Samstag, 30. Dezember 2017

Emotionale Explosion bei Überforderung - der Meltdown


Dieses Thema ist mir sehr unangenehm, denn es geht um eine meiner dunkelsten Schattenseiten. Von Zeit zu Zeit bekomme ich furchtbare Wutausbrüche, für die ich mich hinterher sehr schäme. Einerseits weil das für mein Umfeld sehr belastend und erschreckend ist, andererseits weil ich damit meinen Anspruch an mich, immer gelassen und souverän zu sein, nicht erfülle. Außerdem weiß ich in einem solchen Moment, dass mein Verhalten absolut nicht im Verhältnis zur Situation steht. Es wirkt nach außen hin völlig übertrieben, cholerisch oder hysterisch und verrückt. Ein voll und ganz ablehnenswertes Verhalten, das mich als Mensch hässlich und nicht liebenswert macht.

Schon als Kind habe ich bei solchen Ausrastern meinen Kopf auf den Boden geschlagen, Dinge durch die Gegend geworfen oder kaputt gemacht. Meine Familie hatte dafür kein Verständnis. Ich wurde ausgeschimpft und einige Zeit gemieden. Das war sehr schlimm für mich, denn es verstärkte die Scham und den inneren Emotionsstau. Ich versuchte, es zu kontrollieren, was mir zwar manchmal gelang, doch richtete die Wut sich dann nur noch mehr gegen mich selbst. Statt Gegenstände zu zerstören, tat ich mir selber weh. Das wurde natürlich auch nicht gern gesehen. Doch irgendwo musste diese unbändige Wut ja hin. Leider habe ich nicht gelernt, wie ich sie anders kanalisieren könnte. Was mich immer mehr verzweifeln ließ, war die Frage, warum ich überhaupt so heftig auf Kleinigkeiten reagiere. Und warum ich das nicht lassen konnte.

Meistens passiert es dann, wenn mir etwas nicht gelingt. Wenn ich also meinen Leistungsanspruch nicht erfülle. Trotzdem gibt es Momente, in denen ich darauf völlig gelassen reagieren kann. Es muss also noch etwas anderes sein, obwohl dieses Gefühl des Versagens und der drohenden Ablehnung dadurch schon sehr präsent ist. Ich bin mir nicht sicher, woran das liegt. Ich habe nur eine vage Vermutung. Doch abgesehen davon, muss es noch weitere Auslöser geben. Die Wutausbrüche treten nämlich auch in anderen Situationen auf. Zum Beispiel nach einer langen Reise (10 Stunden Autofahrt), bei sehr viel Menschenkontakt über einen langen Zeitraum, oder wenn mehrere Dinge gleichzeitig auf mich einstürmen (Telefon klingelt, es klopft an der Tür, jemand stellt mir eine Frage).

Als ich in den letzten Tagen aus aktuellem Anlass darüber nachgedacht und mir die betreffenden Situationen noch einmal vor Augen geführt habe, fielen mir weitere Auslöser auf. Zeitdruck und Hunger sind eine ganz tödliche Mischung für mich. Eigentlich reicht schon Hunger alleine. Überhaupt ist mir klar geworden, dass ich in solchen Momenten körperliche Bedürfnisse zu Gunsten irgend einer Pflicht oder Leistungsanforderung ignoriere. Und wenn mir dann auch noch nicht gelingt, was ich da tue, macht es innerlich Peng. Durch das Unterdrücken meiner körperlichen Bedürfnisse werde ich ungeduldig und unkonzentriert, so dass ein Misslingen im Grunde vorprogrammiert ist. Eine erste Schlussfolgerung lautet also: Köperliche Bedürfnisse first! Dazu gehören auch Ruhephasen für meinen Kopf oder schmerzenden Rücken. Das einzige, was ich dann "nur" noch lernen muss, ist, es auszuhalten, wenn Aufgaben halb fertig liegen bleiben und zu einem späteren Zeitpunkt beendet werden. Ich weiß auch nicht, warum mich das so beunruhigt. Immer meine ich, alles in einem Rutsch fertig machen zu müssen, bis ich vor Erschöpfung zusammenbreche. Der Magen knurrt, die Blase drückt - egal, zuerst muss ich dies oder jenes erledigen. Totaler Quatsch!

