen? Muss man es gleich mit einem abgeschmackten Lösungsansatz zerstören? Ich bin noch dabei, zu fühlen (auch wenn ich diese Gefühle nicht benennen kann) und zu fassen, was mich quält. Da kann ich mich doch nicht sofort einer möglichen Lösung widmen! Ich tunke die Fritten meines Hauptgerichts doch auch nicht in den Pudding für den Dessert!

Drittens:
Nach ausgiebigem Zuhören, Verstehen und Würdigen könnte in der Tat der Moment für Lösungen folgen. Hierbei ist allerdings zu beachten, ob die dafür nötige Bereitschaft beim Leidenden vorliegt. Da hat man sich mal schnell vertan!
Ich frage mich hin und wieder, ob ich meine Probleme überhaupt lösen will oder ob ich sie festhalte. Wie liebgewonnene Kuscheltiere. Sie haben bereits Fell eingebüßt, Körperteile verloren und stinken, weil sie nie gewaschen wurden. Aber sie sind alles, was ich habe und was ich kenne. Wenn ich sie loslasse, was bekomme ich an ihrer Statt? Wer bin ich ohne sie? Ich habe sie nun so lange mit mir herumgeschleppt, dass ich mich mit ihnen identifiziere. Und dann kommt jemand daher und will sie mir mal eben aus der Hand reißen...! Natürlich werde ich da böse! Es scheint mir so, als müsse ein Teil von mir sterben, damit ich mich vorwärts bewegen kann. Oder muss ich diesen Teil sogar selbst töten? Oder es zulassen, dass andere dies tun? Das klingt jetzt sehr dramatisch, aber so fühlt es sich für mich an. Die Außenwelt versucht mir klar zu machen, dass etwas Besseres und Positives auf mich wartet. Aber ich kann das nicht so ohne weiteres glauben. Zu oft habe ich erlebt, dass ein Neuanfang nach hinten losging. Gleichzeitig bin ich mit der aktuellen Situation unzufrieden und wünsche mir sehr wohl eine Veränderung.

Mitmenschen verstehen diese Ambivalenz und das Feststecken im Leid meist als Unwille und Bequemlichkeit. "Du willst doch nur jammern!" Ja, manchmal ist das tatsächlich so. Es muss auch Zeiten des Jammerns geben. Aber das kleine Wörtchen "nur" ist so nicht ganz richtig. Ich will nicht "nur" jammern! Aber Veränderungen brauchen Kraft. Eine Kraft, die ich noch nicht habe. Ob ich mich fürchte? Auf jeden Fall! Diese Angst zu überwinden, braucht ebenso Kraft. Vielleicht sogar noch mehr. Ich hoffe, dass ich meiner "Probleme" eines Tages derart überdrüssig werde, dass mich die Angst vor dem Loslassen, vor Veränderung und Neuem nicht mehr zurückhält. Den Vorgang des Lösens kann nur ich allein bewältigen. Das Einzige, was meine Mitmenschen tun können, ist, mich in diesem Prozess behutsam zu begleiten. Und solange ich selbst noch keine Lösung habe, bewundere ich mein Problem.

Bild: Pixabay

Kommentare:

  1. DANKE! Dieser Text hat mir neulich geholfen beim Vor-Lesen für eine, die mir schon wieder mit -zig Lösungen kam, statt erst mal bei mir zu sitzen und mit mir zu schauen, dass ich ein ... e Herausforderung ... in meinem Leben identifiziert habe.

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