Natürlich fällt mir auf, dass ich schneller gestresst bin als andere Menschen. Das allein ärgert mich schon sehr. Dass ich nicht so belastbar bin, wie ich gerne wäre. Wie all die anderen. Ich erinnere mich, wie mir Kolleginnen sagten, sie hätten den ganzen Tag noch nichts gegessen oder wären noch nicht einmal auf Toilette gewesen, weil sie einen Termin nach dem anderen hatten. Ich solle mich also nicht so anstellen, wenn meine Mittagspause aufgrund einer Verspätung ausfallen würde. Ging es meinen Kolleginnen gut damit? Auf keinen Fall! Magengeschwüre, Rückenprobleme und andere Beschwerden wurden jedoch mit harten Medikamenten unterdrückt, um genauso weitermachen zu können. Und dann kommt so ein Hippie wie ich daher und besteht auf seine Mittagspause. Dennoch weiß ich, dass ich heftiger auf Stress reagiere und die Grenze bei mir schneller erreicht ist. Ich kriege das schon mit, dass ich anders bin.

Hochsensible Menschen kennen das als Overload. Zu viele Reize auf einmal lassen die inneren Sicherungen rausfliegen. Schmerz und Hunger habe ich bisher nie als Reize angesehen, doch sie gehören definitiv dazu. Ebenso wie anhaltender Lärm im Hintergrund (heute wieder sehr schön die Motorsäge gegenüber), Hitze oder Kälte, Stimmungen anderer Menschen, Informationsflut, eine fremde Umgebung und sicher noch vieles mehr. Je nach Tagesform bin ich empfindlicher oder resistenter, aber ich werde immer sensibler als die meisten Menschen sein.

Zu diesen Ausbrüchen kann aber auch emotionale Überforderung führen, wie Angst... äh, ja, also hauptsächlich Angst. Die liegt irgendwie allem zugrunde. Auch wenn ich vorrangig so etwas wie Frustration oder ähnliches empfinde, ist das primäre Gefühl Angst, die sich in Wut äußert. Betrifft die Frustration nicht meine Existenz, und sind alle meine körperlichen Bedürfnisse gestillt, kann ich sie problemlos wegstecken.

Beim Thema Autismus stieß ich auf den Begriff "Meltdown" und erkannte darin meine Wutausbrüche. Tatsächlich frage ich mich häufig, ob ich vielleicht Autistin sein könnte, doch es spricht zu viel dagegen, obwohl ich eigentlich auch nicht viel Ahnung davon habe. Ich kann erschreckend vieles nachvollziehen von dem, was Autisten zum Beispiel auf Twitter schreiben. Aber einiges eben auch nicht. Hochsensibilität soll sich in seinen "Symptomen" (zwischen Anführungszeichen, weil es ja keine Diagnose ist) mit Autismus überschneiden. Oder mit ADHS. Wahrscheinlich gibt es auch eine Mischung von allem. Aber im Erscheinungsbild von ADHS finde ich mich überhaupt nicht wieder. Ich bin auch nicht unbedingt scharf auf eine weitere Diagnose. Mein Psychiater glaubt nicht, dass Autismus bei mir vorliegt. Und so ein Meltdown kann eben auch Menschen mit Hochsensibilität oder psychischer Erkrankung heimsuchen. Abgesehen von der Depression / Dysthymie habe ich einige Symptome, die sich nicht eindeutig zuordnen lassen. Für PTBS erfülle ich nicht alle Kriterien. Es fehlen vor allem die Flashbacks. Eine Anpassungsstörung könnte eher zu mir passen. Panikattacken habe ich keine, obwohl mir bei großen Menschenansammlungen (Weihnachtsmarkt vor kurzem) gerne schlecht wird inklusive Schweißausbruch. Ansonsten habe ich eher diffuse, unterschwellige Ängste, aber eben auch keine richtige Angststörung. Von vielem ein bisschen und nichts so richtig.

Letzten Endes ist es ja auch egal. Fakt ist, dass ich schnell überreizt bin (tagesformabhängig), und ein Overload zu einem Meltdown führen kann, wenn ich nicht rechtzeitig Reize reduziere oder den Wutausbruch anders kanalisiere. Es gilt also, die Auslöser zu erkennen und zu beseitigen, soweit das möglich ist, und eine andere (angenehmere) Art des Druckabbaus zu finden und zu installieren.

Bild: Pixabay

Freitag, 22. Dezember 2017

Mein merkwürdiges Verständnis von Leistung


Einer meiner tiefsitzenden und störendsten Glaubenssätze betrifft das Thema Leistung. Es ist wohl mehr ein verschwurbelter Komplex an Glaubenssätzen, die ineinandergreifen und sich gegenseitig bekräftigen. Das Resultat ist die vollständige Lahmlegung meiner aktiven und kreativen Impulse. Das bedeutet aber nicht, dass ich mich entspannt zurücklehne und denke: Mach ich halt nix. Innerlich kommt es zu einer zerreissenden Spannung zwischen "Ich will" und "Hat eh keinen Zweck" bzw. "Ich könnte so viel, wenn ich die Kraft dazu hätte" und "Ich bin ein fauler Versager, der nie was auf die Reihe kriegt". Nach außen hin bin ich also passiv und kraftlos, während in meinem Inneren der dritte Weltkrieg tobt. Und wie das bei allen Kriegen so ist, gibt es am Ende nur Verlierer, und alles ist kaputt.

Mein merkwürdiges Verständnis von Leistung beinhaltet folgendes: Arbeit darf keinen Spaß machen. Denn es heißt ja "Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen". Leistung muss also anstrengend und ätzend sein. Daraus folgt, dass ich nichts leiste, wenn mir etwas Spaß macht. Spaß gehört in die Freizeit, und die soll im Verhältnis zur Arbeitszeit deutlich geringer ausfallen. Genau genommen muss ich 8 Stunden am Tag etwas machen, das ich total ätzend finde. Dann habe ich gearbeitet. Doch bevor ich das dann Leistung nennen darf, muss das Ganze noch benotet oder bezahlt werden. Sonst zählt es nicht. Und bevor ich nicht meine lästigen Pflichten erfüllt habe, darf ich keinen Spaß haben. Unterm Strich alles sehr freudlos.

Jetzt könnte man ja sagen: Gut, gehst du halt einer bezahlten Arbeit nach, dann erfüllt sich dein Leistungsempfinden, und du bist zufrieden. Abgesehen von der Freudlosigkeit, die ganz sicher nicht glücklich und zufrieden machen kann, wirken aber noch die anderen Glaubenssätze in diesem Komplex: Meine Leistungen sind bestenfalls langweiliges Mittelmaß und interessieren keinen. Ich habe keine besonderen Talente. Andere sind in allem tausend mal besser als ich. Meine Ideen sind unrealistischer Quatsch. Ich bin ein naiver Träumer. "Du kannst / schaffst das doch nicht." Es reicht nie, was ich mache. Es wird immer mehr von mir erwartet. Ich darf keine Erfolge feiern bzw. "mich auf ihnen ausruhen", sondern muss sofort das nächste Projekt angehen. Wenn ich etwas nach meinen eigenen Ideen mache, statt nach den Vorgaben anderer, werden sie mich in der Luft zerreissen.

Das alles führt dazu, dass ich meine Erfolge nicht erkenne und sich deshalb kein Gefühl von Stolz und Zufriedenheit einstellt. Lob und Anerkennung erscheinen mir suspekt. Ich bin nie sicher, ob ich das glauben darf. Das ist vielleicht nur nett daher gesagt oder hat die Absicht, mehr Leistung von mir zu fordern. Meine Kreativität ist nicht erwünscht, also unterdrücke ich sie. Ich halte mich an die Vorgaben, obwohl ich nicht dahinterstehen kann oder mich damit total langweile. Meine eigene Sicht der Dinge scheint falsch / gefährlich zu sein. Das führt zu einer tiefen Verunsicherung. Gleichzeitig soll ich aber auf den Punkt abliefern und alle Erwartungen (auch die gegensätzlichen) erfüllen. Ich vergleiche mich ständig mit anderen und komme dabei natürlich schlechter weg. Meine Ideen werden im Keim erstickt, weil ich sie für dumm halte. Meine ganze Energie wird den Abfluss runtergespült. Ich hüpfe wie Rumpelstilzchen auf der Startlinie herum und reiße mich an meinen eigenen Beinen entzwei.

Wenn ich es doch mal schaffe, etwas zu kreieren, kommen sofort Gedanken wie: Naja, so toll ist das jetzt nicht. Andere können das besser. Ich bekomme bestimmt schlechte Kritik, falls es überhaupt jemandem auffällt. Ganz schlimm ist die Angst vor Zerstörung, dass mich jemand anschreit, verleumdet oder bedroht. Diese Angst kommt leider nicht von ungefähr. Lächerlich gemacht zu werden, ist ebenso eine tiefe Befürchtung. Oft habe ich das Gefühl, dass man nahezu mein Scheitern erwartet. Und ich sehe sie alle vor mir, wie sie den Kopf schütteln und sich verächtlich grinsend von mir abwenden.

Eine weitere Wirkung dieses Glaubenssatzkomplexes ist, dass ich ein schlechtes Gewissen bekomme, wenn ich etwas tue, das mir Spaß macht. Denn dann arbeite ich ja gerade nicht und liefere keine Leistung ab. Kurz: Ich trage nichts Brauchbares zur Allgemeinheit bei und bin damit überflüssig oder störend.

Puh. Jetzt muss ich mal kurz tief durchatmen. Kein Wunder, dass ich depressiv geworden bin. Die Aussicht auf ein Leben, in dem ich mich abstrample, um auf die Mütze zu kriegen oder gar nicht beachtet zu werden, in dem ich hauptsächlich Dinge tun muss, die ich total scheiße finde, ein Leben ohne jegliches Erfolgsempfinden, ein Fass ohne Boden, ein Schattendasein ohne Sinn... nein, das ist nicht verlockend. Manchmal frage ich mich, wo das alles herkommt. Im Grunde weiß ich das, dennoch bin ich immer wieder erschüttert über die Heftigkeit dieser inneren Überzeugungen und deren Wirkung. Da haben verschiedene Personen in meinem Leben ganze Arbeit geleistet!

Bei meiner Internetrecherche über alternative Lebensmodelle stieß ich auf die Webseite einer Gruppe junger Leute, die das Wort "arbeiten" für sich gestrichen und durch "wirken" ersetzt haben. Das fand ich sehr inspirierend. Es ist schade, dass das Wort Arbeit so negativ besetzt ist, denn eigentlich möchte doch jeder Mensch eine Aufgabe haben und etwas bewirken. Ich habe gerade mal bei Wikipedia die Etymologie dieses Wortes herausgesucht:
 
Das Wort Arbeit ist gemeingermanischen Ursprungs (*arbējiðiz, got. arbaiþs); die Etymologie ist unsicher; evtl. verwandt mit indoeurop. *orbh- „verwaist“, „Waise“, „ein zu schwerer körperlicher Tätigkeit verdungenes Kind“ (vgl. Erbe); evtl. auch verwandt mit aslaw. robota („Knechtschaft“, „Sklaverei“, vgl. Roboter).
Im Alt- und Mittelhochdeutschen überwiegt die Wortbedeutung „Mühsal“, „Strapaze“, „Not“; redensartlich noch heute Mühe und Arbeit (vgl. Psalm 90, lateinisch labor et dolor).
Das französische Wort travail hat eine ähnliche, sogar noch extremere Wortgeschichte hinter sich: es leitet sich von einem frühmittelalterlichen Folterinstrument ab.
Das italienische lavoro und englische labour (amerikanisch labor) gehen auf das lateinische labor zurück, das ebenfalls primär „Mühe“ bedeutet.
Viele Redensarten sind mit ihr verbunden. So wurde harte körperliche Arbeit früher als Kärrnerarbeit bezeichnet, und eine Schweinearbeit bedeutet unangenehm viel Arbeit: Wer die Arbeit kennt und sich nicht drückt, | der ist verrückt.
 
Ok, jetzt verstehe ich, woran das liegt. Da klingt Wirken tatsächlich viel schöner - nach Kreativität, etwas erschaffen und bewirken, freiwillig und aus der inneren Quelle heraus.

Nun sind Arbeit und Leistung zwar unterschiedliche Begriffe, doch hängen sie untrennbar zusammen. Allerdings wird beim Sport auch gerne von Leistung gesprochen. Das Training von Leistungssportlern ist sicher auch alles andere als lustig. Leistung bedeutet laut Wikipedia übrigens

etymologisch: von spätmittelhochdeutsch leistunge; zu mittelhochdeutsch, althochdeutsch leisten "(etwas) folgen, einer Pflicht nachkommen" ursprünglich "einer Spur folgen"

Naja, haut mich jetzt auch nicht so vom Hocker. Google sagt

Le̱i̱s·tung
Ergebnis einer Arbeit.
"eine hervorragende/mäßige Leistung"

der Prozess, bei dem jmd. etwas mit viel Arbeit erreicht.
"eine wissenschaftliche/intellektuelle Leistung vollbringen"

die Leistung eines Organismus oder einer Maschine o. Ä.
"die Leistung des Gehirns"

Man beachte die Bewertung im ersten Abschnitt. Letzten Endes mag es nichts Verwerfliches sein, eine Leistung oder ein Werk zu bewerten. Es dient ja auch der eigenen Entwicklung, wenn ich z.B. feststelle, dass ein Foto nicht so gut geworden ist, und ich anschließend herausfinde, wie ich es besser machen kann. Leider wird aber oft der Mensch, der hinter seinem Werk steht, gleich mit bewertet. Wenn man dies als Kind verinnerlicht hat, macht es später im Erwachsenenleben keinen Unterschied, ob mich jemand bei der Bewertung von meinem Werk trennen kann oder nicht. Ich werde mich immer als Person bewertet fühlen. Und ehrlich gesagt, finde ich das auch sehr schwer zu trennen. Was ich mache, kommt ja aus meiner Idee oder meinem Verständnis von etwas heraus - also aus meiner Persönlichkeit.

Es fällt mir sehr schwer, mir selbst zu sagen: Das habe ich gut gemacht! Und wenn es mir gelingt, dauert es nicht lange, bis ich wieder daran zweifle. Die Veröffentlichung meines Buches war mit einer Achterbahnfahrt der Gefühle verbunden. Bisher hat es noch niemand verrissen. 23 verkaufte Bücher seit Ende September sind doch auch schonmal nicht so schlecht. Zack - kommt der innere Richter: Najaaa... Jedenfalls kommt es mir nicht in den Sinn, das als Leistung zu sehen. Oder die Umgestaltung des Gartens diesen Sommer. Oder diverse kreative Werke. Dass ich mir überhaupt endlich eine Spiegelreflexkamera gekauft habe, geht auf das Konto meines lieben Mannes. Er hatte mir zum Geburtstag ein Fotografie-Lehrbuch geschenkt. Ohne vernünftige Kamera war das dann doof. Seit knapp 2 Jahren tanzte ich um diesen Gedanken herum. Da ich nicht arbeite und kein Geld verdiene, darf ich mir nicht so etwas Teures kaufen. Egal, wie sehr ich es mir wünsche. Jetzt hängen zwei meiner Fotos als große Poster im Zimmer meines Mannes. Und auf YouPic bekomme ich viel positive Kritik.

Dieser ganze Leistungskack kann einem das Leben echt versauen. Denn es befällt jeden noch so kleinen Lebensbereich. Dann lese ich so psychotherapeutische, lebensbejahende... Sätze wie "Einfach sein!". Und ich denke: Ok, was muss ich dafür tun???
Atmen.

Montag, 20. November 2017

Depression ist keine Entscheidung


Es gibt immer noch Menschen, die glauben, man müsse sich einfach nur für das Glücklichsein entscheiden, um der Depression zu entfliehen. Diese Annahme ist nicht nur falsch sondern auch gefährlich für Betroffene. Zum einen wird dadurch Depression nicht als Krankheit anerkannt, und zum anderen wird dem Betroffenen die Schuld dafür zugewiesen. "Kein Wunder, dass du depressiv bist, wenn du immer nur alleine zu Hause rumhängst und negativ denkst!" Man sollte meinen, dass die Menschen es mittlerweile besser wissen müssten, nachdem immer mehr in der Öffentlichkeit über Depression gesprochen und aufgeklärt wird. Natürlich muss nicht jeder tiefgreifend informiert sein, wenn er persönlich nicht von Depression betroffen ist. Dann sollte man aber auch nicht so ein gefährliches Halb Unwissen verbreiten. Und bitte, es reicht völlig, Depression endlich als Krankheit zu verstehen.

Depression findet im Kopf statt. Deshalb sieht man sie nicht, was sie nicht greifbar macht. Und was im Kopf stattfindet, kann man doch durch eine einfache Entscheidung beeinflussen! So einfach ist das aber nicht. Und tatsächlich findet Depression eben nicht nur im Kopf statt. Viele Betroffene gehen zum Arzt, weil sie ständig müde sind, Magen-, Rücken- oder Kopfschmerzen haben, über Schwindel und Übelkeit klagen, oder an anderen körperlichen Beschwerden leiden. Also wird der Körper auf den Kopf gestellt. Ohne Ergebnis. Im Laufe der Untersuchung stellt sich heraus, dass der Patient depressiv ist. Wahrscheinlich hatte er auch andere für Depression typische Symptome wie Grübelzwang, Hoffnungslosigkeit und Überforderung im Alltag. Die wurden aber vielleicht auf die körperlichen Symptome zurückgeführt und deshalb nicht als primär störend empfunden. Depression ist ja auch ein schleichender Prozess. Man steht nicht eines morgens auf und stellt fest: Oh, ich bin plötzlich so hoffnungslos. Gestern war ich doch noch total fröhlich und voller Energie. - Bei mir hat sich das über viele Jahre hinweg langsam aufgebaut, so dass ich es kaum gemerkt habe. Ich dachte, das gehört zu meiner Persönlichkeit. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, so etwas für Krankheitssymptome zu halten und damit zum Hausarzt zu gehen. Depression betrifft den ganzen Menschen und nicht nur sein Denken.

Depression ist offiziell als Diagnose anerkannt und somit eine Krankheit. Wer glaubt, Depression sei eine Entscheidung, verwechselt sie mit negativem Denken und schlechter Laune. Und solange dies der Fall ist, werden Betroffene einen schweren Stand in der Gesellschaft haben. Hier findet ihr die genaue Bezeichnung der Diagnose Depressive Episode nach ICD-10 und hier die der rezidivierenden depressiven Störung. Beide gehören zur Gruppe der affektiven Störungen, welche "oft mit belastenden Ereignissen oder Situationen in Zusammenhang zu bringen" sind und meistens zu Rückfällen neigen. Da ist von somatischen Symptomen die Rede und von Schuldgefühlen. Die chronische depressive Verstimmung (Dysthymie) wird nochmal zusätzlich unter F34.1 aufgeführt. Wikipedia sagt zu den somatischen Symptomen: Depressive Erkrankungen gehen gelegentlich mit körperlichen Symptomen einher, sogenannten Vitalstörungen, Schmerzen in ganz unterschiedlichen Körperregionen, am typischsten mit einem quälenden Druckgefühl auf der Brust. Während einer depressiven Episode ist die Infektionsanfälligkeit erhöht. Beobachtet wird auch sozialer Rückzug, das Denken ist verlangsamt (Denkhemmung), sinnloses Gedankenkreisen (Grübelzwang), Störungen des Zeitempfindens. Häufig bestehen Reizbarkeit und Ängstlichkeit. Hinzukommen kann eine Überempfindlichkeit gegenüber Geräuschen.

Kommen wir nun zu den Schuldgefühlen. Warum auch immer ein Depressiver sich schuldig fühlt, er ist der Überzeugung, zu schwach für das Leben zu sein. Er glaubt, sich nicht genug anzustrengen (zusammenzureißen), und hält sich für einen Versager. Das verletzte Selbstwertgefühl redet ihm ein, faul, dumm, nicht lebensfähig... zu sein. Und dann sagt einer: Depression ist eine Entscheidung! Diese Aussage untermauert das gestörte Selbstbild eines Depressiven. Die Schuldgefühle werden immer größer und erdrückender. So hart das jetzt klingen mag, aber das kann zum Tod durch Suizid führen. Deshalb ist eine solche Aussage nicht nur ein Schlag ins Gesicht sondern auch gefährlich.

Ich wuchs in einer sehr katholischen Familie auf. Katholiken fühlen sich ja von Natur aus schuldig. Der hohe Anspruch des Heiligseins ist bei dem ewig langen Sündenkatalog, der u.a. völlig menschliche Bedürfnisse und Triebe beinhaltet, überhaupt nicht zu erreichen. Der Mensch kann sich noch so sehr anstrengen, er bleibt ein kleiner Sünder. Es sei denn, er opfert sich gleich seinem Herrn Jesus. Man muss zum Opfer werden, um gut zu sein. Mir winden sich gerade die Eingeweide.

Bevor ich nun weiterschreibe, möchte ich zunächst klarstellen, dass ich hier von den dunkelsten Seiten des katholischen Glaubens berichte. Ich respektiere den christlichen Glauben und weiß, dass er auch sehr heilsam sein kann. Aber die katholische Kirche hat daraus eine Psychoterror-Zwangsjacke gemacht. Anders kann ich es nicht beschreiben. Letzten Endes ist alles eine Frage der Interpretation. Und die Kirche war da sehr virtuos.

Laut katholischem Glauben ist Depression nicht nur eine Frage der freien Entscheidung sondern eine Sünde. Der Teufel redet der Seele negative Gedanken ein. Folglich verschmäht der sündige Mensch Gottes Geschenk: sein Leben. Deshalb kommen Selbstmörder in die Hölle. Und es sind nur charakterschwache Menschen, die den Einflüsterungen des Teufels erliegen. Kurz: wer depressiv ist, ist ein schlechter Mensch, der bestraft werden muss. Klingt nach Mittelalter, oder? Tja, ich wurde aber 1978 geboren. Und ehrlich gesagt, sehe ich keinen so großen Unterschied zu dem, was Depressive sich in ihrem Umfeld oft anhören müssen. Auch wenn da keine Rede von Sünde, Teufel und Hölle ist. Aber Depression ist halt eine Entscheidung (Sünde), und wer deswegen keine Leistung mehr erbringen kann, ist doch einfach nur faul und weniger wert (schwach). Damit will keiner was zu tun haben. Ab an den Rand der Gesellschaft (Hölle)! Unter diesem tollen Tweet "Depression is a choice" las ich tatsächlich Replies wie "Wir sind alle Sünder". KRUZIFIX! Es gibt immer noch Menschen, die so denken!

Was hat das nun mit mir gemacht, dass mir dieses katholische Denken eingetrichtert wurde? Es hat meine Depression verstärkt und chronifiziert. Es wurde nicht als Krankheit verstanden sondern als mein persönlicher Fehler. An professionelle Hilfe war nicht zu denken. Ich sollte stattdessen für mein Seelenheil beten. Ich habe mich tatsächlich für einen hoffnungslos schlechten und schwachen Menschen gehalten. Ich kam einfach nicht gegen die Depression an. Das gab dem Wertlosigkeitsgefühl immer mehr Zunder. Und es führte zu selbstverletzendem Verhalten. Denn als Opfer war ich ja gut, und ich verdiente Strafe. Zu SVV zählt für mich in diesem Zusammenhang nicht nur das klassische Ritzen sondern jede Art von selbstschädigendem Verhalten. Tatsächlich bekam ich jedoch auch einmal ein Buch geschenkt, das die Geschichte vom Hl. Dominicus Savio erzählte. Dieser Junge, der die Schule Don Boscos besuchte, hatte sich den Spruch "Lieber sterben als sündigen" zum Lebensmotto gemacht. Er behandelte sich selbst mit äußerster Strenge, trug zur Buße im tiefsten Winter keine Handschuhe und stach sich die Frostbeulen an den Händen auf, um seinem Herrn Jesus gleich zu sein. Mit 14 Jahren starb er an Lungentuberkulose. Wie so oft bei Heiligengeschichten ist natürlich nicht klar, was daran Legende und was Wahrheit ist. Das ist am Ende auch nicht wichtig. Wichtig ist, was einem dadurch vermittelt wird. Wenn du dir die Freuden des Lebens verbietest und dich selbst durch strenge Buße zum Opfer machst, wirst du heilig gesprochen und von allen verehrt und geliebt. Sonst nicht.

Hatte ich als Kind / Jugendliche die Wahl? War ich in der Lage, mich frei zu entscheiden? Menschen, die sich von einer Sekte losgekämpft haben, werden bestätigen, dass mit dem Verstand nicht viel zu erreichen ist. Man muss nicht dumm sein, um so einem Mist zu erliegen. Man wird emotional an der Psyche gepackt. Und das Gedankengut bleibt einem lange erhalten. Als Kind hat man keine Wahl. Man ist emotional absolut abhängig von seinen Eltern und ihnen somit ausgeliefert. Ich behaupte, dass die meisten depressiven (und anderen psychischen) Erkrankungen ihren Ursprung in der Kindheit finden. Das ist keine Entscheidung sondern eine logische Folge früher psychischer Verletzung.

Sehr verwirrend und widersprüchlich fand ich übrigens, dass Buße durch Selbstverletzung einerseits gelobt wurde, Suizid jedoch verteufelt. Während dieser Dominicus Savio für seine Selbstverstümmelung heilig gesprochen wurde, schimpfte man mich aus, wenn ich mir in einem verzweifelten Wutanfall die Hand aufschlug. Egal, was ich tat, es war falsch. Aber gut, ich tat es aus Selbsthass, Dominicus aus Liebe zu Gott. Es wird also nach Absicht beurteilt. Da kommt wieder die persönliche Auslegung zum Tragen. Das Resultat bleibt dasselbe: blutende Hände, die nicht hätten sein müssen.

Übrigens führt dieses Sündenkonzept auch zum aktuell diskutierten Victimblaming. Ein Freund Dominicus Savios wurde ermordet, weil er sich gegen sexuellen Missbrauch wehrte. Lieber sterben, statt sündigen!!! Hätte er sich nicht gewehrt und dadurch überlebt, wäre er ein Sünder gewesen. Und ganz sicher hätte er das dann auch alles so gewollt. Ich lass das mal so stehen. Klammer auf, Klammer zu.

Ich fasse nochmal zusammen: Depression ist eine Krankheit und keine Entscheidung. Sie bedarf der Behandlung - sei es durch Medikamente oder / und Therapie. Depressive sind weder schwach noch schlecht im Sinne von faul usw. Die von vielen als antiquiert angesehene katholische Denkweise setzt sich mit anderen Begriffen in der Gesellschaft fort, besonders was die Schuld betrifft. Depression nicht als Krankheit zu verstehen, Opfern von Gewalttaten die Schuld dafür zu geben... lässt Menschen nicht nur im Stich, sondern stößt sie tiefer in den Abgrund.